Der Wohnspross

Vier Wochen „Sproutbau“: In einem abbruchreifen Hochhaus in Bremen erproben junge Künstler aus der ganzen Welt eine Symbiose aus Wohnutopie und Kunstprojekt. Danach wird abgerissen

VON CHRISTAN JAKOB

Wer die Farbbeutel und Graffiti-Parolen an der Fassade sieht, fühlt sich unweigerlich an ein besetztes Haus oder ein autonomes Zentrum erinnert. Doch von Anarchie drinnen keine Spur. Wer hier einziehen wollte, musste vorher seine Bewerbungsunterlagen einschicken, alle Türen sind verschlossen, und mit dem Hausbesitzer pflegt man ein gutes Verhältnis: Im temporären Wohnexperiment „Sproutbau“ wird nicht protestiert, jedenfalls nicht im klassischen Sinne, sondern Kunst produziert. Wohnkunst.

Die äußere Hülle für den Sproutbau liefert ein achtstöckiges, plattenbauartiges Hochhaus, wie es viele gibt im Bremer Sozialbau-Viertel Tenever. Doch die Tage des Hauses an der Neuwieder Straße 48 sind gezählt: Im vergangenen Jahr entschied der Besitzer, die Osterholz-Tenever Grundstücksgesellschaft (OTG), dass das Gebäude abgerissen werden soll. Für eine Gruppe junger Architekten, SozialarbeiterInnen und KünstlerInnen aus Bremen war dies die Gelegenheit, ein Zwischennutzungs-Projekt ganz eigener Art umzusetzen.

„Sprout“ ist das englische Wort für Spross, und vor dem Abriss sollte noch einmal Kreativität sprießen in dem Hochhaus. „Jeder leere Raum ist eine Einladung zu kühnen Gestaltungsideen“, so schreiben die Initiatoren in ihrer Projektskizze. Im Sproutbau wollten sie diese „Gestaltung mit der Fragestellung verknüpfen, wie wir unser Leben so einrichten können, dass wir weder beträchtliche Spuren in unserer Umwelt hinterlassen, noch uns dauerhaft abhängig machen von externen Serviceleistungen“.

„Warmwasser war der OTG wohl zu teuer für uns. Aber wir haben die Leitung von Herrn Dohms angezapft“

Anfang August haben sie die „Freie Republik Sproutland“ ausgerufen, eine Fahne mit einem Keimling auf das Dach gestellt und ihre Gäste begrüßt. 65 KünstlerInnen aus elf Ländern sind angereist, darunter Amerikaner und ein Neuseeländer. Etwa ein Drittel der neuen Bewohner kommt aus Bremen, ein weiteres Drittel aus anderen Teilen Deutschlands. An Kunsthochschulen, im Internet und in den einschlägigen Communities haben die Organisatoren für den Sproutbau geworben. „Es gibt eine richtige Szene für so etwas“, sagt Christina Vogelsang. Die Sozialwissenschaftlerin macht seit Jahren Kunstprojekte mit den BewohnerInnen des Stadtteils. Ihre guten Kontakte zu den QuartiersmanagerInnen waren die Voraussetzung für den Sproutbau.

Die OTG hat den jungen KünstlerInnen das Hochhaus für einen Monat überlassen. Nun dürfen sie mit dem Haus machen, was sie wollen. „Wir haben zwar einen Nutzungsvertrag mit der OTG. Doch darin werden uns keine Auflagen gemacht,“ sagt Vogelsang. „Wir wollen den KünstlerInnen größtmögliche Freiheit bei ihren Projekten gewähren.“ Miete verlangt die OTG nicht, auch Strom und Wasser werden von der Immobiliengesellschaft übernommen. Allerdings nur kaltes: „Warmwasser war der OTG wohl zu teuer für uns. Aber wir haben die Leitung von Herrn Dohms angezapft“, sagt Daniel, einer der für das Projekt verantwortlichen Architekten.

