Der Preis des Überlebens

THERAPIE Es gibt ein Medikament, das Millionen Menschen von Hepatitis C heilen könnte. Doch viele bekommen es nicht. Zu teuer, sagen die Kassen

VON HEIKE HAARHOFF
UND SASKIA HÖDL

Eines Tages, das Jahr 2012 ging gerade zu Ende, lag die Hoffnung plötzlich in Andreas Bemeleits elektronischem Postkasten. Ein Fachmagazin aus den USA berichtete über eine Therapie für seine Krankheit – erfolgreich in mehr als 90 Prozent der Fälle. Bemeleit, 52 Jahre alt, lässt einen Google-Dienst nach Neuigkeiten zu Hepatitis C suchen, der Infektion, die sein Leben immer stärker bedroht, je länger er an ihr leidet. Er hatte immer wieder von neuen Medikamenten gehört. Aber dieser Text im New England Journal of Medicine war anders. Er versprach viel mehr, als all die kleinen früheren Durchbrüche. Bemeleit konnte auf einmal auf Heilung hoffen.

Es gebe einen neuen Wirkstoff, stand in dem Artikel. Sein Name sei Sofosbuvir. Bemeleit hatte bisher auf eine Therapie gegen die Hepatitis C verzichtet, denn das gängige Medikament Interferon bekämpft das Virus nicht nur. Es kann einem Depressionen bringen, den Schlaf rauben, den Magen ruinieren, die Haare ausfallen und einen abmagern lassen. Die Ärzte bezweifelten, dass Bemeleit so eine Therapie überleben würde.

Der neue Stoff, Sofosbuvir, hatte angeblich kaum Nebenwirkungen.

„Ich dachte, so etwas gibt es ja gar nicht“, sagt Bemeleit heute, wenn er sich daran erinnert.

Im Januar 2014 kommt der Wirkstoff auf den deutschen Markt. Er steckt in einem Medikament, das Sovaldi heißt, und nach Meinung seines Arztes perfekt für Andreas Bemeleit geeignet wäre. Nur: Der Arzt verschreibt es ihm nicht.

■ Viagra wird gestrichen: Gut 30 Milliarden Euro geben die gesetzlichen Kassen jährlich für Arzneimittel aus – etwa so viel wie für Behandlungen beim Arzt. Rund 65 Milliarden kosten Behandlungen im Krankenhaus. Seit 2003 gibt es Rabattverträge zwischen Pharmaindustrie und Kassen über die exklusive Belieferung der Versicherten mit bestimmten Arzneimitteln. Auch die Streichung von Lifestyle-Mitteln wie Viagra und nicht verschreibungspflichtiger Medikamente wie Erkältungsmitteln aus dem Leistungskatalog spart Geld. 2011 brach FDP-Gesundheitsminister Philipp Rösler erstmals das Preisdiktat: Innovationen dürfen nur mehr kosten, wenn sie mehr nutzen. Ersparnis bisher: 180 Millionen Euro.

■ Faktor Arbeit belastet: Nach Angaben der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) betragen die Gesundheitsausgaben in Deutschland seit 25 Jahren stabil zwischen 7 und 10 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Dass das System immer schwerer zu finanzieren ist, liegt vor allem an der Einnahmenseite. Denn Gesundheit wird nicht aus dem BIP insgesamt, sondern überwiegend aus dem Faktor Arbeit finanziert. Dessen Anteil am BIP schrumpft in Deutschland jedoch kontinuierlich – machte er vor Jahren noch knapp die Hälfte des BIPs aus, liegt sein Anteil derzeit bei etwa 30 Prozent. Die Folge ist: Die Beitragssätze zur gesetzlichen Krankenversicherung steigen.

Sovaldi ist nicht nur ein Medikament und eine Hoffnung für Millionen Menschen, die mit Hepatitis C infiziert sind. Sovaldi ist auch eine Zumutung, eine Grenzüberschreitung, die die Gesundheitssysteme der Welt herausfordert. Eine einzige Tablette kostet in Deutschland um die 700 Euro.

Wie viel kann ein einzelnes Medikament wert sein? Darüber streiten, seit Sovaldi auf dem Mark ist, Krankenkassen, Gesundheitspolitiker, Wissenschaftler und der Hersteller: die Firma Gilead aus Foster City, Kalifornien. Mehrere europäische Regierungen haben sich eingeschaltet.

