Mit Golfball in der Backentasche

Rolf Dieter Brinkmann wollte alles in Sprache verwandeln. Das Outdoor-Theater „Sacer Lokus“, das Martin Wuttke nach Brinkmanns Texten in Neuhardenberg gestaltet hat, hebelt diesen Versuch auf lustige, gemeine und orgiastische Weise aus

Brinkmann ist zurück. Der Kölner Autor Rolf Dieter Brinkmann (1940–1975), der so hart an einer Kritik der Sprache arbeitete, bis ihm die Sätze wie Schimmel zerfielen, übt auf die Spracharbeiter der Gegenwart eine große Anziehungskraft aus. Ein Film entstand nach den vielen Tonbändern, die Brinkmann in einer Phase der Schreibverweigerung unablässig besprach: „Brinkmanns Zorn“ vom Berliner Filmemacher Harald Bergmann feierte in Berlin seine Premiere in der Volksbühne. Und diesem Haus sind auch die meisten der Künstler assoziiert, die sich jetzt in der Regie von Martin Wuttke gleich zweimal mit Brinkmanns nachgelassenen Tagebuchcollagen auseinandergesetzt haben.

Im März brachten sie die Sprachkaskaden des Autors im Schauspielhaus Köln auf die Bühne. Die zweite Inszenierung, in der Wuttke aus dem gewaltigen Kessel schöpfte, in dem Brinkmann die Sprache weich kochte, hatte jetzt im Park von Neuhardenberg Premiere.

Das Weichkochen der Sprache – ein Bild der neuen Inszenierung zeigt genau das, in einer großen Einstellung, mittels Kamera auf eine Leinwand übertragen: Wie in einem Topf auf dem Herd eine Suppe brodelt und klein gerissene Textseiten zum Andicken der Brühe eingerührt werden. Ein wenig spielt die Kamera dabei TV-Koch-Stunde und schneidet zwischen der Hand des Kochs mit dem Hackmesser und dem Rühren im Topf hektisch hin und her. Dann aber taucht Kathrin Angerer auf und nötigt den Koch (Bernhard Schütz), zu erklären, was er da macht, mit penetrant wiederholenden Fragen.

Diese Szene erinnert an eine aus „Brinkmanns Zorn“, in der der Dichter seine Frau Marleen in der Küche mit seinen Fragen zur Verzweiflung treibt. Akribisch, pedantisch, ganz genau will er wissen, wie sich der Alltag anfühlt, das Banale, das bis dahin aus der literarische Sprache Gefallene, und merkt nicht, wie er dabei selbst zum Kontrollfreak wird. Die Theaterszene vertauscht dabei nicht nur die Rollen von Mann und Frau, sondern hebelt den Versuch, alles zu artikulieren, noch auf andere und gemeine Weise aus. Die Schauspieler haben nämlich so etwas wie Golfbälle in den Backentaschen, was sie wie große, unglückliche Hamster aussehen und undeutlich nuscheln lässt. Sprachkritik à la Brinkmann konnte für seine Mitmenschen eben auch eine ganz schöne Tortur sein.

„Sacer Lokus“ heißt die Wuttke-Brinkmann-Show diesmal, für die Jonathan Meese, der mit den Schauspielern über die Wiese hoppelt, und die Bühnenbildnerin Nina von Mechow eine klapprige Holzbude in den Park gesetzt haben. Das ist ein Hexenhaus aus dem Märchen, ein Spukschloss aus dem Horrorfilm, eine runtergekommene Ranch aus der großen Depression, whatever. Einige Szenen werden per Kamera nach außen transportiert, die meisten aber spielen sich in der weiten Wiese um das Haus, auf seinem Dach oder auf der Hollywoodschaukel davor ab. Die Wiese ist voll versteckter Fallgruben, in die die Darsteller oft plötzlich hinfallen. Derweil sitzt einer auf dem Dach des Hauses und schreit herunter: „Mich interessieren die Fallensteller, aber jetzt kassiere ich ab.“ Das ist erstens Slapstick, der das Stück auch lustig aussehen lässt, und zweitens eine Umkehrung von Brinkmanns Versuch, alles zu versprachlichen. Wuttke und sein Team verbildlichen und verkörperlichen die Wortfetzen wieder.

Theater outdoor, das Wuttke in Neuhardenberg zum vierten Mal veranstaltet, verändert den Wahrnehmungsmodus. Mit den langen Wegen, die in der Landschaft zurückgelegt werden, kommt ein ganz eigenes Timing auf. Die Schauspieler sind zudem kostümiert wie aus dem Kasperletheater. Wuttke selbst rennt mit großem Hut und Stiefeln wie ein Räuber Hotzenplotz umher. Meese tippelt zierlich in einem langen, weißen Kittelchen umher, Bernhard Schütz zeichnet ein wütend senkrecht stehendes schwarzes Haarbüschel aus. Er schiebt Schubkarre, gräbt Löcher, jagt kleine Hunde, wirft mit Strohballen – ja, die Szenerie hat auch einen irritierenden Einschlag von Bauerntheater.

Einmal stehen Schütz und Angerer auf dem Dach und machen sich allein mit der Frage „Wie fühlst du dich denn heute?“ fertig. Was schwingt da nicht alles an Unterstellungen mit, und man ahnt Jahrzehnte von Kränkungen und Missachtungen zwischen diesen beiden.

In der Holzbude scheint oft Feuer auszubrechen, jedenfalls qualmt sie außerordentlich. Man hört lautes Husten und viele Geräusche, wie wenn einer auf dem letzten Loch pfeift. Tatsächlich sehen die umherwankenden Gestalten nicht selten wie eine Parodie auf die lebenden Toten aus einem Horrorfilm aus. Auch dazu findet sich irgendwann ein passender Satz aus dem Brinkmann-Repertoire: Vor Angst scheißen und immerzu arbeiten, so sieht er die Deutschen. Eigentlich schon lebende Tote.

Es ist eigenartig: Vieles, was beim Sehen in erster Linie Nonsens erscheint, erweist sich später als deutbar. „Wie viele Bilder sieht man täglich, wie viele kann man davon gebrauchen“, jammert einer der Performer am Anfang. Brinkmann hätte gerne Ordnung geschaffen und die überflüssigen Bilder aussortiert. Als Zuschauer des Stücks macht man das ganz automatisch und behält vor allem, was man gebrauchen kann. Aber es ist noch viel, viel mehr passiert.