Im hessischen Dorf Breidenbach wohnt Silke Tesch, eine SPD-Frau aus dem Quartett, das Andrea Ypsilanti zu Fall brachte. Jetzt ist Tesch abgetaucht. Ein Ortsbesuch.von WALTRAUD SCHWAB
Wer Breidenbacher fragt, wie sie Breidenbach finden, trifft auf begeisterte Leute: "Ich leb gerne hier", sagt Özcan D. Er sitzt im Trainingsanzug bei Bülent Edis im "Kebap und Kaffeehaus" an der Hauptstraße des hessischen Dorfes und trinkt Ayran - ein Joghurtgetränk. Seinen richtigen Namen sagt der kräftig gebaute, gebürtige Breidenbacher nicht. "Bin grad krank geschrieben."
Der 28-Jährige ist in dem 3.300-Einwohner-Dorf in die Schule gegangen. "Keine Probleme", sagt er. Dass seine Eltern aus der Türkei kamen - kein Thema. Abitur hat er, "aber ich wollte nicht studieren, ich wollte heiraten." Für Politik interessiert sich Özcan D. nicht. Der Name Silke Tesch sagt ihm nichts, obwohl sie eine von den Vieren ist, die der SPD in Hessen gerade einen Tief- und Andrea Ypsilanti den KO-Schlag versetzt haben. Tesch sitzt nicht nur im Landtag, sondern auch im Breidenbacher Gemeinderat. Dort hat sie vor kurzem mit dafür gesorgt, dass es einen neuen Sportplatz gibt und Streit um den alten. Der türkische Fußballverein "Türkücü Breidenbach" will nicht auf dem alten Platz trainieren. Er will, wie der "FV 09 Breidenbach", auf den neuen. Dass solche Sachen im Gemeinderat ausgefochten werden, ist Öczan D. nicht klar. "In Breidenbach mischt sich das Türkische und Deutsche nur so la la."
Döner-Imbisse sind die einzigen Treffpunkte im Dorf, wo man nachmittags um fünf einkehren kann. Die "alte Post" und das Bistro an der Hauptstraße haben nur Mittagstisch. Das Wirtshaus hinter der Kirche öffnet erst abends. Wer jetzt Hunger hat, hält sich an Döner, wie die zwei pickligen, blonden Realschüler. Breidenbach finden sie cool. Und Politik halten sie für eine Art Lokalderby. Tesch gegen Ypsilanti, Türkücü gegen FV 09. Wenn letztere aufeinander treffen, da sei schon was los auf dem Platz, sagen die beiden Jungs.
Breidenbach liegt in der mittelhessischen Provinz. Das Dorf ist umgeben von Hügeln mit Herbstwäldern und Wiesen. Perf heißt das Flüsschen, das in der Talaue fließt. Bald weicht es einer Umgehungsstraße. Früher gab es einen Nebenarm, der dort vorbeifloss, wo heute die Apotheke steht. Er wurde verrohrt. Und genau da, wo die Apotheke steht, stand früher die Synagoge. Breidenbach hatte viel jüdisches Leben im 19. Jahrhundert. Alle sind vor 1939 ausgewandert. Nur Hermine Schauss blieb. Sie war mit dem nichtjüdischen Lehrer verheiratet. In Auschwitz wurde sie vergast.
Schön ist Breidenbach nicht. Im Westen liegt Buderus. Der Name steht auf Gullideckeln überall in Deutschland. Hinter Buderus befindet sich die Firma Wagner und dahinter wieder andere Unternehmen. "Wir haben ein großes Industriegebiet", sagt der Bürgermeister des Ortes, Werner Reitz. Seit über 60 Jahren regiert in Breidenbach die SPD. Reitz führt in das Rathauszimmer mit der besten Aussicht und zeigt all die Fabrik- und Lagerhallen, die in die Landschaft gesetzt sind. "Wir tun etwas für Arbeitsplätze." In den Betrieben am Ort gibt es mindestens 3.000 Stellen. Für jeden Einwohner einen.
Wie ein Kastell trohnt Buderus im Westen des Dorfes. Sein blauer, metallener Turm überragt die Häuser. Der Kirchturm, der schief auf dem fast 900 Jahre alten schiefergedeckten Kirchbau steht, kann dem nicht Paroli bieten.
Die Breidenbacher SPD wiederum konnte auch Tesch, ihrer örtlichen Parteivorsitzenden, nicht Paroli bieten. "Wir haben das nicht gewusst. Was hat sie sich gedacht?", fragt Reitz und schaut über den Rand seiner Lesebrille. "Warnungen gegen die Zusammenarbeit mit der Linkspartei, die soll es schon gegeben haben", sagt er. Ausgetreten seit dem Frühjahr seien aber nur zwei Frauen. Der 60-Jährige will diplomatisch bleiben. Das macht ihn einsilbig. "Landespolitik ist eben nicht Kommunalpolitik."
Andere SPD-Lokalgrößen sind gesprächiger. "Ein Stimmungsbild?" ruft Peter Seibel, stellvertretender SPD-Ortsvorsitzender, ins Telefon. "Hier haben Sie eins: Bei mir am Tisch sitzen Frau und Söhne. Die halten die Daumen hoch." Dass Koch am Ruder bleibt, sei allerdings bedauerlich.
Auch Christoph Felkl ist mit Teschs Entscheidung einverstanden. Der Rechtsanwalt, der früher ihr persönlicher Referent war und jetzt Ortsvorsteher eines der kleinen Schlafdörfer rund um Breidenbach ist, hat "menschlich größte Achtung vor Tesch." Der sozialistische Grundgedanke der Linken sei ihm zuwider. Was er mit "sozialistischem Grundgedanken" meint? "Gute Frage", antwortet der 31-Jährige.
In Breidenbach duzt man sich. Da fährt man sich nicht an den Karren. Zu Teschs Entscheidung haben sich die SPDler im Dorf auf die Formel geeinigt: verständlich, aber zu spät. Ein paar Dörfer weiter sieht man das anders. Die Genossen wollen Tesch loswerden. Tritt sie bis Dienstag um 12 Uhr nicht selbst aus, entbindet sie der Bezirksvorstand ihrer Parteirechte. In Sachen Partei gilt in Hessen Bezirkshoheit. Tesch selbst ist nicht zu erreichen.