Wie viel ist eine Gesellschaft bereit zu zahlen, dafür, dass sich ein Menschenleben verlängert?

In Deutschland verhandeln zurzeit die Pharmafirma Gilead und die Krankenkassen über den künftigen Preis von Sovaldi. Nur für das erste Jahr dürfen Pharmafirmen ihn selbst festlegen. Am 17. Januar endet die Verhandlungsfrist. Einigen sich die Partner nicht, könnte es sogar passieren, dass Sovaldi, das Medikament, das etwa 300.000 Hepatitis-C-Patienten in Deutschland Heilung verspricht, wieder vom Markt genommen wird.

Andreas Bemeleit ist schwer angeschlagen. Er leidet an der Bluterkrankheit, einer Erberkrankung, bei der das Blut aus Wunden nur langsam oder gar nicht gerinnt. Als Jugendlicher wurde Bemeleit nicht nur mit Hepatitis C, sondern auch mit HIV infiziert. Seine Leber muss er einmal jährlich scannen lassen, denn das Virus sorgt dafür, dass sie chronisch entzündet ist. Der Wert des Scans zeigt an, wie sehr das Organ schon vernarbt ist. Bei einer Untersuchung in der Zeit, in der er die Mail über den neuen Wirkstoff bekommt, beträgt er: 5,3 Kilopascal. Ab einem Wert von 12,5 kann man von einer schweren Lebervernarbung ausgehen. Gefolgt von einer Leberzirrhose, dem Endstadium.

Bevor Andreas Bemeleit in Hamburg zum ersten Mal von dem Wunderwirkstoff liest, gibt die Firma des deutschen Arztes und Forschers Hans Reiser elf Milliarden Dollar dafür aus. Sein Pharmaunternehmen Gilead kauft einer kleinen Firma aus New Jersey das Patent für Sofosbuvir ab.

Das Gespür für die richtige Substanz

Gilead sitzt mit seinen mehr als 7.000 Mitarbeitern an einem kleinen See in Kalifornien, in einer Stadt namens Foster City. Die Gilead-Zentrale ist ein flacher Bau, in dem auch Hans Reiser sein Büro hat. Er kommt oft schon um 8 Uhr morgens, wenn er telefoniert, schaut er auf einen Parkplatz voller glänzender Geländewagen.

Sie hatten, erzählt Reiser am Telefon, bei Gilead selbst jahrelang an einem Wirkstoff gegen das Virus geforscht. Sie wussten, wie schwierig es sein würde, Hemmstoffe dagegen zu entwickeln. Es war ein Wettlauf zwischen Forschern und Firmen. Hans Reiser, 55 Jahre, leitet die medizinische Abteilung, in der sämtliche Forschungsergebnisse und Daten zusammenlaufen.

Geschätzte 130 bis 170 Millionen Menschen weltweit leiden an Hepatitis C. Wer ein Mittel dagegen fand, würde Millionen Kranken Hoffnung geben können. Ein riesiger Markt.

Als die kleine Firma aus New Jersey 2011 die ersten Daten zu Sofosbuvir vorlegte, „da“, sagt Reiser, „hatten wir bei Gilead ein Gespür dafür, dass es vielleicht die Substanz sein könnte, nach der wir alle jahrelang gesucht hatten“. Sie konnte das Virus offenbar nicht nur an der Ausbreitung im Körper hindern oder diese verzögern, wie es zahlreiche Präparate bei HIV schafften. Diese Substanz versprach Heilung.

Elf Milliarden Dollar haben sie bezahlt. Das waren damals drei, vier Jahresgewinne der Firma.

Von der Marktzulassung war Sofosbuvir da noch weit entfernt. „Natürlich war das ein Risiko“, sagt Hans Reiser. Ein Risiko, über das der Chef der Firma nur im kleinsten Kreis seiner Vertrauten beriet. Die Aktien sanken. „Die Wall Street hatte Angst“, erinnert sich Reiser.

Im August 2014 ist Andreas Bemeleit wieder einmal beim Arzt. Der vertröstet ihn erneut. Im kommenden Jahr würde er Sovaldi vielleicht verschrieben bekommen. Bemeleit ist schon sein ganzes Leben lang für vieles zu krank. Aber nun ist er plötzlich nicht krank genug.

