Nur die Hälfte der depressiven Erkrankungen wird tatsächlich als solche erkannt, noch weniger werden angemessen behandelt. Darunter leiden die Betroffenen – und die Suizidstatistik.von SVENJA BERGT

Antidepressiva verordnet das Marketing der Pharmaindustrie. Bild: ap
Drei Jahre ist es jetzt her, dass Michael Freudenberg begann, sich nachts des öfteren schlaflos hin und her zu wälzen. „Früher schlief ich immer schon, da hatte ich das zweite Bein noch gar nicht im Bett“, erzählt er. Die neue Schlaflosigkeit brachte die ersten Grübeleien mit sich. Selbstzweifel, Ängste, das Gefühl, nicht so zu funktionieren, wie
Am Samstag findet zum fünften Mal der European Depression Day statt. Veranstalter ist die European Depression Association. 13 teilnehmende Länder bieten für Erkrankte, Angehörige und (noch) nicht Betroffene Informationen. Ziel ist es, auch auf die lokalen Bündnisse aufmerksam zu machen, die Depressiven eine rasche und nahe Hilfe ermöglichen sollen. Schwerpunkt des Depressionstages in diesem Jahr ist die Wirkungsweise verschiedener antidepressiver Therapien.
er sollte. Johanniskraut, das Erste-Hilfe-Medikament bei leichten Depressionen, schlug nicht an. Erst der komplette Zusammenbruch brachte die Erkenntnis: Es ist tatsächlich eine Depression und die ist nicht leicht, sondern schwer.
Wenn Freudenberg die Geschichte heute erzählt, merkt man ihn eine bemühte Distanz zu dem Thema an. Freudenberg gilt jetzt als gesund, er hat die Antidepressiva im Mai vollständig abgesetzt. Doch Freudenberg ist nicht nur Patient. Er ist Arzt, Psychiater, einer, der sonst selbst Patienten mit Depression therapiert. „Jeden kann es treffen!“ – die Formel, die Freudenberg schon immer wichtig war, hat angesichts dessen eine völlig neue Bedeutung bekommen.
Tatsächlich waren in Deutschland zehn Prozent der Erwachsen im vergangenen Jahr an einer Depression erkrankt. Nur bei der Hälfte von ihnen hat jedoch der Hausarzt, das Umfeld oder der Betroffene selbst die Krankheit richtig erkannt. Und nur zehn Prozent derer, die die richtige Diagnose erhalten, werden ausreichend behandelt, so
Detlef Dietrich, Oberarzt der Klinik für Psychiatrie, Sozialpsychiatrie und Psychotherapie an der Medizinischen Hochschule Hannover.
Gleichzeitig sei der Leidensdruck der Betroffenen höher als bei jeder anderen Erkrankung. Ein Indiz dafür: die Statistiken zu Selbsttötungen. 10.700 Suizide gab es alleine im Jahr 2004, davon geht ein Großteil, so die Schätzungen der Psychiater, auf Depressionen zurück. Zum Vergleich: Die Zahl der Verkehrstoten lag innerhalb des gleichen Jahres unter 6.000. Auch die Weltgesundheitsorganisation sieht die Depression als die Krankheit, die den Patienten am schwersten und am längsten beeinträchtigt – nicht nur im Vergleich zu anderen psychischen Krankheiten.
Über den Leidensdruck berichtet auch Michael Freudenberg. Nach einer ersten Besserung reduzierte er die Medikamentendosis, wie vorgeschrieben in ganz kleinen Schritten. Doch die Krankheit holte ihn wieder ein, Selbstmordgedanken plagten ihn. Heute erzählt er mit einem makaberen Grinsen, wie er bei sich zu Hause im Bett lag, nicht weit entfernt von
der Bahnstrecke, auf der die Züge vorbeidonnerten. Eine Bahnstrecke ohne Zaun. Noch hätten sich an der Stelle nicht ausreichend Menschen vor den Zug geworfen, als dass die Bahn einen Zaun finanzieren würde.
Prävention wäre also das eine – und Versorgung das andere. Um die stehe es, trotz der geringen Behandlungsquote, verhaltnismäßig gut. „Jeder hat in Deutschland die Möglichkeit eine psychiatrische Behandlung zu beginnen“, sagt Ulrich Hegerl. Der Direktor der Klinik für Psychiatrie an der Universität Leipzig engagiert sich auch als Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Niedergelassene Therapeuten oder Kliniken seien in ausreichender Zahl vorhanden, die Patienten können wählen von Tiefenpsychologie bis zur kognitiven Therapie. „Noch“, fügt er hinzu, denn das Durchschnittsalter der Psychiater steige.
Ein weiterer Schwachpunkt des Systems: die Auswahl des richtigen Medikaments. Gerade in Kliniken läge die in der Verantwortung der Krankenhausapothekern, erklärt der Facharzt für Pharmakologie und Toxikologie, Bruno Müller-Oerlinghausen. Böten Pharmafirmen der Klinik die Lieferung von Medikamenten zum Nulltarif an, werde diese Entlastung des Budgets gerne angenommen. Das vom Klinikarzt verschriebene Medikament verordnet
dann auch der weiterbehandelnde Arzt – und das Pharmaunternehmen ist der Gewinner. Verlierer ist womöglich der Patient, wenn er mit einem anderen Medikament besser oder gezielter behandelt werden könnte.
Müller-Oerlingshausen fordert außerdem eine größere Bandbreite an Behandlungsmöglichkeiten. „Man sollte Patienten, die keine Psychopharmaka nehmen wollen, Alternativen anbieten.“ Kosten für vielversprechende Therapien, wie die mittels Massage, würden in Deutschland nicht von den Krankenkassen übernommen.
Wenn Freudenberg heute Patienten behandelt, die sich selbst vorwerfen, mit der Krankheit Schwäche gezeigt zu haben, hat der Psychiater eine neue Antwort. Er erzählt seine eigene Geschichte. „Dann kommt immer der Einwand: 'Aber Sie sind doch Psychiater!'“, sagt Freudenberg. Wenn er dem Patienten dann erklärt, dass es doch jeden treffen kann, hat er ihm meist schon ein kleines bisschen Selbstwertgefühl wieder gegeben.
In ihrem Videocast fordert Kanzlerin Merkel einen schnellen Ausbau der deutschen Stromnetze. Um den Windstrom von den Norden in den Süden zu schaffen, sind Tausende neue Netzkilometer nötig.

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Leserkommentare
20.10.2008 00:14 | kuba.s
Solange ein biologistischer Ansatz der Psychiatrie die sozialen Bedingungen unter denen wir uns verrückt und depressiv verh ...
19.10.2008 16:24 | elisabeth
soweit ich von gesprächen mit betroffenen weiss, ist es nicht gerade easy ein gute (!) behandlung zu bekommen. es ist sogar ...
18.10.2008 16:25 | bbux
"Das vom Klinikarzt verschriebene Medikament verordnet dann auch der weiterbehandelnde Arzt – und das Pharmaunternehmen ist ...