VANESSA LEITET DAS BORDELL ARTEMIS IN HALENSEE

In Badeschlappen durchs wilde Amazonien

Der Doppeldeckerbus, der den Kurfürstendamm herunterfährt, wirbt für „Berlins erotischen Höhepunkt“. Das Artemis ist laut Selbstbeschreibung ein FKK-Club, in Halensee gelegen. Unverblümter könnte man beim Artemis auch von einem Bordell sprechen. Ein Bordell allerdings mit interessantem Geschäftsmodell und spezieller Atmosphäre. Doch davon später.

Der Bus mit der Werbung ist der ganze Stolz von Vanessa, Managerin des Clubs, der auch das Marketing untersteht. Denn damit hat man bewiesen, dass Sexbusiness auch in Bereiche des Seriösen vermittelbar ist. Auf einem BVG-Bus eben, der dann mitten auf dem Kurfürstendamm für den Dienst am Leibe wirbt.

Vanessa sitzt in ihrem Büro und bietet mir einen Kaffee an. Zuvor hat sie mir das Haus gezeigt, das unmittelbar hinter der Avus-Ausfahrt „Kurfürstendamm“ gelegen ist: eine auf viele hundert Quadratmeter verteilte Wellnesslandschaft, wo man ein durchaus ganzheitlich gedachtes Wellnesskonzept vertritt. Der Wellness suchende Mann wird gleich nach Entrichtung seines Eintrittsgeldes in Höhe von 80 Euro sämtlicher weltlicher Insignien entledigt: Er muss seine Kleider ablegen, in ein Wertfach verschließen. Er wird in einen weißen Morgenmantel gehüllt. Und in Badeschlappen gesteckt.

Kein Zuhälter hier

VON ESTHER SLEVOGT

DIE LEUTE VOM KURFÜRSTENDAMM

Derart egalisiert und auch entmachtet, tritt er seine Reise in das Artemis an, wird sogleich von einem Schwarm unbekleideter, äußerst schöner Frauen umlagert, die teilweise in üppiges langes Haar gehüllt sind. Es sind freiberuflich arbeitende Prostituierte, die ebenfalls ein Eintrittsgeld zu entrichten haben, allerdings 5 Euro weniger als der Mann. Und dann alle Leistungen, die sie am Manne erbringen, gesondert abrechnen können. Für die eigene Tasche. Kein Zuhälter nirgendwo.

So kommt es, dass man sich im Artemis ein bisschen fühlt wie in einem Amazonenland. Auch wenn hier sogar ein paar korrekt bekleidete Masseure ganz normale medizinische Massagen anbieten. Zum Amazonenfeeling passt die etwas martialische Darstellung der namensgebenden Göttin der Jagd (und Hüterin der Frauen), die im Eingangsbereich des Artemis in vollem kriegerischen Ornat auf einem Wandbild abgebildet ist. Die Prostituierten wiederum schweben wie Vestalinnen der Lust durch die ausgedehnte Wellnesslandschaft aus Pools und Jacuzzis, Dampfbädern und Ruhezone.

Pasolini für den Normalo

Es gibt darin aber auch verborgenere Ecken. Überall stehen Palmen, an den Wänden Fresken mit südlichen Sehnsuchtslandschaften. Pasolini für den Normalo, denkt man, und erfährt von Vanessa, dass tatsächlich die Sextouristen aus Berlusconis Italien, wo seit den fünfziger Jahren Bordelle verboten sind, einen großen Kundenanteil ausmachen. Sie reisen meist in Gruppen für ein Wochenende an und stürzen sich in den Tempel der Lust am oberen Kurfürstendamm. Das tun sie wesentlich hedonistischer als die Deutschen, die immer bloß am Akt an sich interessiert sind, sagt Vanessa, Sex und basta sozusagen. Für diese Kunden hält das Artemis in der oberen Etage selbstredend Zimmer bereit.

Vanessa selbst hat nie als Prostituierte gearbeitet. Sie ist studierte Musikwissenschaftlerin und hat später im Marketing eine Ausbildung gemacht. Schon als Studentin arbeitete sie in Bars und mochte die Atmosphäre des „Milieus“. „Im Vergleich zu anderen ist das, was wie hier machen, natürlich Blümchensex“, sagt sie und lacht. Es ist aber eben auch eine Form der Prostitution, die sich am Selbstbestimmungsrecht der Prostituierten orientiert, Prostitution als Dienstleistung versteht und auch arbeitsrechtlich so behandelt wissen will.

Vanessa hat einen pragmatischen, auch gesellschaftspolitisch gefärbten Blick auf das Gewerbe. Sie mag den heuchlerischen Umgang der bürgerlichen Gesellschaft damit nicht. Einmal in der Woche, erzählt sie, ist Rentnertag im Artemis. Da kostet der Eintritt nur 40 Euro. Die Rentner kommen auch. Aber meist gucken sie nur.