Das Problem: Seine Therapie mit dem Medikament würde zwölf Wochen dauern, er müsste es mit einem anderen Medikament kombinieren – alles in allem würde die Behandlung 100.000 Euro kosten.

Ärzte aber haben pro Jahr ein begrenztes Budget, mit dem sie Medikamente verschreiben können. Überschreiten sie es, drohen Regressforderungen – dann wollen die Kassen Teile ihres Geldes zurück. Manche verschreiben Sovaldi deshalb nur in richtig drastischen Fällen, um ihr wirtschaftliches Risiko zu minimieren. Bei einem so teuren Medikament könnte eine Regressforderung für einen Arzt den Ruin bedeuten.

„Die Ärzte stehen unter einem enormen Druck, die tun mir manchmal schon leid“, sagt Andreas Bemeleit.

Das neue Mittel ist ein medizinischer Durchbruch

Bemeleit ist dünn, trägt zwei Rollkragenpullover übereinander und einen eleganten Strohhut. Draußen ist Dezember, drinnen im Wohnzimmer ihrer Erdgeschosswohnung erzählen Bemeleit und seine Frau, wie Mediziner ihnen ein Heilmittel über Monate vorenthalten haben. Im Nebenzimmer zwitschern die Wellensittiche.

Er sitzt im Rollstuhl, gehen kann er kaum. Medikamente halten die Aidserkrankung in Schach. „Die Haupttodesursache bei Blutern ist heute Hepatitis“, sagt er. Dass viele Bluter in seinem Alter sterben, macht ihm Sorgen. Seine Gelenke schmerzen, die Muskeln auch. Er zählt schon die Tage, bis er wieder zu seiner Anästhesistin fahren kann, die ihm immer stärkere Betäubungsmittel verschreibt.

2013 verleiht die US-Zulassungsbehörde dem Wirkstoff Sofosbuvir den Status einer „Breakthrough Therapy“, eines medizinischen Durchbruchs. Im Herbst 2014 wird Sovaldi in den USA mit dem Prix Galien für innovative Therapeutika ausgezeichnet.

8,6 Milliarden Dollar Umsatz hat Gilead in den ersten neun Monaten des Jahres 2014 mit dem Medikament gemacht.

■ Fehlschläge zählen mit: Zwischen 1 und 1,6 Milliarden US-Dollar investiert ein Pharmaunternehmen in Europa oder in den USA, um ein neues Medikament zu finden, es zuzulassen und auf den Markt zu bringen. Darin enthalten sind nicht nur Kosten für Forschung und Entwicklung, sondern auch für Fehlschläge – Projekte also, die verworfen wurden.

■ Akut geht schnell: Die kürzeste Entwicklungszeiten haben Medikamente gegen akute Beschwerden – wie allergische Reaktionen. Bei Krebsarten wie Brust- oder Prostatakrebs dauert die Entwicklung auch mal zehn oder mehr Jahre, weil Studienteilnehmer danach noch lange beobachtet werden. Bis zu 20 Jahre lang wird ein neuer Impfstoff entwickelt.

■ Weiterentwicklung ist teuer: Berücksichtigt werden müssten, wenn es nach dem Verband der Hersteller geht, auch Entwicklungskosten für vorhandene Medikamente, für die ein neues Anwendungsgebiet, eine andere Altersgruppe (beispielsweise Kinder) oder eine neue Darreichungsform (etwa Tablette statt Spritze) erschlossen wird.

Während Gilead seine Gewinne meldet, beschreibt Andreas Bemeleit der Krankenkasse seine Situation. Er versucht, sie zu überzeugen, dass sie dem Arzt eine Zusage geben sollen, damit er keine Regressforderung fürchten muss. Aber das tut sie nicht.

Im Jahr 2014 kamen in Deutschland 49 Arzneimittel mit neuen Wirkstoffen heraus. So viele wie nie in den Jahrzehnten zuvor. Der weltweite Markt für Medikamente dürfte in dem Jahr zum ersten Mal die Grenze von einer Billion Dollar überschritten haben. Nirgendwo wird in Europa so viel Umsatz damit gemacht wie in Deutschland.

