Filme aus Boddiwood

KURZFILME Zum dritten Mal findet parallel zur Berlinale die „Boddinale“ in Neukölln statt, bei der junge Filmemacher im Fokus stehen

Der Investor will abreißen lassen. Und Spekulant Kalle, blond, kantig, Anfang dreißig, hasst sich dafür, dass er ihm wohl oder übel den Wohnblock andrehen muss. Er hat in diesem Haus seine eigene Kindheit verbracht. Noch dazu taucht plötzlich ein Obdachloser im zerschlissenen Treppenhaus auf, ein ehemaliger Mieter, von dem Kalle dachte, er sei vor 20 Jahren verstorben. Nun aber sieht man ihn wie den personifizierten Geist Neuköllns durch das halbdokumentarische Drama des Berliner Regisseurs Arneny Rapoport huschen.

„Der Typ ist weg“ ist nur einer von vielen Kurzfilmen über den Ausverkauf der Kieze, die auf dem Filmfestival „Boddinale“, benannt nach der Location in der Neuköllner Boddinstraße, gezeigt werden. Zum dritten Mal veranstaltet das internationale Künstlerkollektiv Loophole die Alternativ-Veranstaltung zum Berlinale-Rummel. Kurator der Boddinale ist der Medienphilosoph Gianluca Baccanico, der seit sieben Jahren in Berlin Kunst-Events organisiert. An insgesamt zehn Abenden zeigt er insgesamt 86 Filme. Die Idee für das Festival hatten er und die Loophole-Künstler vor drei Jahren. „Damals wollten wir eigentlich nur unsere befreundeten Filmemacher während der Berlinale feiern.“ Aus dem Filmegucken unter Freunden entwickelte sich im zweiten Jahr ein Festival mit 1.500 Zuschauern, mit Jury- und Publikumspreisen.

„Eine Idee von der gegenwärtigen Stadt bekommen, als ob man in der U-Bahn säße“

BODDINALE-KURATOR BACCANICO

„Wir waren überrascht, dass das so schnell gewachsen ist“, erzählt Baccanico. In diesem Jahr weitet er das Festival auf die benachbarte Galerie Kaleidoskop aus, wo die jeweiligen Filme parallel zum Hauptveranstaltungsort Loophole in der Boddinstraße zu sehen sein werden. Baccanico möchte damit dem Besucheranstrom Herr werden – gleichzeitig will er nicht, dass verschiedene Filme zeitgleich laufen. Das inhaltliche Konzept des Festivals ist simpel: Die eingereichten Filme müssen von Berliner Regisseuren stammen und eine Geschichte erzählen. „Die Zuschauer sollen eine Idee von der gegenwärtigen Stadt bekommen, als ob sie in der U-Bahn säßen und sich mit allen Fahrgästen unterhalten würden“, sagt Baccanico.

Dabei ergeben sich ganz automatisch Schwerpunkte wie der selbstkritische Blick auf die Gentrifizierung, deren Teil Künstler ja auch immer sind. Der italienische Künstler BLU wird eine Kurzdoku zur Übermalung seiner Wandgemälde in der Cuvrystraße im vergangenen Dezember vorlegen. Mit Streetart beschäftigt sich auch die eigenwillige Doku „Berlin spricht Wände“ von Markus Muthig. Er begleitet Street Art-Künstler wie Alias oder Feliks Stift auf ihren nächtlichen Mal-Touren.

Ebenfalls zu sehen sein wird „Invisible Me“, ein Kurzfilm-Liebesdrama des deutsch-türkischen Regisseurs Murat Ünal. Bisher war Ünal vor allem für seine YouTube-Kultserie „Tiger – die Kralle von Kreuzberg“ bekannt, in der ein Proll augenzwinkernd und ohne allzu öde Plattitüden Tipps in Sachen „Frauen anbaggern“ gibt. In „Invisible Me“ erzählt Ünal in dichten, stark stilisierten Bildern das Dilemma eines Muslims, der sich in eine Nichtmuslimin verliebt: ein Berlin-Clash-Film mit großer Ernsthaftigkeit und – nicht zuletzt – hoher Gegenwartsrelevanz.

Mit mehreren Filmen von Regisseuren, die aus Israel stammen, weist das Festival auf einen weiteren Aspekt Neuberliner Identitäten hin. So zieht die Regisseurin Dalia Castel in „Jerusalem for Cowards“ mit der Kamera durch ihre Heimatstadt, trifft moderate Rabbiner und geschäftstüchtige Palästinenser und schafft ein etwas langatmiges, aber intimes Porträt Jerusalems, das die Hoffnung auf Frieden und Verständigung im Alltagsleben der Bewohner sucht und findet. TOBIAS KRONE

■ 5.–15. 2., tgl. ab 18 Uhr, Loophole, Boddinstraße 60. Programm: www.boddinale.de