Breidenbach ist ein Industriedorf. Für die Ansiedlung der Unternehmen wurde viel getan. Die Bundesstraße, die mitten durchs Dorf geht, wurde verbreitert. Dafür hat man die alten Fachwerkhöfe abgerissen und Mehrfamilienhäuser mit hohen Giebeln an die Straße gesetzt. LKW an LKW donnern an ihnen vorbei. Sonnenstudio, Spielhallen, die Fahrschule und leerstehende Läden flankieren die Rennstrecke.
Die Industriegeschichte Breidenbachs fängt 1913 mit einer Gießerei an. In den 30er Jahren übernimmt Buderus diese. Heute gehört die Firma zu Bosch und stellt Bremsscheiben aus Metallschrott her. 624 Arbeitsplätze hat das Werk. Betriebszugehörigkeit im Durchschnitt: 18 Jahre. Handwerk im Metallbau ist Hightech: "Die Arbeiter stehen nicht mehr am Hochofen, sondern an Computern", sagt Lars Steinheider, einer der Geschäftsführer. Er führt durch die Halle. Die rote Farbe des flüssigen Stahls taucht sie in warmes Licht. Fragen zur Wirtschaftslage angesichts einer Rezession wiegelt Steinheider ab. Und Silke Tesch - haben Sie die geschmiert? Steinheider lacht.
Etwa 15 Prozent der Belegschaft von Buderus sind nicht-deutscher Herkunft. Im Dorf haben 20 Prozent der Leute einen Migrationshintergrund. 40 russlanddeutsche Familien nicht mitgerechnet. Wenn irgendwo Integration stattfindet, dann in den Fabriken, meint Steinheider. Die Arbeitsmoral der nicht-deutschen Mitarbeiter sei deutsch.
Außerhalb der Werkspforte findet Integration kaum statt. Im Gemeinderat sitzt niemand mit Migrationshintergrund. Der Gedanke, dass man jemanden heranführen könnte an die Politik, ist nicht angesagt. Vieles ist hier nicht angesagt. Was Ypsilanti in den Koalitionsvertrag aufnahm, tangiere die Leute nicht, meinen die SPDler. Auch Klimapolitik sei sekundär. Genau genommen ist nicht mal die Gleichberechtigung im Ort angekommen. "Wir sind männerdominiert", sagen alle.
"Parallelgesellschaft - ganz klar gibts die im Dorf", bestätigt Tobias Meyer, einer aus der Riege der CDU. Der 29-jährige Lehrer, Englisch, Politik, Wirtschaft und Ethik sind seine Fächer, sitzt im Gemeinderat und im Kreistag. Er fährt mit Sportwagen beim Kebaphaus vor. Dazu Brille, auf deren Bügel D+G eingraviert ist, und Gürtelschnalle mit Bosslogo. Auf die Schenkel habe er sich nicht geklopft, als er von den SPD-Abweichlern hörte. "Im Gemeinderat, da arbeiten wir doch alle zusammen." Jetzt muss er mit Roland Koch wieder in den Wahlkampf ziehen, obwohl er nicht sein Fan ist. "Zu populistisch", sagt er. Meyer steht mehr auf die Marke: Ole von Beust.
Bleibt auf der Suche nach einem, der sich traut, etwas zu sagen, immerhin Karl-Heinz Becker. 77 Jahre alt ist er. 56 Jahre in der SPD. 25 Jahre Chef des Ortsvereins der Partei. "Breidenbach ist ein SPD-Dorf", sagt er. "Seit 1945 stellen wir den Bürgermeister." Nennt man Beckers Namen, stöhnen die Lokalpolitiker allerdings auf. Für sie denkt Becker zu quer.
Im Trainingsanzug empfängt er und bittet ins Wohnzimmer. Tesch ist ein Reizwort. Becker hat geahnt, dass es schief geht. Noch am Sonntag hat er ihr eine Mail geschrieben: "Ihr müsst wissen, was für einen Trümmerhaufen ihr hinterlasst, wenn ihr dagegen stimmt." Am Montag dann das Desaster. "Die Umweltpolitik, die Energiepolitik, die Bildungspolitik - wie kann man das alles aufs Spiel setzen?", fragt er. Ihm ist das wichtig. Er protestierte gegen die immer größere Ausweitung des Industriegebiets, gegen Zersiedelung, gegen Straßenlärm, gegen den Emissionslärm der Fabriken. Da habe er Ärger gekriegt, weil die Leute sofort um Arbeitsplätze fürchteten.
Becker ist ein Sozialdemokrat alten Schlages. "In meinem Parteibuch ist eine Unterschrift von Ollenhauer", berichtet er stolz. Vor allem aber ist er offen für Neues. Ein Dorf der kurzen Wege will er. "Man muss doch nicht mit dem Auto zum Briefkasten fahren." Dafür lacht man ihn aus. Ihn regt es auf, dass man sich nicht um Integration kümmert. "Als ich Chef der SPD im Dorf war, da sind wir mit den Türken am Tisch gesessen und haben darüber geredet, wie's denen geht." Breidenbach hat Probleme wie eine Stadt, meint er.
Aus der Dorfperspektive sieht man die nicht. Bei der Gemeinderatsitzung am Donnerstag herrscht Business as usual. Es geht um neue Bänke im Wald. Es geht um den Forstbericht. Und es geht darum, dass Breidenbach nächstes Jahr sparen muss. Das immerhin ist neu. Im großen Saal des Bürgerhauses sitzen die Abgeordneten vor dem gelben Bühnenvorhang. Sie sehen gut genährt aus. Und müde. Silke Teschs Stuhl - bleibt leer.
Am Donnerstag müssen die Iren Ja oder Nein zum EU-Fiskalpakt sagen. Aber das mit dem Nein ist in diesem Land eine komplizierte Sache. von Ralf Sotscheck

