Tatort Wilhelmsburg

Im weiten Vorfeld der Internationalen Bauausstellung 2013 wird der Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg von Kunst überschwemmt. Beim „Wilhelmsburger Freitag“ versuchen sechs Künstler, den ehemaligen Arbeiterbezirk auf ungewohnte Art erfahrbar zu machen

von HANNES LEUSCHNER

Der Bus hält am Karl-Arnold-Ring. Es ist ein stürmischer Septemberabend, ich schlage den Mantelkragen hoch und zünde eine Zigarette an. Ich bin auf der Suche nach dem Wilhelmsburger Freitag, einem Kunstprojekt. Sechs Künstler sind eingeladen, mit dem Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg und seinen Bewohnern in Kontakt zu treten.

Wilhelmsburg, ab vom Schuss, gilt als Problemstadtteil: Immigrantenviertel, billige Mieten, Kriminalität. Der Bär tanzt hier eigentlich nicht. Aber Hamburg will über die Elbe wachsen, und Wilhelmsburg hat noch viel Platz für Investoren. Im Vorfeld der Internationalen Bauausstellung 2013 schwappt nun die Kultur im Überfluss durch die breiten Straßen: „Zehn Grad Kunst“ nennt sich das, wobei es sich um ein vom Senat verabschiedetes Label handelt, unter dem auch der Wilhelmsburger Freitag läuft. Kuratorin Britta Peters betont jedoch, dass es in erster Linie um die Kunst an sich geht, und man die Interessen der Internationalen Bauausstellung durchaus kritisch sieht.

Der Karl-Arnold-Ring ist eine Bauausstellung eigener Art: Ein paar traurige Reihenhäuser sind, als suchten sie Wärme, eng aneinander gerückt; ansonsten ragen die Wohnbunker in den Himmel und glotzen mit tausend Fenster- und Balkonaugen auf die breiten, fast menschenleeren Straßen. Außer wohnen, scheint’s, kann man hier nichts machen. Inmitten der grauen Fassaden eine leuchtende Werbetafel: „Die Simpsons“ steht darauf.

Es handelt sich um ein Projekt der Künstlerin Mandla Reuter: Sie hat eine Hochhaus-Wohnung in ein Kino umgewandelt; drei Tage die Woche Blockbuster-Kino auf 50 Quadratmetern. Vor dem Hochhaus, in dem das Kino stattfinden soll, ist ein kleiner Grünstreifen. Darauf ein Grillhüttchen, das in seiner Düsterheit anmutet wie ein Zitat aus einem Gruselfilm.

Im Hausflur lungern einige jener Jugendlichen herum, denen man in solchen Stadtvierteln unterstellt, aggressionsbereit zu sein. Ich versuche so zu wirken, als ginge ich Drogen einkaufen und drücke mich mit einem zerknirschten „Moin“ an ihnen vorbei in die Fahrstuhlkabine. Die Einkerbungen in der Wand sind hoffentlich keine Einschusslöcher, und die rote Farbe nur aus dem Edding eines Schalks.

Im zwölften Stockwerk muss man über den Balkon und dann weiter eine Treppe ins dreizehnte hinauf. Der Blick über Hamburg ist grandios, und in der Ferne lassen sich die Twin Peaks ausmachen: aufgeblasene Plastikberge, von der Künstlerin Asli Cavusoglu auf Europas größte Sondermülldeponie im nahen Georgswerder gesetzt, wodurch der Gifthügel einige Verschönerung erfährt.

An der Tür des Kino-Appartements hängt ein Zettel: „Aus organisatorischen Gründen keine Aufführung“. Als ich es anderntags noch einmal versuche, hängt der Zettel noch immer da: „Aus organisatorischen Gründen...“ – sollte dem Filmvorführer etwas zugestoßen sein? „Sandy, du alte Kubaschlampe!“, steht im Treppenhaus an der Wand. Ein Eifersuchtsdrama? Und: hatte der Filmvorführer damit zu tun?

