Schräg unterlaufene Dresscodes

FOTOGRAFIE Gothics und Anzugträger: Katja Stuke und Oliver Sieber stellen in Braunschweig ihre Beschäftigung mit weltumspannenden urbanen Subkulturen aus. Die ihnen durchaus gut gelingt

Ohne Zweifel: Katja Stuke, Jahrgang 1968, und Oliver Sieber, geboren 1966, sind sehr gute FotografInnen mit relevanten Themen. Die zwei DüsseldorferInnen beschäftigen sich einfallsreich mit dem Portrait, hinterfragen dabei soziale Milieus, Subkulturen, Dresscodes oder auch Zugehörigkeiten zu speziellen Szenen, die heutzutage und weltumspannend persönliche Identitäten überformen.

Oliver Sieber bleibt dabei atmosphärisch dicht am Thema. Er begibt sich seit 2006 mitten hinein und portraitiert zumeist sehr junge Leute in ihren typischen Stylings, seien sie nun Gothic, Skins oder auch extrovertiert schwul. Sieber führt die Portraitierten nicht vor, er lässt ihnen ihre Autonomie und wartet den Moment ab, in dem sie selbstversunken sind, ganz bei sich.

In der Ausstellung „Our House“, die er zusammen mit Katja Stuke in Braunschweig bestreitet, hat er diese farbigen Portraits zusammen mit Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Straßenszenen oder Konzerten auf schwarz gestrichenen Wänden zu einem „Imaginary Club“ arrangiert. Er zeigt so die Koexistenz unterschiedlicher, ursprünglich subversiver Selbstdarstellungsformen, die global längst Mainstream sind.

Katja Stuke geht analytisch distanzierter zu Werke. Sie interessierte sich in ihrer Studie „Suits“, die bis 2009 entstand, für das Phänomen des Anzugträgers, das nicht mehr nur in Banker- und Business-Branchen anzutreffen ist. Sie filmte dafür vorbeieilende PassantInnen in London, Tokio, New York und isolierte anschließend einzelne Protagonisten im fotografischen Bild, so dass sie als Individuum aus der Masse heraustreten. Und dabei erwischt sie auch schon mal einen jungen Japaner, der mit seinem feuerrot gefärbten Haarschopf zum Anzug den Dresscode schräg unterläuft.

Zu ihren großformatigen Abzügen stellt Stuke nun noch Film-Stills staatsmännischer Anzugträger wie US-Präsident Barack Obama oder von Kinoheroen wie Michael Douglas und Daniel Craig, deren Rollen solches Outfit Souveränität verleihen soll – eine Funktion, die das uniforme Textil offensichtlich schon lange nicht mehr erfüllt.

Einfach nur zu fotografieren scheint Struke und Sieber nicht zu genügen: Aus ihren internationalen Bildausbeuten und Künstlerkontakten generierten sie 1999 ein Label – ursprünglich „Frau Böhm“ genannt, heute „Böhm/Kobayashi“. Unter diesem geben sie Künstlerbücher heraus, eine Enzyklopädie sowie ein Magazin. Und sie betreiben eine „Universität“ mit Vorträgen und Künstlergesprächen.

In Ausgabe 34 des inzwischen 39-mal erschienenen Magazins versammeln sich Fotos eines Osaka-Stipendiums 2006, das die beiden jugendlichen Subkulturen und Konsumwelten Japans widmeten. Allerdings reiht sich da kommentarlos ein Foto an das nächste, eine vielleicht reflektierende Absicht geht unter, das Medium wahrt keinerlei Distanz zum Thema. Dabei zeigen Struke und Sieber ja in ihren Einzelarbeiten, dass ihnen substantiellere Betrachtungen durchaus möglich sind.