Wer soll das bezahlen?

Es ist das Dilemma der überforderten Gesundheitssysteme. Es gelingt immer besser, Krankheiten zu bekämpfen. Und immer schlechter, die aufwändige Bekämpfung zu finanzieren.

Im Grunde ist die Geschichte des deutschen Gesundheitssystems die Geschichte des verzweifelten Versuchs einer ständigen Kostensenkung.

2011 hat der FDP-Gesundheitsminister Philipp Rösler ein Gesetz eingeführt. Ein Spargesetz. Es sollte vor allem die Kosten für Arzneimittel senken, um zwei Milliarden Euro jedes Jahr.

Seitdem gibt es eine Prüfung, die sicherstellen soll, dass ein bereits zugelassenes Medikament im Vergleich zu den bisherigen Medikamenten einen Zusatznutzen für Patienten hat. Die Institution, die diese Prüfung veranlasst, nennt sich Gemeinsamer Bundesausschuss. Ein Gremium aus Ärztefunktionären, Krankenhausvertretern, Kassen- und Patientenvertretern. Der Ausschuss beauftragt wiederum das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, kurz IQWiG, mit der Prüfung. Je geringer der Nutzen, desto besser können die Krankenkassen den Preis in den Verhandlungen mit den Herstellern drücken, die zurzeit laufen.

Josef Hecken, 55, weinrote Krawatte, strubbelige kurze Haare, sitzt in einem schwarzen Büroledersessel im Berliner Tiergartenviertel, dem gesundheitspolitischen Zentrum der Hauptstadt. Hecken ist der Vorsitzende des Gemeinsamen Bundesausschusses, der Unparteiische, dessen Stimme im Fall eines Patts entscheidet. Sein Gremium bestimmt über den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung – also darüber, welche Therapien die Kassen erstatten müssen, im Zweifel für 70 Millionen gesetzlich Versicherte.

Der Ausschuss stellt auch die Weichen für die Preisklasse, in der ein Medikament einmal rangieren wird: Erst wenn er die Prüfung des IQWiG angenommen, verworfen oder modifiziert hat, gilt der Arzneimittelnutzen als festgestellt. Hecken sagt: „Wir sind keine Rationierungsinstanz.“ Der Auftrag seines Gremiums laute schlicht: Nutzenbewertung.

Das IQWiG führt die Aufgabe aus. Die Maßstäbe sind streng. Die Prüfer geben sich gern unbestechlich. Ihr Urteil zu Sovaldi ist hart. Es habe höchstens einen „geringen Zusatznutzen“, und das auch nur für bestimmte Kranke. Für den Rest sehen sie gar keinen.

Es geht um eine Formalie: In keiner der Studien ist Sovaldi im direkten Vergleich zu bereits vorhandenen Medikamenten getestet worden. Die Zulassungsbehörde hielt das für unethisch – wegen der vielen Nebenwirkungen von Mitteln wie Interferon. Der Vergleich mit dem Vorgängermittel ist aber eine Voraussetzung, um einen Zusatznutzen festzustellen. Das harte Urteil des IQWiG bedeutet erst einmal: Gilead würde für Sovaldi nur ein bisschen mehr Geld bekommen, als für den Vorgänger Interferon verlangt wird. Und das, obwohl die Behandlungsdauer mit Sovaldi nur halb so lang ist, die Heilungschancen bei bis zu 95 Prozent gegenüber 60 bis 80 Prozent liegen und Sovaldi praktisch nebenwirkungsfrei ist.

Ein Pharmahersteller, der keinen Profit sieht: Was, wenn sich Gilead aus Deutschland zurückzieht? Bei der Entscheidung im höchsten Beschlussgremium stand es sechs gegen sechs. Vertreter der Kassen gegen Vertreter der Ärzte. Alles hing nun von Heckens Stimme ab. Er sprach ein Machtwort – für Sovaldi. „Weil ich der Auffassung bin, dass alles andere ethisch höchst problematisch gewesen wäre.“ Seitdem gilt für Deutschland: Sovaldi hat für zwei Patientengruppen einen „beträchtlichen Zusatznutzen“, für zwei weitere Gruppen einen „geringen Zusatznutzen“. Gileads Position in den Preisverhandlungen, die im Spätsommer 2014 begannen, hat sich damit erheblich verbessert.

