Reise in ein umkämpftes Terrain

KOLONIALGESCHICHTE Eine Delegation aus Namibia weilt dieser Tage in Berlin, um die Gebeine ihrer Vorfahren heimzuholen. Nicht viel erinnert an den deutschen Vernichtungskrieg gegen die Herero und Nama

VON JOACHIM ZELLER

Nach langer Vorbereitung ist es am heutigen Freitag so weit. Die Namibiadelegation, darunter die Vertreter der Herero und Nama, wird in der Berliner Charité die Gebeine ihrer Vorfahren entgegennehmen. Die insgesamt zwanzig aus der ehemaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika stammenden Schädel können repatriiert werden.

Die menschlichen Überreste, die seit hundert Jahren in der Sammlung der Charité in Kisten verpackt lagern, waren während des Kolonialkrieges (1904 bis 1908) nach Deutschland gelangt. Die kaiserlichen Schutztruppen unter General Lothar von Trotha führten seinerzeit einen Vernichtungskrieg gegen die Herero und Nama. Für viele Historiker ist dieser Krieg der erste Genozid des zwanzigsten Jahrhunderts. Genaue Angaben über die Zahl der Opfer unter den Herero und Nama liegen nicht vor, die Forscher gehen aber von mehreren zehntausend Toten aus.

Innerdeutsche Querelen

Während ihres rund einwöchigen Aufenthaltes sahen sich die Besucher aus Namibia natürlich auch in der Bundeshauptstadt um. Zu ihrem Programm gehörten jedoch keine Besuche an den – wenigen – Orten im öffentlichen Raum Berlins, an denen koloniale Spuren noch zu finden sind. Unvermeidlich wäre die namibische Delegation dabei mit den innerdeutschen Querelen im Umgang mit der kolonialen Vergangenheit konfrontiert gewesen – und wohl oder übel auf manches Ungemach gestoßen.

Einer dieser Orte ist der Garnisonfriedhof in Berlin-Neukölln, wo 2009 ein neuer Gedenkstein eingeweiht wurde, dessen Inschrift lautet: „Zum Gedenken an die Opfer der deutschen Kolonialherrschaft in Namibia“. Verantwortlich für diese sehr im Allgemeinen gebliebene Formulierung ist vor allem das Auswärtige Amt, hatte es doch „dringend davon abgeraten“, den Terminus Völkermord bei dem von der Bezirksverordnetenversammlung Neukölln initiierten Namibiagedenkstein zu verwenden.

Die Abwehr des Begriffs Völkermord hat Tradition in der Politik des Außenministeriums. So lässt das Auswärtige Amt gerne verlauten, bei der Bewertung des Kolonialkriegs in Deutsch-Südwestafrika als Völkermord handele es sich um eine „äußerst umstrittene Schlussfolgerung einzelner Historiker“. Möglichen Reparationsforderungen als Folge eines solchen Schuldbekenntnisses soll auf diese Weise vorgebeugt werden. Und dies, obgleich die Klage, mit der die Herero Wiedergutmachungszahlungen erstreiten wollen, wiederholt vor US-Gerichten abgewiesen wurde und nach Auffassung von Juristen auch zukünftig keinerlei Aussicht auf Erfolg besteht.

Die Gedenktafeln an der Neuen Wache verschweigen die namibischen Opfer

Immerhin sind mittlerweile die Zeiten vorbei, in denen derjenige, der „im Ausland auf Parallelen zwischen dem Völkermord an den Hereros und den Juden und Polen hinwies, es mit Zensurabsichten des Auswärtigen Amtes zu tun“ bekam, wie der Hannoveraner Geschichtsprofessor Helmut Bley berichtet.

Die Namibiadelegation hätte auch im Afrikanischen Viertel im Wedding das wohl größte – koloniale – Flächendenkmal seiner Art in Deutschland sehen können. Denn die Lüderitz-, Swakopmunder- oder die Windhuker-Straße erhielten einst aus kolonialpropagandistischen Gründen ihren Namen. Eine Text- und Bildtafel, die dort aufgestellt werden soll, informiert demnächst über die Geschichte des Viertels und über die geplante Umbenennung der Lüderitzstraße.

