Der Kreuzretter

AUS NÜRTINGEN UND BERLIN ASTRID GEISLER

In solchen Momenten denkt man: Es könnte doch klappen. Diese Menschen werden ihn wählen. Er wird groß herauskommen. Denn es läuft blendend an diesem Abend. Menschen strömen in die Nürtinger Stadthalle. Seinetwegen! Die örtliche CDU hat ihn eingeladen. In einigen Minuten beginnt sein Auftritt – Doktor Udo Ulfkotte, bekannt aus FAZ und Fernsehtalkshows. Im Saal sind nur noch Stehplätze zu haben, 250 Stühle, die Fensterbank, alles besetzt. Einige ältere Herrschaften haben sich auf einer Holzbank draußen am Gang niedergelassen. Sie wollen ihn wenigstens hören durch die offene Saaltür.

Mehr als 500 Mal, sagt Udo Ulfkotte, hat er seinen Vortrag über „Die schleichende Islamisierung der Gesellschaft“ schon gehalten. Seit Monaten reist er durchs Land. Nicht als Journalist, sondern als Missionar. Sein Thema hat Konjunktur. „Mekka Deutschland“, titelte unlängst der Spiegel. Moscheeneubauten, Integrationsgipfel, Kopftücher, Kofferbomber – die Nachrichten sind voll davon und die Debatten treiben die Menschen um. Auch hier in Nürtingen, wo das Abendland so selig selbstzufrieden wirkt an einem sommerlichen Montagabend wie diesem, wenn in der Altstadt die Kirchenglocken schlagen und sich Rentner in den Straßencafés zum Erdbeerkuchen treffen.

„Die Menschen haben kein Ventil“, sagt Udo Ulfkotte, während er zusieht, wie die Nürtinger in die Stadthalle eilen. „Die haben etwas im Bauch, ein Unwohlsein. Und die Politik greift das nicht auf.“ Das Unwohlsein ist seine Hoffnung. Jetzt, mit 47 Jahren, hat Udo Ulfkotte beschlossen, eine Partei zu gründen, die Heilung verspricht. Jenseits der Union soll etwas Neues wachsen. Eine Partei, die propagiert, was die anderen sich so nicht zu sagen trauen: dass das „Vordringen des radikalen Islam in Europa“ gestoppt werden muss, dass „Sonderrechte für Muslime“ abgeschafft gehören, dass man die „christlichen-jüdischen Werte“ retten muss. Udo Ulfkotte arbeitet an einem Bündnis jener, denen die Volksparteien zu lasch erscheinen. Er könnte ihre Integrationsfigur sein. Zu seinem Netzwerk gehören ehemalige Vorkämpfer der Schill-Partei. In Internet-Foren wie politicallyincorrect.de, wo User sich über „Musel und Co“ austauschen, wird er für seine Pläne gefeiert. Als er unlängst in einer Freikirche im Berliner Arme-Leute-Kiez Wedding auftrat, riefen Zuhörer spontan „Amen!“, und der Pastor wünschte „Herrn Ulf“ den Segen Gottes.

Kollegen wundern sich über den ehemaligen FAZ-Mann. Himmel, was tut der da?

Hans Leyendecker, der wichtigste Rechercheur der Süddeutschen Zeitung, hat Ulfkottes Arbeit jahrelang verfolgt. Im Archiv findet man gehässige Sätze von ihm über die Texte des Kollegen. Heute fällt sein Urteil milde aus. Ulfkotte sei „eine tragische Figur“, sagt Leyendecker, „ein Mensch, der heimatlos ist und nun dieses Thema gefunden hat“. Ein „Borderliner – in vielfacher Hinsicht“.

Udo Ulfkotte war als Journalist weit gekommen. Siebzehn Jahre arbeitete er als FAZ-Redakteur. Er berichtete aus dem Nahen Osten und aus Afrika. Der 11. September 2001 brachte ihn groß raus. Fernsehstationen holten ihn ans Mikro. Er schrieb Sachbücher mit Titeln, die nach Kino klangen: „Der Krieg in unseren Städten“ oder „Propheten des Terrors“ oder „Grenzenlos kriminell“. Er war umstritten, seine Quellen galten als fragwürdig. Aber die Redaktionen lechzten nach Scoops aus der Halbwelt der Sicherheitsbehörden. Und so druckten Capital, Cicero und die Nachrichtenagentur ddp seine Artikel. Zwischendurch wurde er Chefkorrespondent – beim Edelklatschblatt Park Avenue. Zuletzt brachte auch die Junge Freiheit einen seiner Texte. Wenn ein Terrorexperte hermuss, ruft noch heute der ARD-„Presseclub“ bei ihm an.

