bücher aus den charts

Eine einzige sprachliche Dauerpointe: Tommy Jauds Senkung des IQ-Durchschnitts, „Millionär“

Es gibt Phänomene, die so einfach hingenommen werden wie das Wetter. Dazu gehört offenbar, dass ein neues Buch von Tommy Jaud erscheint und dieses Buch umgehend oben auf der Bestsellerliste landet. Man könnte das natürlich damit erklären, dass der Scherz Verlag eine charmante Pressefrau hat, aber das kann nicht alles sein. Der Autor dieser Zeilen dachte bis vor kurzem übrigens, Tommy Jaud sei irgendein Amerikaner, der lustige Geschichten über New York schreibt, so in der Manier von „Sex and the City“.

Tommy Jaud aber kommt aus Schweinfurt, hat als Gagschreiber für Anke Engelke gearbeitet; sein Bestsellerroman „Vollidiot“ ist mit Oliver Pocher in der Hauptrolle verfilmt worden; jetzt steht der Nachfolger von „Vollidiot“, „Millionär“, oben auf der Bestsellerliste. „Millionär“ ist „Vollidiot reloaded“, und damit jeder Vollidiot das auch versteht, hat der Verlag es vorsorglich noch einmal auf das Cover geschrieben. Der Protagonist ist also derselbe, und nach der Lektüre der 300 Seiten (die in etwa zwei Stunden Zeit beansprucht) muss festgestellt werden, dass Simon Peters es nicht besser verdient hat, als von Oliver Pocher dargestellt zu werden.

Damit ist man einer Erklärung für Jauds Erfolg schon dicht auf der Spur. Wer im Umfeld des Privatsender-Comedy-Deppen-Humors sprachlich sozialisiert worden ist, hält es offenbar für selbstverständlich, in diesem Proleten-Slang auch einen Roman verfassen zu dürfen, in dem die Menschen Halbsätze aufsagen wie „Wie geil ist das denn?“ und „Nee, oder?“. Während sich in einem normalen Text Humor langsam aufbaut, um dann in einer gut gesetzten Pointe zu enden, ist „Millionär“ eine sprachliche Dauerpointe. Nichts kann hier geschehen, ohne dass es in so grotesker wie alberner Weise sprachlich überhöht wird.

Da einem durchschnittlichen Leser dieser Tonfall der Hochgeschwindigkeitswitzigkeit nach ungefähr drei bis vier Seiten den Atem nimmt, muss man davon ausgehen, dass Tommy Jaud Bücher schreibt für Menschen, die sonst niemals lesen. Ebendarum verkaufen sie sich auch so gut – die Zielgruppe ist groß, und sie muss ein Geseiere wie dieses irgendwie komisch finden: „An der Haltestelle Universität senkt eine lärmende Gruppe jugendlicher Bushido-Imitatoren durch pures Zusteigen den Durchschnitts-IQ des Wagens um geschätzte zwanzig Punkte. Würde ein PISA-Forscher auch nur eine einzige Frage an die sediert dreinblickende Kapuzen-Gang stellen, er würde sich bereits nach der ersten Antwort mit einem beherzten Sprung durch die Scheibe auf die Straße retten.“

Im Übrigen ist der Leserbeschuss durch das Jaud’sche Lustigkeitsbombardement rein erzähltechnisch unbedingt vonnöten; verdeckt er doch zumindest kurzfristig den Umstand, dass „Millionär“ keine nachvollziehbare Handlung hat. Was geschieht, ist schnell wiedergegeben: Simon Peters, 32 Jahre alt, seit einiger Zeit arbeitslos, verbringt den Tag im Internetcafé oder am Telefon, um sich bei diversen Großfirmen zu beschweren und auf diese Weise die Entschuldigungspakete abzustauben. Dann zieht eine schwerreiche Schreckschraube in das Penthouse über Simon; genervt beschließt er, Millionär zu werden, um das Haus kaufen und die Trulla rauswerfen zu können. Das gelingt ihm auch innerhalb kurzer Zeit mit Hilfe einer genialen Idee und seines Internetcafé-Besitzers; er kauft also das Haus, aber am gleichen Tag zieht die penetrante Mieterin aus.

Das war’s. Ganz im Ernst. Ein Plot von der Substanz eines Lufthauchs, den Jaud durch den Einschub von allerlei Episoden so lange aufbläst, bis ein Buch daraus wird, das durch die pure Existenz in einer Buchhandlung den Durchschnitts-IQ der dort zufällig versammelten Kundschaft um mindestens 20 Punkte senken dürfte und dessen erster Satz lautet: „Ein Drittel der Menschheit ist bekloppt.“ CHRISTOPH SCHRÖDER

Tommy Jaud: „Millionär“. Scherz Verlag, Frankfurt am Main 2007, 301 Seiten, 13,90 Euro