In der Stadtmitte findet sich der wohl wichtigste postkoloniale Gedenkort Berlins, nämlich die Afrikastele, welche in der Wilhelmstraße 92 steht (sinnigerweise schräg gegenüber der „Mohrenstraße“, um deren Umbenennung es seit Jahren heftige Auseinandersetzungen gibt). Die 2005 errichtete Afrikastele erinnert an die berüchtigte Kongokonferenz von 1884/85.

Auf der Inschrift ist aber auch zu lesen: „Der Kolonialkrieg in Deutsch-Südwestafrika, den das Deutsche Reich von 1904–1908 gegen die Herero und Nama führte, endete in einem Völkermord.“ Hier hat, das scheint dem Außenministerium entgangen zu sein, das umstrittene Reizwort „Völkermord“ Verwendung gefunden, wie dies übrigens bereits auf anderen antikolonialen Mahnmalen etwa in Bremen und Düsseldorf der Fall ist. Aber bei der Afrikastele handelt es sich auch um eine Stiftung zivilgesellschaftlicher – und zwar afrodeutscher – Akteure.

Hingegen schweigt sich das umfangreiche Inschriftenprogramm in der Neuen Wache Unter den Linden über die Opfer der deutschen Kolonialherrschaft in Übersee aus. Mitglieder der afrodeutschen Gemeinschaft versammeln sich deshalb einmal im Jahr vor der Zentralen Gedenkstätte der Bundesrepublik Deutschland und präsentieren Spruchbänder, auf denen es heißt: „Koloniale Verbrechen an Afrikaner/innen – weiße Flecken in der deutschen Geschichte.“ Ein sich aus ihren Reihen rekrutierendes Komitee für ein afrikanisches Denkmal in Berlin (Kadib) setzt sich für ein Berliner Mahnmal zur Würdigung der Opfer des Kolonialismus und des antikolonialen Widerstands ein.

Skandal im Museum

Spätestens an dieser Stelle tritt überdeutlich zutage, dass dem südwestafrikanischen Kolonialkrieg – und gleichermaßen der deutschen Kolonialgeschichte allgemein – in der offiziellen Erinnerungspolitik Deutschlands eine gänzlich marginale Bedeutung zukommt.

Ein letztes Indiz dafür findet sich im angrenzenden Deutschen Historischen Museum. Dort hat man die Kolonialgeschichte in einen Schaukasten unter einer Treppe im dunkelsten Teil der Ausstellung verbannt.

Der museumsdidaktische Skandal liegt aber nicht in der rumpelkammerhaften beliebigen Auswahl der Exponate. Vielmehr ist es die Kommentierung des dort gezeigten Fotoalbums eines Kolonialsoldaten, der am Krieg gegen die Herero und Nama teilgenommen hat. Auf der beigegebenen Tafel wird der genozidale Vernichtungsfeldzug in Südwestafrika als „Strafexpedition“ betitelt. Mit diesem Begriff bezeichnete damals das deutsche Kolonialmilitär seinen Krieg gegen die Freiheitskämpfer der Herero und Nama. Da dem Besucher jegliche weitere Erläuterung des Geschehens vorenthalten wird, kommt das Museum seiner Aufgabe nicht nach, über dieses uns bis heute so belastende Kapitel deutsch-namibischer Geschichte angemessen aufzuklären.

Der „Leerstelle koloniale Vergangenheit“, die Erkenntnis werden die Gäste aus Namibia mit nach Hause nehmen, haben sich die vormaligen Kolonialherren noch zu stellen. Ob die Namibier die Tatsache tröstet, dass bei anderen ehemaligen Kolonialnationen – wie etwa den Niederlanden – die Kolonialgeschichte ebenfalls nur ein Minderheitenthema ist, muss dahingestellt bleiben.