„Das war mein Leben! Das war mein Leben, wo ich glücklich war, das habe ich sehr gern gemacht.“ Udo Ulfkotte spricht in der Vergangenheitsform über seine Zeit als Journalist. Er klingt wehmütig. Er sagt, was er in den letzten Jahren durchmachen musste, habe ihn „persönlich sehr verletzt“.

In der Nürtinger Stadthalle ist es heiß. Die Luft ist leergeatmet nach einer Stunde, aber die CDU-Basis will mehr hören von diesem weltgewandten, eleganten Herrn auf dem Podium. Seitenscheitel, dunkler Anzug, goldene Manschettenknöpfe. Einige Zuschauer machen sich Notizen. Atemlos jagt Udo Ulfkotte durch Jahrhunderte und Länder. Er redet von einem „Tsunami der Islamisierung“, er schwärmt von seinen muslimischen Freunden. Er warnt vor Rechtsextremen und Ausländerfeinden. Zwischendurch bemerkt er: „Wir haben Einreisefreiheit, aber auch Ausreisefreiheit.“

Vor allem aber erzählt Ulfkotte seinen Zuhörern Geschichten. Es sind Geschichten aus dem täglichen Leben, die man beim nächsten Geburtstagskaffee weitererzählen kann. Dutzende davon hat er auf Lager. Viele Banken nähmen „die Sparschweine flächendeckend aus dem Sortiment“, berichtet Ulfkotte. Aus „vorauseilendem Gehorsam gegenüber dem Islam“. Metzger kämen zu ihm und erzählten, dass ihnen Muslime freitags im Laden aufs Schweinefleisch spuckten. Die Fluggesellschaft British Airways habe das Kreuz aus dem Logo an den Heckflossen der Flieger beseitigt. „British Airways“, sagt er, „würde dementieren, dass das etwas mit Muslimen zu tun hat.“ Was er erzähle, sei korrekt und überprüfbar, versichert Ulfkotte: „Sonst wäre das Volksverhetzung.“

Einige Damen halten sich entsetzt die Hand vor den Mund, andere schütteln den Kopf. Sparschwein, Schnitzel, Kreuz – alles bedroht! Nun ist es belegt.

Udo Ulfkotte, Autor des Sachbuchs „So lügen Journalisten“, wirkt undurchschaubarer, je länger man ihn beobachtet. Er scheint beseelt von dem, was er predigt. Fragt man ihn nach seinen politischen Ambitionen, bemerkt er bescheiden, er sei ja eigentlich der Falsche für die Politik: „Ich hab’s nicht gelernt, wie ein Politiker zu lügen.“ Und es klingt, als würde er sich wirklich glauben.

Andere können kaum fassen, dass ein früherer FAZ-Redakteur mit solchen Geschichten auf Tour ist. „Wer spuckt aufs Schweinefleisch?“ Der Sprecher des Deutschen Fleischer-Verbands muss lachen. „Diese Geschichte höre ich zum allerersten Mal! Ich bin sicher, dass wir davon erfahren würden, wenn dem so wäre.“ Wie solle das überhaupt klappen: Zwischen Fleisch und Kunden sei doch eine Glasscheibe.

Auch der Sprecher des Sparkassenverbandes weiß nichts von einem Trend weg vom Sparschwein. „Die Kunden sollen die Sparschweine doch nicht essen“, sagt er verwundert, „die sollen da ihr Geld reinstecken!“

Unsinn sei Ulfkottes Behauptung, sagt auch die Sprecherin von British Airways. Ihr Unternehmen habe lange vor den Islamismus-Diskussionen begonnen, das Firmenlogo zu überarbeiten. Und wer wolle, der erkenne auch in dem neuen Design das ursprüngliche Motiv.

Dass man ihm seine Version nicht abnimmt – für Udo Ulfkotte ist das keine neue Erfahrung.

Bevor er das antiislamische Parteiprojekt anging, war es nicht gut gelaufen für ihn. Die Staatsanwaltschaft klebte an seinen Fersen. Sein Haus wurde 2004 durchsucht, auch das Büro seiner Ehefrau, die als Unternehmensberaterin arbeitete. Man warf ihm vor, Beamte zum Verrat von Dienstgeheimnissen angestiftet zu haben. Die Bild-Zeitung titelte: „Polizeirazzia bei Enthüllungsjournalisten“. Ulfkotte wurde angeklagt. Sein Ruf stand auf dem Spiel.

