DIRIGENT. 6. MÄRZ 1930 – 13. JULI 2014

Lorin Maazel

VON JULIA FISCHER

Mein erstes Konzert mit Lorin Maazel war das Osterkonzert des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks 1997, als ich mit ihm gemeinsam das Bach-Doppelkonzert spielte und anschließend Paganinis Campanella unter seiner Leitung. Ich war 13 Jahre alt, und das Musizieren mit ihm war für mich ein einschneidendes Erlebnis. Er war einfach ein hochbegabtes Multitalent, gerade erst hatte er nach vielen Jahren wieder angefangen sich der Geige zu widmen – nicht zu vergessen, dass er auch komponierte! Meine ersten Auftritte mit ihm ausschließlich als Dirigent hatte ich 1999 und 2000 mit dem BR-Symphonieorchester, dann 2003 im Lincoln Center mit den New York Philharmonic. Er gehörte damals zu meinen musikalischen Vorbildern, besonders faszinierte mich, dass er jede Note jeder beliebigen Partitur auswendig kannte. Er hatte ein unfassbares Gehirn, das durfte auch ich selbst immer wieder erleben. Als wir zum Beispiel in New York das Sibelius-Konzert probten, hielt er mitten in einer Fortissimo-Stelle an und fragte mich, welches Instrument nun eine falsche Note gespielt hätte. Glücklicherweise bestand ich diese „Prüfung“, indem ich auf das Horn tippte. Geprägt hat mich seine Professionalität, er verlangte, dass man ein Stück perfekt beherrscht, bevor man damit auf die Bühne geht. Äußerst dankbar bin ich ihm auch für die Vermittlung meiner ersten Stradivari. Ich sagte ihm Anfang 2000, dass ich Probleme mit meiner Geige hätte. Kurz darauf hielt ich alleine durch seine Initiative die Stradivari in der Hand, eine Leihgabe der Nippon Music Foundation. Er war ein echtes Genie und eine der prägenden Musikerpersönlichkeiten der Gegenwart.

Julia Fischer, 31, gehört zu den führenden Geigensolisten weltweit und ist Professorin der Hochschule für Musik und Theater München