• 27.09.2008

die kleine wortkunde

Der Autowert

"Wertigkeit" soll er besitzen, der neue Golf. Was das genau heißt, kann man nur erraten. Hat der Volkswagen-Konzern Sprachwissenschaftler zur neuen Zielgruppe erkoren?von NATALIE TENBERG

Es gibt sie noch, die echt wertige Handarbeit: Volkswagen aus Eichenholz.  Bild:  ap

Da steht er, der neue Golf, in elegantem Silber vor einer Wand aus Waschbeton. Die sieht zwar nicht wirklich anheimelnd aus, aber der Verzicht auf Gemütlich- und Plüschigkeit soll ausdrücken, um was für ein Auto es sich hier handelt: ein ganz furchtbar modernes und hochwertiges. Passend dazu der Werbeslogan: "Wertigkeit neu erleben."

Wertigkeit? Ist das nicht ein Begriff aus der Biologie oder der Soziologie? Klingt jedenfalls unangenehm nach Fachwort. Eine kurze Recherche ergibt, zwar wird "Wertigkeit" seit etwa zehn Jahren in Zusammenhang mit Mode und Materialien benutzt, aber doch eher im Sinne von "Wert". Und der Duden bietet als Synonym den "Stellenwert" an. Was will uns Volkswagen damit also sagen? Irgendwie holpert der Satz wie ein schlecht gefedertes Automobil.

Bei der Pressestelle von Volkswagen ist man derweil überzeugt, dass Wertigkeit ein ganz normales, gebräuchliches Wort sei. Eins, das die supertolle Verarbeitung im neuen Golf, das man ja einfach mal erleben müsse, ausdrückt. Wertigkeit, das sei eben auch ein "Claim" des Vorstands über die perfekte Verarbeitung des neuen Vehikels.

Beim Institut für deutsche Sprache in Mannheim ist man zwiegespalten. Zwar tauchte "Wertigkeit" in Zusammenhang mit Autos in den einschlägigen Fachpublikationen und Autobeilagen in Zeitungen auf, zunehmend auch in anderen Bereichen, wenn es um Mode und Materialien ginge. "Er ist also nicht neu", so Marion Hahn zur taz. "Aber im Zusammenhang mit dem Verb ,erleben' schon."

Vielleicht ist die Verwendung von "Wertigkeit" so gar kein absurder Schachzug, wie es dem Autobeilagen-fernen Betrachter der Werbung zunächst erscheint. Damit vermittelt der Konzern den Eindruck von Qualität, ohne das Gefährt explizit in den Luxusbereich zu drängen. Für Sprachwissenschaftler hochinteressant, doch ob der normale Volkswagen-Kunde davon nicht etwas verprellt wird, bleibt offen.

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