Ulfkotte sagt, er sei unschuldig gewesen. Er habe keinen Beamten bestochen. Nach monatelangen Ermittlungen wurde das Verfahren eingestellt. Viele Kollegen habe er damals um Hilfe gebeten, erzählt Ulfkotte. Vergeblich. Sie hätten ihn zum „Aussätzigen“ gemacht. Seine Frau habe ihre Existenz verloren. Selbst der Journalistenverband habe gesagt, man werde ihm nicht helfen. Seine Stimme kippt, wenn er darüber spricht. „Ich habe gefragt: Hey, warum? Warum?“ Er habe in dieser Zeit Halt gesucht, er habe angefangen Kerzen in einer Waldkapelle anzuzünden, seine Religion wiederentdeckt. Er habe das Gefühl gehabt, dass man ihm, „diesem Scheißkerl“, das Elend gönnte.

Der Sprecher des Journalistenverbands nennt die Vorwürfe „schieren Unsinn“. Ulfkotte sei über Wochen beraten worden. Auf eine öffentliche Initiative für den Kollegen habe man bewusst verzichtet, weil die Fakten unklar gewesen seien. Es ist nicht die einzige Episode, wo Erinnerungen auseinanderklaffen.

Udo Ulfkotte will sich um das Gerede der anderen nicht mehr scheren. Aber natürlich hat er im Kopf, was ein FAZ-Herausgeber einer Zeitung gesagt hat: Ein „bunter Hund“ sei dieser Ulfkotte. Er wiederholt das Zitat. Es klingt, als horche er nach: Bunter Hund? Hört sich das schlimm an? Er sagt selbst, dass er nicht in Schubladen“ passt, er will das auch gar nicht. Während die anderen Solarzellen für ihr Hausdach ordern, hat er ein Trinkwasserrohr mit Glykol in seinen Fischteich gelegt und an eine Wärmepumpe angeschlossen. Damit heizt er nun sein Haus. „Ich bin kein Mainstream“, sagt Ulfkotte, „aber das war ich nie.“

Er blickt jetzt nach vorne. Er schäumt über vor Ideen, aber nicht aus allen ist etwas geworden. Bei seinen Vorträgen schwärmt er von den „unvorstellbaren Dimensionen“ des Zuspruchs zu seinen Projekten. In Rundmails entschuldigt er sich, dass er kaum dazu komme, alle Anfragen zu beantworten.

Doch seine Partei gibt es noch nicht. Die Kandidatur zur Bürgerschaftswahl in Hamburg im nächsten Frühjahr hat er verworfen. Stattdessen hat er erst mal den „Europäischen Förderverein für Demokratie und Werte“ gegründet – mit 44 Mitgliedern. Namen verrät er nicht. Außerdem ist er der rechtspopulistischen Wählervereinigung „Bürger in Wut“ beigetreten. Er organisiert eine Demo zum 11. September gegen die Islamisierung. Im Internet kann man Teddybären kaufen, um sein Projekt zu unterstützen. „Da ist viel im Fluss“, sagt er.

Nach seinem Vortrag hält es einige Nürtinger kaum noch auf den Stühlen. Sie wollen jetzt auch was sagen. Sofort. Ein Herr will wissen, was der Islam überhaupt für Werte vermittle. „Frauen schlagen!“, ruft jemand. Schließlich steht ein Bürger auf: „Wäre es nicht an der Zeit, dass die CDU das alles so offen vertritt wie Sie?“, fragt er. „Wir haben lange genug das Büßerhemd getragen.“

Als es schon dunkel ist draußen, tritt der Bundestagsabgeordnete Michael Hennrich vor die Reihen. Er lächelt gequält, stammelt etwas von der wichtigen „gemeinsamen Veranstaltung“ und dem „zentralen Thema“. Man sieht dem jungen Nürtinger CDU-Mann an, wie schwer er sich tut. Diese Wähler sind weit weg vom Kurs der Parteizentrale. Trotzdem soll er sie mitnehmen. Er überlässt das Schlusswort dem örtlichen CDU-Chef. Der ruft den Leuten zu: „Mir elle hend’s gschpürt – des war a Vortrag mit Power, mit Brisanz!“ Die Menschen klatschen. Udo Ulfkotte lächelt dankbar. Es läuft doch.