Versicherungen speichern viele und sensible Daten. Eine Reform, die die Angaben besser schützen soll, verzögert sich.von SVENJA BERGT

Gipsbeine, Krankheiten, ausgebrannte Garagen - beim HIS wird alles dokumentiert. Bild: dpa
BERLIN taz Als Martin Tauss* vor zwei Jahren eine Berufsunfähigkeitsversicherung (BU) abschließen wollte, war die Überraschung groß. Obwohl ohne nennenswerte Erkrankungen, lehnte ihn ein Versicherer nach dem anderen ab. Tauss war ratlos, bis er einen Versicherungsvertreter traf. Der hatte eine Erklärung: Tauss hatte drei Jahre zuvor einige BU-Anträge gestellt, aber aus finanziellen Gründen keinen abgeschlossen. Doch die Daten der Anträge, so der Vertreter, bleiben fünf Jahre bei den Versicherern und können untereinander weitergegeben werden.
HIS, Hinweis- und Informationssystem, heißt das System. Die Versicherer wollen damit Betrüger leichter überführen. Wer öfter Haftpflichtschäden produziert, wem ständig sein Auto geklaut wird oder wessen Garage genau dann abbrennt, wenn er eine Brandschutzversicherung abgeschlossen hat - darauf macht das System die Sachbearbeiter der Versicherungen aufmerksam. Doch den Datenschützern ist es ein Dorn im Auge. Derzeit würden 9,5 Millionen Datensätze gespeichert, schätzt Thilo Weichert, Datenschutzbeauftragter von Schleswig-Holstein. Datensätze, die nicht nur Name und Adresse umfassen, sondern auch Daten wie Krankheiten, Unfälle oder Gerichtsverfahren. Meist ohne das Wissen der Betroffenen. Nur zehn Prozent der Deutschen, schätzt Weichert, würden das HIS überhaupt kennen.
Dazu kommt: Der Kunde hat keine Möglichkeit, der Speicherung zu widersprechen, denn ohne Datenspeicherung gibt es keine Versicherung. Auch eine Eigenauskunft, wie bei der Kreditauskunft Schufa, gibt es nicht. Der Kunde müsste bei jeder Versicherung einzeln nachfragen, welche Daten über ihn gespeichert sind - selbst wenn er nur einen Antrag gestellt hat. "Ich habe versucht, die über mich gespeicherten Daten zu bekommen", sagt Tauss. "Auf eine Antwort warte ich heute noch."
Im Herbst wollten Versicherungswirtschaft und Datenschützer eigentlich einen Kompromiss vorstellen. Einen, der es den Versicherungen ermöglicht, vermeintliche Betrüger zu entdecken und der trotzdem die Daten der Kunden schützt. "Eine Einigung wird wohl bis zum Frühjahr dauern", schätzt Datenschützer Weichert. "Bei einer Vielzahl von Punkten gibt es noch große Fragezeichen." Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft wehrt sich: Das HIS sei schließlich ein Warn- und kein Ablehnungssystem.
Dass das nur die halbe Wahrheit ist, zeigt die Praxis bei Rechtsschutzversicherungen, einem der wenigen Fälle, in dem die Versicherer ihre Kriterien offengelegt haben: Wer beispielsweise innerhalb von einem Jahr zwei Fälle an seine Versicherung meldet, hat sicher eine Kündigung auf dem Tisch. Ganz egal, ob er Kosten für die Versicherung produziert hat - schließlich kann der Versicherte die Prozesse auch gewonnen haben.
Auch Tauss hat etwas anderes erfahren. Ein Jahr lang fischte er Ablehnungen aus dem Briefkasten - bis er einen Versicherer fand, der sich nicht auf das HIS verließ. Tauss rät daher, sich zu wehren. Und sich bei Datenproblemen gleich an den Datenschutzbeauftragten zu wenden.
*Name geändert
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Leserkommentare
24.10.2008 09:17 | Erich Blank
Das ist doch erst der anfang. Irgendwann wird man dann überall gescant. Im Supermarkt, in der Bank, an öffentlichen Plätzen ...