Starre Rituale, öde Debatten, ein Haus der Langeweile? Nicht in der Ukraine! Hier werden Parlamentsdebatten noch mit Leidenschaft, Herzblut und handfesten Argumenten geführt!

Echte Stars, begeisterte Fans, prima Shopping-Tipps - wir freuen uns auf die Fußball-Europameisterschaft.

Weltraumtouristen, Satelliten und Versorgungsflüge zur ISS – die Raumfahrt wird privatisiert und kommerzialisiert.

Es ist ein echtes großes Drama, das sich da in Griechenland abspielt. Ein Drama über die Demokratie, die Unregierbarkeit. Dieses Wort muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Und das Drama genießen.

Leserkommentare
04.04.2011 18:59 | Kirsten Bergen
Breidenbacher Befindlichkeiten – es sind wohl eher die Befindlichkeiten der sogenannten politischen „Lokalgrößen“, die in d ...
11.02.2011 17:48 | Kirsten Bergen
Breidenbacher Befindlichkeiten – es sind wohl eher die Befindlichkeiten der sogenannten politischen „Lokalgrößen“, die in d ...
11.11.2008 13:57 | Kirsten Bergen
Breidenbacher Befindlichkeiten – es sind wohl eher die Befindlichkeiten der sogenannten politischen „Lokalgrößen“, die in d ...