Schwarzweiße Seiltänze

Von der Kraft zu kollektivem Chaos und realer Utopie: Wolfgang Krolows poetische Momentaufnahmen aus Kreuzberg in den 70er- und 80er-Jahren, die ein ganz eigenes Bild des Bezirks entwerfen, jenseits von Klischee oder Mythologisierung

Die rissigen Stuckfassaden erzählen von vergangenem Glanz. Ein Liebespaar in Schwarz sitzt am Rinnstein in der Sonne und trinkt Bier. Hinter ihnen eine türkische Frau mit schweren Tüten voller Gemüse. Kinder hüpfen auf einem Autowrack. Punks mit steilem Irokesen schwingen auf dem Bürgersteig in gefährlicher Pose eine Fahrradkette. Auf einer Backsteinmauer liegt der lange Schatten eines alten Mannes. Verblasste Ladenaufschriften und gesprühte Parolen wirken wie Untertitel.

Wolfgang Krolows Kreuzberger Fotografien aus den 70er- und 80er-Jahren sind poetische Momentaufnahmen eines Stadtteils und seiner Bewohner aus einer Ära, die zwischen Verfall und Utopia changierte. In ihrer künstlerischen Kraft und Lebendigkeit sind sie vergleichbar mit den Fotografien des Parisers Robert Doisneau, der in den 50ern mit ähnlich prägnantem Blick für Menschen und Situationen das Boheme-Quartier Montmartre portraitierte. Auch Krolows Bilder haben eine klassische, zeit- und ortlose Qualität. Lebenslust und Vergänglichkeit, Spiel und Widerstand, Liebe, Einsamkeit, Wut und Fremdheit sind die Emotionen, die die subtilen Schwarzweißfotos untergründig bestimmen.

1950 bei Kaiserslautern als Sohn eines hanseatisch-pfälzischen Ärztepaares geboren, verbrachte Krolow eine unabhängige Kindheit auf dem Lande, trat als Jugendlicher mit der Blues Harp vor GIs in Ami-Clubs in K-Town auf und begann bald in Mannheim mit dem Studium der Bildhauerei. Mehrmals zog er von dort los in den näheren und ferneren Osten. Seine Reiseerfahrungen und die Bekanntschaft mit dem Fotografen-Kommilitonen Gerhard Vormwald begeisterten ihn für die flexiblere Arbeit mit der Fotokamera. 1972 wechselte er nach Berlin an die Hochschule der Künste. Schnell landete er in Berlin-Kreuzberg bei den politischen Außenseitern und radikalen Träumern, die der bundesrepublikanischen Normalität entfliehen wollten und ein lebendigeres, solidarischeres Leben suchten. In den heruntergekommenen, grauen Vorderhausfluchten und Hinterhauswohnungen mit Außenklo und Ofenheizung fanden damals viele ihr Paradies, das ein exotisches und selbst bestimmtes Leben in extremer Inselrandlage verhieß.

In dieser verfallenden Gründerzeitpracht findet Krolow die Kulisse für das Neben- und Miteinander der unterschiedlichen Lebenswelten. In einer rauschhaften Produktivität porträtiert er den Bezirk im Schwebezustand zwischen Abriss und behutsamer Stadtentwicklung. Ob türkische Frauen aus der ersten Generation der Immigranten, Kinder, deutsche Rentner, arabische Jugendliche, Punks – Krolow kommt in Kontakt mit allen und erhält Zutritt zu Moscheen, Koranschulen, Hausbesetzerwohnungen. Die Spannung zwischen den diversen Atmosphären wird für seine Arbeit wesentlich. Er nimmt den ungestümen Rhythmus einer lebendigen Kultur- und Politszene auf und kreiert mit seinen Fotos eine eigene Ästhetik des Kreuzberger Widerstands diesseits von Klischee oder Mythologisierung. Mit traumtänzerischer Sicherheit gelingen ihm Porträts, die oft zärtlich und nie denunzierend sind. Von Rolf Hosfeld und Peter-Paul Zahl kongenial kommentiert erschienen sie 1981 in seinem Hauptwerk „Seiltänze“.

Wolfgang Krolow ist ein Bluesman. Er spürt die Melancholie und Musikalität in den Augenblicken des Alltags. Wenn er rausgeht zum Fotografieren, will er Bilder machen, so wie Dylan singt: Geschichten von Gratwanderungen der Menschen erzählen, rau und sanft zugleich. So wie in der körnigen Momentaufnahme des alten Mannes in kurdischer Tracht, der seine Enkelin durch eine graue Waldemarstraße zieht.

Bei aller situativen, uninszenierten Zufälligkeit seiner Motive fallen die formalen Kompositionen seiner Fotografien auf. Immer wieder bilden die geometrischen Strukturen der Architektur und des Straßenpflasters den kontrastreichen Hintergrund. Wie Relikte seiner Praxis als Bildhauer akzentuieren die Konturen eines späten oder frühen Tages, die Aufteilung in Hell-Dunkel-Flächen und tiefschwarze Schatten die Fotos.

Irgendwann Ende der Achtziger gingen Krolow in Kreuzberg die Motive aus. Die Gentrifizierung erreichte die sanierten Straßenzüge und machte sie kalkulierbarer und spannungsloser. Der Charme des Unfertigen, anarchisch Improvisierten wurde seltener. Krolow fotografierte wieder vermehrt auf Reisen, porträtierte bei Film und Theater. Als die Mauer fiel, gelangen ihm einige ungewöhnliche Motive von der schnellen Inbesitznahme des Grenzstreifens durch die Anwohner. In Wolgograd, dem früheren Stalingrad, fotografierte er psychologische Ansichten vom Leben im Nowhereland zwischen Postsozialismus und Präkapitalismus. 1990 konnte er in das noch sozialistische Albanien einreisen und entwarf in wenigen Wochen ein dichtes, berührendes Porträt des isolierten Landes und seiner Einwohner, veröffentlicht in „Albanien – ein Fotolesebuch“.

Süchtig nach Leben setzte Krolow seinen eigenen, Raubbau treibenden Seiltanz fort, bis er im Januar 2005 knapp einen Gehirnschlag überlebte. Heute wohnt er mit Rollstuhl wieder in Kreuzberg am sanierten Chamissoplatz. Der Beharrlichkeit des Galeristen Norbert Bunge ist es zu verdanken, dass es jetzt nach vielen Jahren wieder eine Einzelausstellung von Wolfgang Krolows Fotografien gibt. In der kleinen, fein sortierten Galerie argus fotokunst in Berlin-Mitte sind die ungefähr fünfzig schwarzweiße Vintage-Prints von Stadtlandschaften, Porträts und Reiseaufnahmen zu sehen. Bei der Durchsicht seiner ausliegenden Fotobücher fällt auf, dass verschiedene Themenbereiche in der Werkschau fehlen. Auch in seinem Archiv liegen noch viele ungehobene Schätze. Vielleicht müsste nur der oder die Richtige kommen und den Deckel öffnen. Und vielleicht würde dann etwas Ähnliches passieren, wie eines nachts im Hotelzimmer in Tirana, als Krolow seinen Hut lupfte, den er Stunden vorher auf dem Lande durch die Luft geschwenkt hatte, und Dutzende von Glühwürmchen hell funkelnd durch den dunklen Raum taumelten.