Schwuler Zombie-Sexfilm

Im Darm ist die Hölle los

Radical Chic und Fleischeslust. Bruce LaBruce, Filmemacher mit einem Faible für pornografischen Underground, hat einen schwulen Zombiefilm gedreht: "Otto; or, Up with Dead People".von JAN KEDVES

Viel entleertes Starren: nicht Forrest Gump, sondern Otto.   Bild:  gmfilms

Angesprochen auf seine Pläne, erklärte der große kanadische Queer- und Politpornograf Bruce LaBruce vor drei Jahren, er verfolge parallel zwei neue Projekte. Erstens einen Sexfilm mit schwulen Zombies. Zweitens eine Art Hardcore-Remake von Wong Kar-Wais "Happy Together". LaBruce hatte damals allen Grund, optimistisch nach vorne zu blicken: "The Raspberry Reich", sein Film über eine schwule Terrorgruppe nach Baader-Meinhof-Vorbild, war auf Queer- und Independent-Festivals weltweit bejubelt worden. Der Regisseur sprach also gelöst über die Dissoziation des westlichen Homo consumens, über die orgiastischen Elemente des modernen Zombiefilms und vom Übel der neuen schwulen Bürgerlichkeit. Genau so, dachte man sich, muss ein Mensch reden, der sich mit Punk-Ethos sein Leben lang an Sex-Issues abgearbeitet hat.

Zur Erinnerung: Bruce LaBruce' erste öffentliche Aktionen bestanden im Toronto der frühen Achtziger darin, im Alleingang "Queercore" auszurufen, eine frei erfundene Bewegung mit dem Ziel, homophoben Punks große Mengen Alkoholika einzuflößen und sie in Frauenkleider zu stecken. Irgendwann kam noch eine Kamera hinzu. Queerer Aktivismus, Trash, Sex und Ironie: Heute noch ruht auf diesen Eckpfeilern LaBruce Programm.

Besagter Zombiefilm, "Otto; or, Up with Dead People", kommt diese Woche in die deutschen Kinos, es ist der erste reguläre Start eines Bruce-LaBruce-Films hierzulande. Dass dies ein Grund zur Freude ist, darüber scheint sich die Kritik bislang einig. Fest steht jedoch: "Otto" ist das bislang behäbigste Werk des Regisseurs. Im Grunde ist es nicht mal ein Porno. Explizites beziehungsweise Erigiertes wird nicht gezeigt. Abgesehen höchstens von den zwei Sekunden, in denen ein zombifizierter Berliner Szeneschwuler seinen toten Lover vor cleaner Designerküchenkulisse reanimiert - mit einem beherzten Fick in die offene Bauchdecke.

Bruce LaBruce wendet in "Otto" sein Prinzip der cinematischen Vampirisierung an, mit dem er sich auch schon Agit-Prop, Fellini und Trash einverleibte und in Nazi-Pornos und Punk-Pornos aufgehen ließ. In der Hauptrolle: Otto, ein melancholischer Untoter beziehungsweise ein völlig apathischer Untoter - ganz klar wird das nicht. Irgendwo im Brandenburgischen reckt er eines Vormittags die Faust aus der Erde, stilecht angetan mit schwarzer Krawatte und weißem Make-up, ein Mode-Goth. Er schaufelt sich aus seinem Grab, humpelt und trampt nach Berlin. Was er dort will, weiß er selber nicht. Prompt geht er einer lesbischen Undergroundfilmerin ins Netz, Medea Yarn ihr Name - unschwer zu erkennen ein Anagramm von Maya Deren, der legendären Undergroundfilmerin. Medea Yarn also jagt Otto, der seltsamerweise, völlig untypisch für einen Zombie, gar keinen Appetit auf Fleisch hat, vor ihre Kamera, inmitten eines marodierenden Schwulenmobs. Der Film, der so entsteht, soll "Up with Dead People" heißen - "Hoch leben die Toten". Ob Otto indes wirklich untot ist oder eher ein Traumapatient mit Vollmeise, das bleibt dem Zuschauer, vor allem aber Otto selbst, verborgen.

Brillant in ihrer Rolle der Medea Yarn: Katharina Klewinghaus, die sich passenderweise vor kurzem als Regisseurin des Filmessays "Science of Horror" selbst weitschweifende Gedanken zu den Beziehungen zwischen Blutrunst, Gender und Schaulust gemacht hat. Otto wird von Jey Crisfar gespielt, ein völlig unbeschriebenes Blatt, Belgier, jung, hübsch, Amateur. Angeblich hat LaBruce ihn über MySpace gecastet. Genauso hätte es eine der unzähligen Onlineplattformen für spontanes schwules Sex-Dating sein können.

