Ins Leben hineinwachsen

GEDOPPELT Alles liegt bereit, doch muss man erst das Richtige finden: Teresa Präauers schön verspielter Künstlerroman „Johnny und Jean“

Gleich auf den ersten Seiten dieses hinreißenden Romans über die Kunststudenten „Johnny und Jean“ wird ein abgefahrenes Kunstwerk geschildert, eine Art Happening mit gefundenen Möbeln und eingeschlossenem Künstler. Die Möbel hat Jean sich vom Sperrmüll geholt und in seiner Wohnung miteinander verklebt, vernagelt, mit Lack übermalt; dann verbarrikadiert er die Tür, setzt sich wie ein König auf den Möbelberg und wartet auf seine Freunde, die er durch ein Plakat auf seine Kunstaktion aufmerksam gemacht hat.

Ich mag Romane, in denen Kunst vorkommt. Sie fordern das Imaginationsvermögen heraus; ein Vermögen, das in der Branche der Textfixierten manchmal ein wenig verkümmert zu sein scheint. Für die in Linz geborene Teresa Präauer, die neben der Germanistik auch Malerei studiert hat, gilt das nicht.

Mit einem Sprung ins Wasser geht es los, einem eleganten Salto; den macht Jean vom Dreimeterbrett, und alle klatschen Beifall; wohingegen der Ich-Erzähler, er nennt sich Johnny, vom Beckenrand ins Wasser plumpst, selbst die Badehose muss ihm beim Springen noch runterrutschen. Jean, das ist der, dem nicht nur der Salto gelingt. Jean hängen die Jungs an den Lippen; Jean ist einer, dem alles gelingt, im Leben wie in der Kunst, tja, und natürlich umschwirren ihn bald auch die Fräuleins wie Motten das Licht. Mit Jean wünscht Johnny befreundet zu sein, fast könnte man sagen, er sei verliebt.

Im Comicstrip von Robert Crumb wäre Jean der Glückspilz, den der Meatball trifft. Dong! Johnny ist das Gegenmodell dazu; ihm fallen die Ideen und die Menschen nicht zu. Er malt immerzu Fische; coole Happenings mit Möbelschrott liegen nicht im Rahmen seiner schlichten Einfälle; beim Aktzeichnen in der Kunsthochschule wagt er nicht, bei den Modellen den „Ursprung der Welt“, wie der Maler Courbet das nannte, ins Auge zu nehmen. Seine Jungfräulichkeit droht zum Dauerzustand zu werden, so grausam schüchtern ist Johnny. Doch übersehen wir nicht, dass der Roman einsteigt mit dem Satz: „Ich stelle mir vor, wie …“ Also alles nur ein Gedankenspiel? Möglichkeitssinn? Mir scheint, dass Teresa Präauer das Porträt des Künstlers als junger Mann bewusst doppelgesichtig anlegt. Forciert gesagt: In jedem Johnny steckt ein Jean, in jedem Jean ein Johnny.

Kürzlich hat sich die Autorin an einer Umfrage der Literaturzeitschrift Volltext beteiligt. Befragt wurden Schriftsteller und Schriftstellerinnen nach einer möglichen Zukunft der Literatur. In ihrer knappen, gewitzten Antwort fällt sofort auf, was Teresa Präauer nicht tut: Sie schlägt keinen adrenalingesättigten, junggeniehaften Protzton an; sie behauptet nicht, heute müsse man ganz anders schreiben; sie gibt sich nicht dogmatisch, aber auch nicht ängstlich, im Gegenteil, sie wehrt sich gegen die Angst und bezieht sich, wissend, wie unhip das ist, auf Milan Kundera, der einmal schrieb: „Die Quelle der Angst liegt in der Zukunft, und wer von der Zukunft befreit ist, hat nichts zu befürchten.“

Teresa Präauer hat recht. Es geht weiter mit der Literatur. Und zwar mit vollem Gepäck

Nun ist der seit Jahrzehnten in Paris lebende Milan Kundera ein politischer Exilant aus dem sozialistischen Prag, was ihn doch sehr unterscheidet von einer Autorin, die wie alle ihre westlich sozialisierten Zeitgenossen vor der Herausforderung steht, dass sie vom paradiesischen Überfluss her kommt. Ich meine nicht den materiellen Überfluss, das wäre zu billig, sondern den künstlerischen, den ästhetischen, den poetischen Überfluss. Gerade dieser Überfluss – das Gefühl, dass alles schon da ist oder da gewesen ist – macht melancholisch. Man sollte das nicht bagatellisieren.

Teresa Präauer befreit sich aus dieser Lage durch eine heiter-lakonische Bejahung des Weitermachens. Sie gehe davon aus, schreibt sie, „dass es die Literatur immer gegeben hat und also immer geben wird“ – und sagt dann noch etwas, das mich besonders aufhorchen ließ. Sie behauptet nämlich, die Literatur sei für sie „mehr räumlich als zeitlich“. Ein schöner Gedanke!

Eine volle Romanwelt

Und Teresa Präauer hat ganz recht: Es geht weiter mit der Literatur. Es geht weiter, und zwar mit vollem Gepäck. In „Johnny und Jean“ hat sie die Frage, was es heißt, ins Leben hineinzuwachsen, auf die Szene der bildenden Kunst verlagert. Und sie schont ihre Leser nicht, die müssen den zahlreichen Anspielungen, hingeworfenen Namen, Bildbeschreibungen und Tagträumen mit großen Toten gewachsen zu sein. Ich für meinen Teil mag diese Nonchalance sehr, ich mag es, dass diese Romanwelt „voll“ ist, voll und ein bisschen verrückt.

Ich mag es, wie der Roman angeekelt ist von Leuten, die die Künstler aussaugen, während sie ihnen zugleich die Regeln des Geldes und des Hochmuts diktieren, und ich mag es, wie der Roman es schafft, sich über diese Meute lustig zu machen. Heiterkeit und Melancholie, Spott und Mitgefühl gehen unmerklich, ja kunstvoll, ineinander über. Aus pädagogischen Gründen die Welt kleiner zu machen, als sie ist, liegt einer Autorin wie Teresa Präauer erfreulicherweise fern. Man muss es kaum betonen: Hier weht der Geist der späten Postmoderne, er weht vom Paradiese her, mit Walter Benjamin gesagt, der ebenfalls zitiert wird in diesem Roman der Zitate und Allusionen.

Vielleicht kann man als Botschaft resümieren: Alles liegt bereit, und doch muss man das Richtige für sich finden. Von diesem Prozess erzählt der Roman. Das Richtige finden oder die Richtige. Als Johnny doch noch, endlich, seine Unschuld verliert an ein geniales Mädchen namens Louise, geschieht es in einem Museum in Dänemark, dort, wo in einer dunklen Kammer ein Video von Pipilotti Rist läuft. Willkommen Louise, willkommen im Leben von Johnny! Derweil lässt der berühmte Herr Duchamp, auferstanden von den Toten, dem angeschlagenen Jean ausrichten, „dass man für die Kunst manchmal auch den Zweifel braucht. Und die Einsamkeit und das Nachdenken.“

Ein Hinweis auf Mary Schoenblum darf nicht fehlen, eine köstlich klischierte New Yorker Kunsthistorikerin, die als Gastprofessorin in der zweitgrößten Stadt des kleinen europäischen Landes weilt und die sanft-ironisch als Theorie-Ikone durch den Roman schwebt.

Sie soll das letzte Wort haben: „‚Frankly, I suppose‘, sagt Mary, ‚die Künstler haben gern nackte Frauen malen wollen. Da ist ihnen die Figur der Venus gerade recht gekommen.‘“