Herr Dohms ist ein freundlicher alter Herr, der zwischen all den Streetart-KünstlerInnen und GrafikerInnen umherläuft. Er ist der letzte reguläre Mieter der 110 Wohneinheiten. Die OTG hat ihm, wie den meisten seiner ehemaligen NachbarInnen eine Wohnung in derselben Straße zugeteilt. Doch Herr Dohms mag nicht umziehen, die neue Wohnung sei „nicht gleichwertig und hat keine so schöne Terrasse“ klagt er den KünstlerInnen.

Die kommen bestens mit ihrem Hausgenossen aus, sagen sie: „Herr Dohm findet das meiste toll, was wir machen. Und was er nicht toll findet, hat er problemlos toleriert.“ Die Wandgemälde, die ein Bremer Künstler an die Hauswände pinselt, haben es Herrn Dohms angetan, und er hat darum gebeten, die Figuren auch an die Wände seines Appartements zu malen.

Er wird nicht viel Zeit haben, sich an dem Werk zu erfreuen: Mitte September muss nicht nur die Kunst aus dem Bau verschwunden sein, auch Herr Dohms muss dann endgültig sein neues Quartier im Hochhaus nebenan bezogen haben. Bis Ende des Jahres soll die Neuwieder Straße 48 nur noch eine Grünfläche sein. Doch vorher füllt sich der Betonbau jeden Tag ein Stück mehr mit Kunst jeder Spielart. Müllskulpturen, Theater, begehbare Labyrinthe aus Krankenhausmüll, Sofas aus Hefeteig, die mit einem Bautrockner gebacken werden. Manche halten Ziegen in dem Gebäude.

Auch das Leben selbst wird ein bisschen zur Kunst im Sproutbau. Jeden Abend um 19 Uhr gibt es ein gemeinsames Essen für alle und um Punkt 20. 15 Uhr beginnt die tägliche „Telenovela“ im Café im zweiten Stock. Ein studierter Regisseur aus Bremen verfasst täglich eine Art Soap-Opera zum Anhören. Acht Stunden schreibt er an jeder neuen Folge, neun Seiten füllt er dabei und in genau 24 Minuten liest er sie den Experiment-BewohnerInnen vor. Anschließend präsentiert ein neuseeländischer Tonkünstler sein tägliches Sound-Musical. Den ganzen Tag läuft er mit einem digitalen Aufnahmegerät durch den Bau und fängt Klangfetzen ein. Abends komponiert er daraus tonale Collagen, und spielt sie seinen HausgenossInnen vor.

Mit den übrigen BewohnerInnen des Stadtteils wird man langsam warm. „Uns ist klar, das wir hier Externe sind“, sagt Vogelsang. Entsprechend habe man auch versucht, sich den NachbarInnen vorzustellen, ohne sie zu überfallen. Zuerst kamen die Kinder und wollten Wände besprühen, später haben sich dann Jugendliche in dem Bau umgesehen. Ansonsten sind eher wenige BesucherInnen aus der Nachbarschaft im Haus unterwegs.

Am Ende des Monats soll das anders werden. Der Sproutbau scheidet mit der „Betonale“ aus der Welt. Mit einem dreitägigen Kunstfestival will er seine kreative Utopie des „nachhaltigen Wohnens“ der Öffentlichkeit darbieten. Dass all die Werke, die sich nicht abbauen lassen, danach dem Bulldozer zum Opfer fallen, damit haben sich die OrganisatorInnen abgefunden: „Wir machen das hier nicht, aus Protest gegen den Abriss“, sagt Vogelsang. „Aber wenn wir dazu beitragen, dass Leute einen neuen Blick für die Nutzung öffentlicher Räume bekommen, dann begrüßen wir das.“

„Betonale“-Festival im „Sproutbau“ vom 31. August bis 2. September. Mehr unter: www.sproutbau.de