Für Andreas Bemeleit verbessert sich erst mal nichts. Als seine Frau bei dem Arzttermin hört, dass ihr Mann Sovaldi nicht bekommen wird, kann sie es nicht glauben. Sie fragt noch einmal nach, ob der Arzt sicher sei, immerhin sei ihr Mann ein Opfer des Blut-Aids-Skandals. „Wir unterscheiden hier nicht zwischen guten und schlechten Infizierten“, antwortet der Arzt.

Hepatitis C hat den Ruf einer Krankheit von Junkies, Schwulen und tätowierten Häftlingen. Das macht die Diskussion darum noch interessanter. Nach deutschem Gesetz darf die Frage, auf welche Weise ein Patient sich infiziert hat, keine Rolle spielen bei der Vergabe einer Therapie. Was aber kann ein Gesetz gegen Vorurteile und Ressentiments ausrichten? Und welcher Schwerkranke hat schon die Kraft, sich einen Anwalt zu nehmen, um eine Behandlung durchzusetzen?

Andreas Bemeleit hat von Geburt an Hämophilie A, die Bluterkrankheit. In den 80er Jahren sollte das Medikament Faktor VIII, hergestellt aus gespendetem Blutplasma, Blutern wie ihm ein normales Leben ermöglichen. Ein Wundermittel. Aber die Blutprodukte waren mit Viren verunreinigt. Mehrere tausend Hämophile wurden so mit HIV, Hepatitis B oder C – oder beidem – angesteckt. Als Bemeleit mit 16 zum Arzt ging, offenbarte der ihm, er habe Hepatitis. Später folgte die HIV-Diagnose. Einer der größten Medizinskandale in Deutschland, bis heute nicht vollständig aufgearbeitet. Bemeleit hat mit seiner Frau das Netzwerk Robin Blood gegründet, als Anlaufstelle für Betroffene.

Während die deutsche Bundesregierung den Markt beobachtet, beschränkt Frankreich den Zugang zu Sovaldi auf Patienten, die bereits eine Leberzirrhose entwickelt haben, und solche, die unmittelbar vor einer Lebertransplantation stehen. In Frankreich sind deutlich mehr Menschen mit Hepatitis C infiziert als die geschätzten 0,4 Prozent der deutschen Bevölkerung.

■ Deutschland: Nach dem Sozialgesetzbuch muss jeder gesetzlich Versicherte ein Medikament zulasten der Krankenkasse bekommen, wenn das Medikament für seine Krankheit zugelassen ist, und wenn ein Arzt es ihm verordnet. Die Kassen in Deutschland können also nicht sagen, dass sie Sovaldi beispielsweise nur für die Gruppe der Hepatitis-C-Patienten im fortgeschrittenen Krankheitsstadium bezahlen, wie das etwa die Schweiz und Frankreich 2014 beschlossen haben. Und: Dies gilt auch dann, wenn der Patient nicht zu einer der Subgruppen gehört, für die der Gemeinsame Bundesausschuss einen Zusatznutzen anerkannt hat. Ob man jemanden bevorzugen darf oder rationieren, darüber wird kaum offen politisch debattiert.

■ Großbritannien: In England werden die Kosten einer Therapie in Bezug gesetzt zu der daraus resultierenden zusätzlichen Lebenserwartung. Eine 30-Jährige Krebspatientin wird also einer 80-Jährigen vorgezogen.

Zahlen die Staaten die Zockerei der Pharmafirma?

Lebensrettung in letzter Minute. „Das ist aus meiner Sicht eine zutiefst inhumane Betrachtungsweise. Das ist mit dem Sozialstaatsprinzip unseres Grundgesetzes nicht vereinbar“, sagt Josef Hecken, Jurist, Christdemokrat. Im Familienministerium war er Staatssekretär, davor Gesundheitsminister im Saarland.

Frankreichs Gesundheitsministerin will Gilead auch mehr Steuern zahlen lassen, sollte das französische Gesundheitssystem 2015 mehr als 700 Millionen Euro für das Hepatitis-C-Medikament ausgeben müssen. Dafür hat sie im Oktober einen Gesetzentwurf ins Parlament gebracht.

