Singen im Hafen

ARCHITEKTUR Nicht nur Oslo hat ein neues Opernhaus am alten Hafen – auch andere skandinavische Länder. Vorgestellt in den Nordischen Botschaften

Einen treffenderen Ort für die Schau der „neuen nordischen Kulturhäuser“ hätte man kaum wählen können: Die 1999 eröffneten nordischen Botschaften gelten nicht nur in Berlin als ein Highlight zeitgenössischer Architektur. Das Werk des finnisch-österreichischen Architekturbüros Berger und Parkkinen besticht durch die Verwendung hochwertiger Materialien und eine konzeptionelle Eleganz, die sich auch in den vorgestellten Entwürfen wiederfindet.

Sechs Projekte aus den fünf nordischen Ländern (plus Grönland) legen Zeugnis ab von einem Jahrzehnt selbstbewusster und experimentierfreudiger Baukunst. Endgültig vorbei scheint die von dem Architekturkritiker Robert Venturi in den 60er Jahren beklagte „Sprachlosigkeit moderner Architektur“. Im Gegenteil: Die demokratischen „Kulturpaläste“ legen eine funktionale Monumentalität an den Tag, die nichts mehr wissen will von der ästhetischen Pragmatik eines Bauhaus. Ihre Verpflichtung zu Transparenz, Multifunktionalität und ökologischer Nachhaltigkeit verhindert zugleich, dass ihr Hang zur großen Geste zur Kunst der hohlen Hand verkommt.

Den Auftakt der Ausstellung bildet die Oper von Oslo. Wie eine natürliche Fortsetzung der Eisschollen ragt das 544 Millionen schwere Bauwerk vom gefrorenen Meer ins tief verschneite Land hinein und belegt, was schon das erste Werk der Snøhetta-Architekten – die Bibliothek von Alexandria – bewiesen hatte: ein besonderes Gespür für die vermittelnde Wirkung von Architektur zwischen den Elementen, dem Land und dem Meer. Auch die Grönländische Nationalgalerie für Kunst in Nuuk und das königliche Schauspielhaus in Kopenhagen spielen bewusst mit ihrer Nähe zum Wasser; die ständige Sichtbarkeit der Seefahrtswege gilt ihren Bauherrn als Beton gewordener Beweis der eigenen kulturellen Aufgeschlossenheit.

Wie Eisschollen ragt die Oper in Oslo vom gefrorenen Meer ins verschneite Land

Die Idee der Hafenstadt als Austausch- und Begegnungsort durchzieht die gesamte Ausstellung und blickt auf eine lange Tradition zurück. Seit Jahrtausenden gelten überseeische Handelswege als wichtige Impulsgeber für das kulturelle Leben eines Landes. Erst vor relativ kurzer Zeit änderte sich dieses Verhältnis des Meeres zum Hinterland: Mit dem Aufkommen der Luftfahrt wurden Häfen als Orte der Passage entbehrlich, die städtebauliche Verödung folgte. Wenn sich die nordischen Kulturhäuser nun dicht an den Rand jenes Meeres schieben, das sich allmählich von der Notwendigkeit zur Attraktion gewandelt hat, treten sie nicht nur topografisch die Nachfolge der ehemaligen Hafenanlagen an.

Allen Kulturhäusern ist gemein, dass ihnen schon aufgrund wirtschaftlicher Gesichtspunkte immer stärker die Rolle touristischer Sehenswürdigkeiten zukommen wird. Nirgends wird dies deutlicher als im Falle der dänischen Hauptstadt, die durch die Neuerrichtung einer Oper (2005) und eines Schauspielhauses (2008) nun über gleich drei hochwertige Spielstätten verfügt – bei einer Einwohnerzahl von knapp über einer Million Einwohner. Noch ungünstiger scheint das Verhältnis von Zuschauern und Bürgern im Falle des isländischen Reykjavík: Auf 119.000 Einwohner kommen stolze 1.800 Sitzplätze.

Die vermutlich drängendste Frage aber lautet: Welche Rolle werden die neu geschaffenen Häuser im Hinblick auf die wachsende Skepsis gegenüber dem multikulturellen Austausch – wie sie ihren Ausdruck zuletzt in den dänischen Grenzkontrollen und dem sprunghaften Wachstum der rechtspopulistischen „Wahren Finnen“ ihren Ausdruck fand – in den nördlichen EU-Ländern spielen?

Angesichts der Ansammlung erfrischend-provozierender Bauformen verwundert es vielleicht ein wenig, dass die Schau im Ganzen so artig daherkommt. Etwas mehr Innovation à la „Flagshipstore“ hätte der Aneinanderreihung von Modellen, Text- und Bildtafeln durchaus gutgetan. Doch „Flagships of Culture“ verfolgt – wie ihre baulichen Äquivalente – vielleicht weniger ein künstlerisches denn ein Marketingkonzept. Wer diesen Ansatz schon zu Beginn der Ausstellung im Hinterkopf behält, kann sich bedenkenlos auf den Genuss anregender Architektur konzentrieren.