Aug in Aug mit Augustin

MUSIK Wer die Welt aus Gerd Augustins Blickwinkel betrachtet, taucht tief in die Musikbiz-Welt des 20. Jahrhunderts ein. Gelegenheit dazu ist derzeit im Medienhaven

Das Remberti-Stift ist, trotz der Nähe zum gleichnamigen Kreisel, ein wahrhaft idyllischer Ort der Ruhe. Wenn Udo Lindenberg nicht gerade im Porsche vorfährt, herrscht vogelverzwitschertes Schweigen zwischen den alten Gebäuden, in den SeniorInnen aller Couleur ein beschauliches und gleichzeitig zentrumsnahes Leben führen. Besonders viel Couleur hat Gerd Augustin: Der 70-Jährige ist hier der bunte Vogel und sorgt mit seiner erfahrungsgesättigten Eloquenz auch dann für Abwechslung, wenn Lindenberg ihn gerade mal nicht besucht.

Augustin ist Musikunternehmer. Viele seiner Meriten sind in Bremen bekannt: Dass er den Beatclub gründete; dass er bei „United Artists“ in Los Angeles „Director of Creative Services“ war und Ike und Tina Turner zum Europa-Durchbruch verhalf; dass er als erster Disc Jockey Deutschlands im „Montparnasse“ am O-Weg auflegte, dass er mit Popol Vuh die Soundtracks zu Herzogs „Fitzcarraldo“ und „Nosferatu“ produzierte. Und dass er im Offenen Kanal stundenlange Kultsendungen mit den Schätzen seines Archivs veranstaltete.

Seit Längerem bemüht sich Augustin um die Einrichtung einer musealen Music Hall

Das Mäandern zwischen lokalem und transkontinentalem Aktivitätsradius ist ein Teil des Phänomens Augustin. Betritt man seine Wohnung im Stift, verdichtet sich ein halbes Jahrhundert Musikgeschichte auf 50 Quadratmeter. Wer die Mauern von aufgeschichteten CDs passiert und sich mit der gebotenen Vorsicht um die Kunstwerkstapel herum bugsiert, taucht ein in die Welt der Memorabilia: Von „Can“, Amon Düül II oder „The Who“, die Augustin Mitte der 60er Jahre in Deutschland bekannt machte. Kein Wunder, dass er sich schon seit Längerem um die Einrichtung einer musealen Music Hall bemüht, in die er und seine Freunde ihre Raritäten einbringen könnten. Zumal das Allermeiste in Kartons auf dem Stifts-Dachboden lagert.

Weil Augustin gerade 70. Geburtstag feierte, ist ein Teil seiner Exponate nun im Medienhaven zu sehen. Zusammengestellt von Ingo Trauer, dem Erfinder des Beatclub-Logos und zwischenzeitlichem Art Director bei „United Artists“ in München. Wer sich hier auf die Fülle des Materials einlässt – und vielleicht sogar das Glück hat, Augustin oder Trauer selbst anzutreffen – erfährt zahlreiche Geschichten aus dem Innenleben des Musikbiz. Etwa die, dass Bill Graham, der in der Rock and Roll Hall of Fame verehrte Impressario, ursprünglich Wolfgang und noch ursprünglicher Wolodia Grajonca hieß. Als Achtjähriger entkam er mit einem Kindertransport nach Tanger und schließlich nach Queens, seine gesamte Familie starb im KZ oder auf der Flucht.

Die kiloschweren Show-Klamotten von Ike Turner, dessen Gitarre ebenfalls da ist, erzählen ganz andere Geschichten: Von fünf Tagen am Stück im kokaingeschwängerten Tonstudio, von rassistisch und daher auch logistisch schwierigen Tourneen, bei denen die schwarzen und weißen Bandmitglieder nicht im selben Hotel übernachten durften. Irgendwo hängt auch ein Ausriss aus Augustins Terminkalender von 1972 – 48 Konzerte in 40 Tagen galten da offenbar als realistisch. „Ich muss mich für keinen Act entschuldigen, den ich unter Vertrag genommen habe“, sagt Augustin heute.

Seine Fähigkeiten als Talent Scout sind unbestritten, wiewohl auch die erste Westernhagen-Single „Wenn ich mal alt bin“ oder die Förderung der frühen Karrieren von Katja Ebstein und Michael Schanze auf seine Kappe gehen. Amr Diab hörte Augustin 1989 in Kairo im Taxi und brachte ihn mit „Mayall-Mayall“ nach Deutschland. Was zu der abschließenden Frage führt: Ist in Berlin nicht noch ein Bundesverdienstkreuz übrig?