In den Diskussionen schwingt immer ein Vorwurf mit: Gilead müsse doch vor allem die horrenden Investitionen aus dem Bieterwettbewerb um den Wirkstoff wieder einspielen. Die öffentlichen Gesundheitssysteme sollten jetzt herhalten.

Der Vorwurf habe ihn getroffen, erzählt Hans Reiser, der Gilead-Forscher, am Telefon. „Die Frage ist ja“, sagt er, „was ist ein fairer Preis, und wie soll man ihn bestimmen?“ Er ist überzeugt: „Der Preis muss auch vom Reichtum eines Landes abhängen, also etwa vom Bruttoinlandsprodukt, aber auch davon, wie stark ein Land von einer bestimmten Krankheit betroffen ist.“ In Ägypten etwa, wo Schätzungen zufolge 22 Prozent der Bevölkerung das Hepatitis-C-Virus in sich tragen, sei es unmöglich, einen ähnlich hohen Preis zu fordern wie in den USA, wo weniger als 2 Prozent infiziert sind.

Gilead stellt seine hochpreisigen Arzneimittel in Afrika und in Südostasien viel billiger zur Verfügung. In Indien wiederum hat Gilead Verträge mit einzelnen Generikaherstellern geschlossen, die die eigentlich patentgeschützten Präparate nachbauen und – ausschließlich in Indien – günstiger verkaufen.

Hans Reiser hört sich manchmal an wie ein nachdenklicher Politiker, der einen verpassten Wahlsieg erklären muss. „Vielleicht haben wir Pharmahersteller unsere Position einfach nicht gut genug erklärt“, sagt er dann. Der Preis eines Medikaments dürfe doch nicht nur die Herstellungskosten widerspiegeln. „Sie zahlen im Prinzip die Gesamtforschung der Firma“, sagt Reiser, also auch die vielen präklinischen und klinischen Studien mit anderen Wirkstoffen, die am Ende zu gar nichts führten.

Dazu komme die begrenzte Patentlaufzeit, während der es einer Firma überhaupt nur möglich sei, Gewinne einzufahren. „Sie melden das Patent an, sobald Sie den Wirkstoff entdeckt haben, Sie müssen ihn schützen“, sagt Hans Reiser. Ab diesem Zeitpunkt blieben der Firma etwa 20 Jahre Zeit. Allein die klinischen Studien bis zur Marktzulassung dauerten aber teilweise zehn oder mehr Jahre. „Die Zeitspanne, die Ihnen zum Geld verdienen bleibt, verringert sich noch einmal.“ Im Fall von Sofosbuvir müsse man auch den Nutzen für die Gesellschaft betrachten: „Langfristig sind die Kosten eben nicht so hoch wie für viele andere Medikamente, die chronisch Kranke ein Leben lang einnehmen müssen, denn mit Sofosbuvir erzielen wir Heilung.“

Kommenden Samstag enden die Preisverhandlungen zwischen Gilead und Krankenkassen. Zwei starke Gegner. Gilead will einen möglichst hohen Preis für Sovaldi, schließlich waren das Patent und die vielen Studien teuer genug. Die Krankenkassen wollen einen möglichst niedrigen Preis, sie argumentieren mit dem schlechten Urteil des IQWiG und sind angehalten, wirtschaftlich zu arbeiten. Können sich die Kassen und Gilead nicht einigen, entscheidet eine Schiedsstelle. Den Schiedsspruch aber muss Gilead nicht akzeptieren. Die alte Angst: Was, wenn die Firma das Medikament vom deutschen Markt nimmt?

Wann darf, wann muss ein Staat eingreifen?

In seinem Büro in Berlin verschränkt Josef Hecken die Arme vor dem Bauch: „Die Frage ist: Wollen wir ein staatliches Preissystem? Wir haben es mit internationalen Konzernen und weltweiten Vertriebsstrukturen zu tun. Preisbildung durch den Staat würde also nur dann funktionieren, wenn eine solche Preissetzung allgemein verbindlich über alle größeren Verbraucherländer erfolgen würde.“

Es gibt noch wesentlich radikalere Vorschläge. Ein Philosoph von der Yale University fordert, Medikamente sollten jährlich Prämiengelder erhalten können, je nach Schaden einer Krankheit und dem Nutzen der Medikamente dagegen. Aus dem IQWiG kommt der Vorschlag, alle Kosten für ein Arzneimittel aufzulisten und den Nutzen gegenüber zu stellen. Länder wie Großbritannien, Australien oder Schweden machen dies längst. In Großbritannien etwa werden bestimmte Krebspräparate für ältere Menschen nicht mehr bezahlt. Weil sie ohnehin nicht mehr so lange leben.

