Improvisierte Stille und trikontinentale Klänge

FESTIVAL „Kollektiv Nights“ vom Jazzkollektiv Berlin bietet viel Gesang. Zudem wird das Debütalbum von Trio Ticho gefeiert

Wo steht der freie Jazz heute? Antworten erhält man regelmäßig bei den „Kollektiv Nights“ des Jazzkollektivs Berlin. Wobei man darunter nicht bloß die Freiheit von allen Regeln verstehen sollte. Freier Jazz muss nicht einmal ausschließlich improvisiert sein: Neben dem bewussten – weitgehenden – Verzicht auf Regeln gab und gibt es im abenteuerlicheren Jazz immer wieder Musiker, die komponierte Anteile in ihren Stücken verwenden. Viele von ihnen orientieren sich an Kompositionstechniken des 20. Jahrhunderts, um eine eigene Formsprache zwischen Improvisation und Komposition zu finden.

Wenn heute die elfte Ausgabe der „Kollektiv Nights“ im Tiyatrom beginnt, wird man dort ebenfalls eine Mischung aus spontanen Eingebungen und zuvor auf Papier (oder am Bildschirm) Notiertem geboten bekommen. Im besten Fall merkt man gar nicht, ob gerade frei oder nach Vorgabe gespielt wird. Das Trio Ticho etwa, dessen soeben erschienenes, selbst betiteltes Debütalbum am Dienstag vorgestellt wird, schafft in seiner Musik einen solchen schwebenden Grenzgang.

Tschechisch für Stille

Es geht um eine Lagebestimmung von Jazz in Berlin

Ticho, Tschechisch für „Stille“, ehrt seinen Namen mit Kammerjazz, dessen Arrangements durchaus an der einen oder anderen Stelle an Neue Musik erinnern. Der Pianist Marc Schmolling hat mit der Sängerin Almut Kühne und dem Trompeter Tom Arthurs eine Suite von Stücken zusammengestellt, bei denen man sogar glauben könnte, dass sie in der Mehrheit auskomponiert sind. Stattdessen ist der Großteil des Materials ohne Noten entstanden, auch die Texte schuf Kühne beim Musizieren. Das stört aber keinesfalls.

Wie die drei Musiker aufeinander reagieren, wirkt so überraschend und zugleich zwingend wie die Dynamik eines lebhaften Gesprächs, in dem kein Redebeitrag festgelegt wurde (sonst wäre es ja kein „wirkliches“ Gespräch), sondern alle gleichberechtigt in der Situation handeln, so, wie sie es für richtig halten – mal einvernehmlich und gelassen, mal aufgebracht und schrill, aber stets miteinander.

Die „stillsten“ Momente des Albums sind die von Schmolling komponierten. Sie sind an den tschechischen Titeln zu erkennen – außer dem wunderbar konzentriert-impressionistischen Titelstück gibt es noch die introspektiven Miniaturen „Pulnoc“ (Mitternacht) und „Obloha“ (Himmel). Streng komponierte Gesangsmusik hat Schmolling schon bei anderer Gelegenheit geschrieben – in seinem Projekt „Songs“, einer wachsenden Liedersammlung, die er 2008 im Programm der allerersten „Kollektiv Nights“ mit der Sängerin Iris Romen aufgeführt hat.

Mit Ticho hat er jetzt eine weitere, überwiegend vom Notentext gelöste Form für sein Interesse an Gesang gefunden. Gesang bestimmt am Dienstag auch die übrigen Konzerte. Neben Ticho wären da Lucia Cadotschs Trio Speak Low und das südamerikanisch-afrikanisch-europäische Quintett Trácata Tátún Tricontinental mit María Catalina Robles, die sowohl singt und die Kistentrommel Cajón spielt als auch Stepptanz beisteuert. Schon am Montag wird zudem das Quartett With Suspicious Minds um die Sängerin Vesna Pisarovic zu erleben sein.

Der Mittwoch steht dafür ganz im Zeichen des instrumentalen Jazz, mit drei Saxofonisten als Bandleadern: Der energisch-bewegliche Wanja Slavin präsentiert seine Lotus Eaters, Tobias Delius kombiniert sein Instrument im Trio Mullet mit Posaune und Vibrafon, und Philipp Gropper setzt in seinem Quartett Tau verstärkt auf elektronisches Gerät. Es geht schließlich um eine Lagebestimmung des Jazz.