Auch auf der Veddel ist es nicht geheuer. Dort warte ich, die vom Nieselregen aufgeweichte Fluppe im Mundwinkel, auf den Mann, der das Videotaxi fährt. „Ganz wie Zuhause“ heißt das Projekt von Christoph Schäfer und Margit Czenki: „Kannst du Video gucken und Taxi fahren“, fasst ein junger deutschtürkischer Passant die Sache zusammen. Die Stimmung ist wie in dem Velvet-Underground-Song: „Hey white boy, what are you doing in town?“

Das Taxi ist zwar da, aber niemand darin. Sollte der Fahrer wie der Filmvorführer verschwunden sein? Nein. Eine Gruppe Biertrinker erzählt, dass der bloß eben einen Kaffee trinkt in einer nahen Lokalität. Kopfschüttelnd und beinahe etwas mitleidig nehmen Sie zur Kenntnis, dass es in Wilhelmsburg mittlerweile Touristen gibt. Sie haben Besseres zu tun.

Wenig später sitze ich auf der Rückbank seines schwarzen Wagens. Bedrohlich wummernde Musik setzt ein. An den Sitzen sind Monitore angebracht. Videos führen in Räume der Stadt, in die man nicht mit dem Taxi fahren kann: Historische Bilder aus der Zeit, wo die Veddel Auswanderer- statt Einwandererzentrum war, aber auch Einblicke in eine Truckerkneipe, in ein Hinterhofcafé. Dazu eine Stimme, die Dinge von Wilhelmsburg und Indien erzählt, von der Megacity und unbekannten Leerstellen.

Wohin schauen? Aus dem Fenster oder auf den Monitor? Den Lautsprechern lauschen oder mit dem Fahrer sprechen? Zum Beispiel über den uns vorausfahrenden Wagen, dem er sonderbare Zeichen gibt. Aus dem Fenster dieses Wagens taucht immer wieder der Kopf einer Frau mit einer Kamera auf, um das Taxi, in dem ich sitze, zu fotografieren. Um mich zu fotografieren? Ich werde nicht gerne fotografiert und versuche den Kopf abzuwenden. Gleichzeitig versuche ich Monitor und Außenwelt im Blick zu behalten – äußerst vertrackt. Vielleicht, sollte ich meine Handy-Kamera zücken und zurückknipsen? Eine Verfolgungsjagd wie im Action-Film. Tatort Veddel.

Am Ausgangspunkt, nach einer nervenaufreibenden halben Stunde, steigt auch die Fotografin aus und erklärt sich: der Wilhelmsburger Freitag soll dokumentiert werden, dafür wurde geknipst. Freundlich behaupte ich, als sie sich für die Störung meines Kunstgenusses entschuldigt, ich hätte diese spannende Ebene der Selbstreferentialität genossen.

Die „Kirche des guten Willens“ erreicht man in wenigen Minuten mit dem Stadtbus. Die „Kirche“ hat der Künstler Thorsten Passfeld auf einem malerischen Stückchen Brachland zwischen Miethäusern in 600-stündiger Herkules-Arbeit aus Altholz errichtet. Drei Wochen lang soll sie Forum und Bühne sein für die Frage: Wie wird man ein besserer Mensch? Ein an die Tür gehefteter Brief gibt Anregungen: „Es muss sich wohl um den guten Willen der Nachbarn handeln, das alles auszuhalten ...“ mutmaßt der Schreiber bezüglich der Benamsung der Kirche und bittet darum, doch zumindest nachts etwas leiser am besseren Menschen zu arbeiten.

Ansonsten ist gerade eine durchaus beeindruckende Performance im Gange: ein Tänzer von der Cote d’Ivoir taumelt aus dem Brettergebäude, auf seinem Rücken ein scheinbar lebloser Mann in einem militärgrünen Plastikanzug. Der ivorische Tänzer lässt den Mann zu Boden fallen und wirft sich selbst in die Büsche: er vollführt Bewegungen des Krieges, geht in Deckung, pirscht an einem Zaun entlang. Schuljungen gehen unbeteiligt auf einem Weg, an den der Zaun grenzt. Eine nette alte Dame mit Einkaufstüte steht interessiert dabei. Vorsichtshalber nimmt sie etwas Abstand, als ein nackter Mann aus dem Plastikanzug schlüpft und in ihre Richtung taumelt.

Nach der Performance setzt sie, vermutlich bereichert, ihren Weg fort. Ich setze mich in die Sonne, zünde mir eine Zigarette an und denke über Wilhelmsburg nach. Ich glaube, ich mag den Wilhelmsburger Freitag.

Der Wilhelmsburger Freitag geht noch bis 23. September. Mi, Sa und So ab 16 Uhr Info-Café in der Kirche des guten Willens, Vogelhüttendeich 77