Mitte Oktober trifft Andreas Bemeleit eine radikale Entscheidung: Er bittet seinen Arzt um ein Privatrezept. Er will sich das Geld für Sovaldi zusammenleihen. Der Arzt rät ab, zu teuer, aber Bemeleit bleibt hartnäckig. Als dann seine Leber noch einmal gescannt wird, liegt der neue Wert bei 11,9 Kilopascal – knapp vor der Leberzirrhose. Sein Zustand hat sich extrem verschlechtert. Jetzt endlich soll Bemeleit das Rezept bekommen. Die Apotheke liefert die Tabletten. Sie sind gelb und sehen ein bisschen aus wie Vitaminpräparate. Am nächsten Tag nimmt Bemeleit die erste Dosis.

Euro hat die Barmer GEK 2013 im Schnitt für die Arzneimittel einer weiblichen Versicherten ausgegeben, 441 Euro für einen Mann

Quelle: Arzneimittelreport Barmer GEK

Josef Hecken erzählt eine persönliche Geschichte. Anfang der 80er Jahre, als seine Mutter an Darmkrebs erkrankte, gaben ihr die Ärzte drei Monate. Es wurden eineinhalb Jahre. Er, sein Bruder und der Vater wechselten sich mit der Pflege ab, irgendwann wog die Mutter 32 Kilo, der Krebs wucherte, die Ärzte geizten mit Morphium. „Es war schrecklich“, sagt Hecken. Und dann hörten sie, es gebe da diese Bäckerei mit diesem Schwarzbrot, das den Krebs heile, und da fuhr Hecken los. Er will sagen: Menschen wollen leben. Je bedrohlicher ihr Zustand, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass sie nach dem letzten Strohhalm greifen, und sei er noch so unnütz.

Die Pharmaindustrie, das weiß er, nutzt diese Situation aus – mit extrem teuren Angeboten, die das Lebensende zwar hinauszögern, aber häufig schwerste Nebenwirkungen haben.

Doch es sind nicht nur Massenmedikamente, die die Preise treiben. Zunehmend kommen Mittel auf den Markt, die an der genetischen Disposition des Menschen ansetzen, individuell. 70 Prozent der Kostensteigerungen der Zukunft werden solche Präparate verursachen, prognostiziert das Fritz-Beske-Institut für Gesundheits-System-Forschung in Kiel. Und da, sagt Hecken, müsste sein Ausschuss Untergruppen von Kranken bilden dürfen, denen das Medikament verordnet werden darf – gerade weil man bei diesen Mitteln so genau feststellen könne, wem sie nützten und wem nicht: „Eine solche Differenzierung ist vernünftig.“

Bei Andreas Bemeleit lag die Viruslast vor der Sovaldi-Therapie bei etwa 250.000 pro Milliliter – nach 16 Tagen mit Sovaldi beträgt sie nur noch 43. Er hofft nun, dass nicht nur die Werte besser werden, sondern auch die Schmerzen nachlassen, dass er sich wieder bewegen kann.

In Berlin, fünf Gehminuten vom Bundestag entfernt, da, wo die Vertreter von Gilead und Krankenkassen verhandeln, sieht es nicht nach einer Einigung zwischen den Parteien aus.

Der Gilead-Mediziner Hans Reiser sagt: „Wenn ein Land für Wirkstoffe wie Sofosbuvir nicht zahlen will, wer von den Herstellern wäre bereit, künftig noch viel langwierigere Forschungen, etwa zu Alzheimer oder Parkinson, überhaupt nur in Angriff zu nehmen?“

Er sagt das ganz freundlich. Aber es klingt wie eine gewaltige Drohung.

Heike Haarhoff, 45, ist taz-Redakteurin für Gesundheitspolitik

Saskia Hödl, 29, ist taz-Panter-Volontärin