Berliner Platten

Ballermann spuckt Töne: Sera Finale hat noch eine Kugel im Lauf, und Tony D sorgt sich keineswegs um den Totalschaden

Ach ja, das ist schon schön, so ein Rapper zu sein. Die Welt ist fein säuberlich geordnet, auch auf „Die nächste Kugel im Lauf“ von Sera Finale. Die anderen sind „Opfer“, man selbst aber hat es natürlich drauf: „Das ist große Klappe, viel dahinter“. Man „schießt mit Lyrics“ hauptberuflich und wenn es mit dem Rappen nicht mehr klappt „werd ich Autoschieber“. In der Freizeit träumt man dann von „Models im Tanga“.

Sera Finale, der im Film „Status Yo!“ vor vier Jahren mehr oder weniger sich selbst spielte, hat das martialische Gehabe des Gangsta-Raps also im Angebot, allerdings sind seine Inhalte entschieden differenzierter, als man es aus dem Gewerbe sonst gewohnt ist. Eine Hymne auf die Heimatstadt „Berlin“ darf natürlich nicht fehlen, ebenso wenig wie der demonstrativ sensible Rückblick auf die prägenden Jugendtage, „die gute alte Zeit“. Aber wenn der Rapper sich in eine „Braut“ verliebt, bekommen sogar die alten Götter ihre Props („Amor ist ein cooler Freak“) und werden nicht nur sexistische Klischees referiert und die sexuelle Verfügbarkeit der „bitches“ gefeiert, sondern Frauen durchaus auch mal als Menschen wahrgenommen. Selbst die eine oder andere politische Erkenntnis wird als reimtauglich erachtet: „Schau mal in die Dritte Welt, wir haben nur Luxusprobleme.“

Die Raps rollen meist recht elegant, und wie nebenbei werden auch noch Wir sind Helden, der Freundeskreis oder Rio Reiser zitiert. Mit dessen Hilfe wird in „Manifest“, einem Denkmal für den eigenen Nachwuchs, selbst der härteste Rapper weich: „Ich mach es wie Rio, halt mich an meiner Liebe fest.“ Dass die musikalische Umsetzung eher altmodisch ist, der Sound bisweilen an die frühen Tage des kalifornischen G-Funk erinnert und sich jeder zweite Song anhört wie von Tupac Shakur abgekupfert, das soll hier jetzt mal gar nicht als Vorwurf, sondern als liebevolle Ehrbezeugung und konsequente Umsetzung abgebucht werden.

Wem das aber alles schon zu kompliziert ist, der ist bei Tony D an der richtigen Adresse. Muhamed Ayad, Kreuzberger mit libanesischen Wurzeln, war Teil der Berliner-Härte-Keimzelle Die Sekte und gibt nun den Schläger aus dem Boxstall Aggro Berlin. Schon im Titelsong seines Albums „Totalschaden“ macht er klar, wo in der Hauptstadt der Hammer hängt: „Keiner fickt mit uns“ ist die Botschaft an „die Gegners“. Für die wird „der Knüppel ausgepackt“, und „Tony D ist da“ reimt sich auf „immer noch der Zerstör-ra“. Ansonsten passiert nicht viel, die reimtechnischen Fähigkeiten und das thematische Spektrum sind doch arg eingeschränkt: Mit der Hilfe von Fler, Sido, Frauenarzt und B-Tight werden eigentlich nur eine einzige lange, viel zu lange Kneipenschlägerei und die vorangegangenen Drohgebärden vertont.

Kurz und gut: Tony D ergänzt das Portfolio von Aggro um den Entwurf HipHop-Hooligan, und diesen Job übernimmt er mit vollem Einsatz – auch körperlichem, wie seine aufgeplusterte Rausschmeißerstatur verrät. Aber man kriegt das Gefühl nicht los, dass man es hier mit einem Auslaufmodell zu tun hat. THOMAS WINKLER

Sera Finale: „Die nächste Kugel im Lauf“ (I Luv Money/ Supafly)

Tony D: „Totalschaden“ (Aggro Berlin/ Groove Attack)