Zur Erinnerung ein Weg

In Köln wurde am Wochenende eine Straße nach dem Wehrmachtsdeserteur Jakob Brock benannt, der von den Nazis noch in den letzten Kriegstagen ermordet wurde

KÖLN | taz ■ | Es gibt Wunden, die nicht verheilen. Dass Marianne Cremer überhaupt an diesem Samstag in das Neubaugebiet im Kölner Stadtteil Höhenhaus gekommen ist, hat sie viel Kraft und Überwindung gekostet. Wortlos wohnt die heute 85-Jährige der kleinen Zeremonie bei, die der hiesige Bürgerverein zur Einweihung des Jakob-Brock-Weges organisiert hat – benannt nach jenem Mann, den Marianne Cremer einst liebte. Und den die Nazis noch in den letzten Kriegstagen als „Fahnenflüchtigen“ ermordeten.

Das Leben gekostet hat Jakob Brock der Versuch, in der Endphase des Krieges seinen neuntätigen Heiratsurlaub in Köln zu verlängern. Am 11. März 1945 hätte der 22-jährige Kölner Obergefreite zu seiner Kompanie zurückkehren sollen. Da war das linksrheinische Köln bereits durch die US-amerikanischen Truppen befreit. Doch Brock hatte Pech. Er lebte mit seiner gerade angetrauten Frau Marianne in Köln-Ostheim, also rechtsrheinisch. So kam das Fahndungsblatt, das sein Kompanieführer am 23. März mit dem Betreff „Unerlaubte Entfernung (Fahnenflucht) des O.-Gefr. Jakob Brock“ an das zuständige Militärgericht schickte, einem Todesurteil gleich. Die genauen Umstände seiner Verhaftung sind bis heute ebenso ungeklärt wie der Ablauf des Schnellgerichtsverfahrens. Verbürgt durch die Zeugenaussage eines katholischen Pfarrers, der der Exekution beiwohnte, ist nur, dass Jakob Brock am 7. April erschossen wurde. Eine Woche später erreichte die US-Armee die rechtsrheinischen Ortsteile. Im November 1945 kam Brocks Tochter Christa zur Welt.

In Deutschland sind noch immer nur wenig Straßen nach Deserteuren benannt

Die damaligen Ereignisse haben Marianne Cremer nachhaltig traumatisiert. Über das Geschehene will sie bis heute nicht reden. Nicht einmal zu diesem besonderen Anlass der Straßennameneinweihung. Sie schaut freundlich, aber ihr Blick wirkt unsicher. Auch mit ihrer Tochter hat sie in all den Jahren nie darüber gesprochen. Nicht einmal den Abschiedsbrief, den Jakob seiner Marianne hinterließ, hat Christa je in Augenschein nehmen dürfen. Möglicherweise haben auch Scham und Angst vor Stigmatisierung zu dieser Verschlossenheit beigetragen. Denn „Fahnenflüchtige“ galten auch noch nach der militärischen Niederlage des nationalsozialistischen Terrorregimes weithin als ehrlose „Vaterlandsverräter“. So blickte Marianne lieber nicht zurück – und schwieg.

Kurz nach dem Krieg heiratete sie ein zweites Mal. Mit Fritz Cremer, einem Schulfreund Jakob Brocks, bekam sie ihre zweite Tochter Rita. Das Leben ging eben weiter, musste weitergehen. Bis heute lebt Marianne mit dem inzwischen 88-Jährigen in jenem Haus, in dem sie auch schon mit Jakob Brock gelebt hatte.

Es dauerte bis in die zweite Hälfte der 1990er-Jahre, dass sich der Bundestag – mehrheitlich – zu der Aussage durchringen konnte, von der Wehrmachtsjustiz wegen der Tatbestände „Kriegsdienstverweigerung“, „Desertation/Fahnenflucht“ und „Wehrkraftzersetzung“ verhängte Urteile seien „unter Anlegung rechtsstaatlicher Wertmaßstäbe Unrecht“ gewesen. Ohne allerdings auf die Feststellung zu verzichten: „Eine Rehabilitierung von Deserteuren und die Entschädigung der Überlebenden bedeuten keine Abwertung der deutschen Soldaten des Zweiten Weltkrieges.“ Kein Wunder, dass es nicht gerade viele Straßen in Deutschland gibt, die nach Deserteuren benannt sind. Und nach dem Ende der DDR wurden es sogar noch ein paar weniger. So verschwand beispielsweise der Name des 1944 ermordeten Deserteurs und Partisanen Fritz Schmenkel von etlichen Straßenschildern im Osten der Republik – so wie in Berlin-Karlshorst, wo die dortige Fritz-Schmenkel-Straße 1992 in Rheinsteinstraße rückbenannt wurde.

In Köln gibt es nun sowohl einen Jakob-Brock- als auch direkt daneben einen Peter-Kütter-Weg. Er ist benannt nach einem antifaschistischen Jugendlichen, der in den letzten Kriegstagen „ohne Gerichtsverfahren vom Volkssturm erschossen“ wurde, wie als Erläuterung auf dem Schild steht. In einem Grußwort schreibt Kölns Oberbürgermeister Fritz Schramma: „Die Schicksale von Peter Kütter und Jakob Brock stehen exemplarisch für die brutale Gewalt, mit der das kurz vor dem militärischen Zusammenbruch stehende NS-Regime alle diejenigen verfolgte, die nicht mehr bereit waren, den Krieg durch ihre Unterstützung zu verlängern.“ Als gegen Mittag feierlich das weiße Tuch von dem Straßenschild mit dem Namen ihrer Jugendliebe gezogen wird, lächelt Marianne Cremer für einen Augenblick.