Es bleibt in der Familie

FESTIVAL Im Kulturzentrum Wasserturm fanden am Wochenende die „Indie Pop Days“ statt. Die Veranstalterinnen setzten aufs Do-it-yourself-Ethos und auf freundschaftliche Nähe zwischen Musikern und Besuchern

VON LUKAS DUBRO

Mit Begriffen ist das so eine Sache. Bezeichnen sie zunächst einen spezifischen Sachverhalt, passiert es häufig, dass sie über die Zeit ihre Trennschärfe verlieren. Am Begriff des „Indie-Pop“ lässt sich dieser Vorgang sehr gut nachvollziehen: Wurde in den 80er-Jahren Independent-Musik aus Großbritannien mit dem Terminus gelabelt, so wird im heutigen Musikdiskurs auch Majormusik gern als „Indie-Pop“ bezeichnet. Eine gewisse Verweigerungshaltung gegenüber kommerziellen Strukturen ist also nicht mehr das ausschlaggebende Kriterium.

Handelt es sich bei dem Terminus Indie-Pop nur noch um eine sinnentleerte Worthülse? „Nein!“, lautet die Antwort der Organisatorinnen des Berliner Musikfestivals „Indie Pop Days“, das am Wochenende zum zweiten Mal stattfand. Für Jule Rothe, Silke Bauer, Kat Heinzmann und ihre MitstreiterInnen hat der Begriff seinen ursprünglichen Sinn nicht verloren, im Gegenteil ist der Do-it-yourself-Ethos der ersten Generation noch immer ein wichtiges Qualitätsmerkmal des Indie-Pop. Und das ist längst nicht alles.

Gebrochene Herzen

Die Musiker von Soda Fountain Rag wohnten in der Wohnung einer Veranstalterin

„Indie-Pop besitzt eine spezifische musikalische Ästhetik“, sagt Rothe. Tatsächlich besticht der Sound aller Bands, die auf der kleinen Bühne des Kulturzentrums Wasserturm Kreuzberg auftraten, durch seine umwerfende Harmlosigkeit. Harmonieverliebte Gesangsmelodien und Texte über gebrochene Herzen und die große Teenagerliebe wurden in unterschiedliche Klanggewänder gekleidet. Die italienische Band Young Wrists und und die britische Combo Wave Pictures taten sich mit leicht angezerrten Gitarrenriffs und catchy Rhythmen hervor, die Solokünstler Woodpidgeon und Nils Folke Valdemar setzten hingegen auf Piano, Ukulele und Akustik-Gitarre.

Die Klangästhetik ist aber nur ein wesentliches Charakteristikum: „Indie Pop ist eine Musik für Liebhaber“, erklärt Bauer. Ausdruck dieses Lieberhabertums ist ein ausgeprägter Fankult: Badges und 7inch-Singles ihrer Lieblingsbands stehen bei Indie-Pop-Hörern hoch im Kurs, lauter Accessoires, die es bei den Indie Pop Days zu erwerben gab. „Dabei geht es vor allem darum, die eigenen Helden zu supporten“, sagt Bauer.

Über solche Fetische hinaus stehen Bands und Musiker zumeist in einem freundschaftlichen Verhältnis zueinander, was nicht zuletzt auf die überschaubaren Größe der Indie-Pop-Szene zurückzuführen ist. Mit den MusikerInnen von Clay Hips und Der elegante Rest, die am Freitag und am Samstag spielten, sind die drei Organisatorinnen eng befreundet. Nicht selten kommt es vor, dass Indie-Pop-Bands in den Wohnungen ihrer Fans übernachten. Soda Fountain Rag wohnten das gesamte Wochenende über in Silke Bauers Wohnung.

Diese enge Beziehung zwischen KünstlerInnen und Fans führt zur letzten Kerneigenschaft des Indie-Pop. „Wir sind fast schon eine kleine Familie“, sagt Heinzmann. Wie die Bookerin berichtet, trifft man auf Konzerten und den „Popfest“ genannten Szene-Festivals immer wieder auf dieselben Gesichter, egal ob diese in den USA, Australien oder in Europa stattfinden. Nun fand man sich also in Berlin ein, um miteinander zu feiern.

So auch der schwedische Club-Besitzer Carl Claesson. Sein Freund Pelle ist Keyboarder bei Television Keeps Us Apart und hatte ihn nach Berlin eingeladen. Als die Band spielt, steht Claesson in der ersten Reihe. Von nicht ganz so weit her kommen Kathy Twinem und ihre drei FreundInnen. Sie sind aus Hamburg angereist, um das Festival zu unterstützen. „Wir kennen Jule Rothe schon seit einigen Jahren. Sie kam oft nach Hamburg, wenn wir dort ein Konzert organisierten. Das Festival ist toll, wir waren schon letztes Jahr hier“, sagt die Hamburgerin. Im Vorfeld des Festivals interviewte sie ihre Freundin für das Online-Radio www.byte.fm.

Auch der Schweizer Journalist Kevin McLoughlin wird über die Indie Pop Days berichten. Eingeladen hat ihn die Berliner DJ Luise Voerkel, die an diesem Wochenende Musik auflegt. Kennen gelernt haben sie sich über ein Indie-Pop-Forum im Internet. Das ist gar nicht so untypisch für die Szene. Viele haben über das Internet Zugang zu der kleinen Gemeinde gefunden.

Die Freundschaft von Silke Bauer und Jule Rothe begann ebenfalls in einem Forum. Sie einte ihre Unzufriedenheit über das mangelhafte Indie-Pop-Angebot in Berlin. 2008 gründeten sie das p!o!p-Kombinat und organisieren seitdem regelmäßig Konzerte und Partys. Der Grund für ihr Engagement ist klar: „Indie-Pop braucht eine größere Bühne in Berlin“, erklärt Rothe.