In gewisser Weise stellt "Otto" nicht nur eine Erweiterung des LaBruce'schen Figurenarsenals um Untote dar, sondern genauso ein Best-of-Zusammenschnitt der aus den bisherigen Filmen des Kanadiers bekannten Motive. Da ist das bourgeoise Schwulenpaar, das bestraft werden muss. In "Skin Flick" (1999) ließ LaBruce es beim romantischen Sushi-Dinner von einem Trupp schwuler Naziskins heimsuchen und vergewaltigen. In "Otto" lebt es nun im schicken Mitte-Apartment, einer der beiden muss sich mit einem Kopfschuss umbringen. Das andere wiederkehrende Motiv: die lesbische, hochgradig manipulative Low-Budget-Filmerin. In "No Skin Off My Ass" (1991) ließ LaBruce genau so eine an einem Film über die Frauen der Symbionese Liberation Army arbeiten; in "Super 8 1/2" (1994) nutzte sie rücksichtslos einen erfolglosen schwulen Pornomacher aus, um an Geld für ihr nächstes Projekt zu kommen. In "Otto" dreht nun Medea Yarn einen Propagandafilm über eine untote schwule Stadtguerilla, die wohl als Vorbote der bevorstehenden Apokalypse und zugleich als Ausdruck eines besonders schlimmen urbanen Ennuis gelesen werden darf.

Da es in "Otto" aber nicht mehr um eine politisch gedachte Darstellung von schwulem Sex geht und da Minoritäten im modernen Zombiefilm bekanntlich immer stellvertretend für die Malaisen der gesamten Gesellschaft stehen, ließe sich fragen, warum es in dem Film unbedingt um Schwule gehen muss. Weil es bei LaBruce eben immer so ist? Aus Angst, die Fans zu verstören? Nein, die speziellen Analogien zwischen Zombies und Schwulen sind dann doch ein bisschen zu augenscheinlich, um einfach ignoriert zu werden: Im einen wie im anderen Kreis geht es häufig um die Objektivierung von Fleisch, Viren spielen ebenso eine wichtige Rolle, und natürlich Konsum - die Statistiken zumindest scheinen immer wieder zu belegen, dass gut verdienenden, kinder- und familienlosen Homosexuellen nichts anderes übrig bleibt, als zu Warenfetischisten zu werden.

All diese Komplexe schwingen in "Otto" mit und werden mit Bildern des schick durchsanierten Berliner Ostens verschnitten. Und doch hat man den Eindruck, dass "The Raspberry Reich" einen über weite Strecken besser unterhielt. Der Film war nicht nur übersexter, sondern auch zackiger montiert, das Sloganizing kam pointierter: "The revolution is my boyfriend", "Heterosexuality is the opiate of the masses", "Madonna is counterrevolutionary". In "Otto" gibt es lediglich die endlos wabernden Konsumkritikmonologe der von ihrem agitatorischen Eifer sehr berauschten Medea, nachts hockt Otto in der bizarren Kulisse des verlassenen Vergnügungsparks im Plänterwald und starrt in den Sternenhimmel - außer morbider Romantik passiert minutenlang nichts. Auch tagsüber, am Schlesischen Tor, in der Schönhauser Allee oder in Mitte: viel leeres Stieren.

Und doch trägt es fast sympathische Züge von Selbstsabotage, wie LaBruce hier, in seiner bislang teuersten Produktion, mit finanziellem Backing nicht mehr nur von seinem langjährigen Berliner Produzenten Jürgen Brüning, sondern auch aus dem internationalen Kunstbusiness - der kalifornische Erfolgsgalerist Javier Peres und dessen gehypter Protegé Terence Koh sind Coproduzenten -, wie LaBruce hier also mit allem technischem Pipapo, mit profihaft gesetztem Licht und neuester HD-Technik auf Teufel komm raus zugleich den größtmöglichen Publikumscrossover und die gründlichste inhaltliche Verzettelung will. Wie er unbedingt noch, als Film im Film im Film, ein Restaging von Maya Derens "Meshes of the Afternoon" mit reinbringen muss. Wie das finale Entschwinden Ottos aus Berlin in Richtung Nordpol sowohl als rein privates Resignieren wie auch als große politische Geste deutbar sein soll. Und wie er über all diesem kopfigen Wust eben völlig die Dramaturgie vergisst.

Als Ironie der Geschichte bleibt es bei diesem seltsam getakteten Durcharbeiten von Radical Chic und Fleischeslust somit auch nicht ganz aus, dass Sujet und Mode nicht völlig zur Deckung kommen: Da "Otto", Ende vorletzten Jahres gedreht, erst jetzt in den Kinos anläuft, ist der vom amerikanischen Modedesigner Rick Owens für den Cast zusammengestellte Goth-Chic draußen auf den Straßen inzwischen längst doppelt und dreifach last season. Zumindest dort, wo dieser Film nur spielen konnte: in Berlin.

 

<typohead type="5">"Otto; or, Up with Dead People". Regie: Bruce LaBruce. Mit Jey Crisfar, Katharina Klewinghaus, Susanne Sachsse, Deutschland/Kanada 2008, 94 Min.</typohead>

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