Kollektiv gegen die Könige

Was dürfen Besucher eines Gartendenkmals? In Potsdam gängelt die Schlösserstiftung die Gäste des Weltkulturerbes mit Wachleuten, Barrieren und Geldstrafen – und verscherzt es sich mit den Bürgern

VON JAN STERNBERG

Im Schlosspark Charlottenburg würde die Stiftung gerne ebenfalls die harte Linie durchsetzen. Doch während in Potsdam eigene Parkwächter patrouillieren, ist sie hier auf das Ordnungsamt des Bezirks angewiesen. Der Bezirk fordert, dass das Radfahren auf dem Uferweg an der Spree offiziell erlaubt wird. Der Weg ist Teil des Radwanderweges zwischen Spandau und Mitte. Erst wenn dort legal geradelt werden darf, werde man im Rest des Parks „rigide kontrollieren“, sagt der stellvertretende Bezirksbürgermeister Klaus-Dieter Gröhler (CDU). „Das ist unser Angebot.“ Im Herbst soll es Gespräche zwischen Bezirk und Stiftung geben. jps

Ingrid Weile schimpft ohne Punkt und Komma. Seit 67 Jahren fährt sie mit dem Fahrrad durch den Potsdamer Park Babelsberg. Und jetzt versperren ihr rot-weiße Doppelbarrieren an den Parkeingängen den Weg, weisen riesige Tafeln statt dezenter Schilder auf die Parkordnung hin, holen Wächter Leute vom Rad und von den Wiesen und kassieren Verwarnungsgelder. „Wieso soll ich mich jetzt im Alter umstellen?“, fragt sie aufgeregt. Die preußischen Gärten gehören zum Unesco-Weltkulturerbe, darauf ist auch Ingrid Weile stolz. Doch ihr Gewohnheitsrecht will sie sich nicht nehmen lassen.

Die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten hat die Zügel angezogen, und die Potsdam bocken. Von einem Kulturkampf zu sprechen ist nicht übertrieben. Nicht nur Sanssouci, sondern auch der Park Babelsberg am Ufer des Tiefen Sees und der Neue Garten um Schloss Cecilienhof und den Heiligen See sind Denkmäler und keine Volksparks, sagen Stiftungschef Hartmut Dorgerloh und Gartendirektor Michael Rohde. Wir wollen durch die Parks radeln, in den Seen baden, auf den Wiesen Fußball spielen, liegen und Drachen steigen lassen, sagen die 8.700 Potsdamer, die in den vergangenen Wochen auf der Liste der Bürgerinitiative Babelsberger Park unterschrieben haben. „In Potsdam feiert der kollektive Egoismus einen Aufstand gegen ein blühendes Denkmal“, schrieb die FAZ und kämpft dagegen, die preußischen Gärten als „Rummelplätze“ zu missbrauchen. In Potsdam feiert der Feudalismus in Person des Stiftungsdirektors einen Aufstand gegen die legitimen Freizeitinteressen der Bürger, meinen dagegen viele Teilnehmer der Fahrraddemo am vergangenen Sonntag.

Ingrid Weile war noch nie auf einer Demonstration. Die stämmige Frau strampelt auf ihrem City-Rad mit Einkaufskorb langsam die Straße entlang, zwischen den laut klingelnden Babelsberger Bürgern und ihren behelmten Kindern mit den selbst gemalten Schildern, auf denen „Gebt die Wege frei“ steht. Etwas verunsichert schaut sie auf das Radeln und Klingeln um sie herum. Dann siegt ihre Wut über die Skepsis, sie ruft: „Ich fahr gleich bis zum Dorgerloh durch!“ Der sonne sich dort oben in seiner Stellung, empört sich Weile, „was will der eigentlich?“

In einer Stadt und Landschaft, die von Königen geprägt wurde, ist der Absolutismusvorwurf schnell bei der Hand. „Offenbar versteht sich die Stiftung als direkte Nachfahren der preußischen Könige. Wir kämpfen hier erneut für die Abschaffung der Monarchie“, schimpft Lutz Boede, Urgestein der lokalen linken Szene und Stadtverordneter der Fraktion Die Andere. Ein „reaktionäres Kunstverständnis“ attestiert Boede der Stiftung. Wenn das Umfeld sich verändert, müssten sich auch die Parks verändern. Anke Lehmann, Mitglied der Bürgerinitiative, meint bei Vertretern der Schlösserstiftung ein „ästhetisches Problem“ ausgemacht zu haben. „Fahrräder gehören für die nicht in eine Museumslandschaft.“ Lehmann hat sich sehr genau die Internetseite der Stiftung angesehen. 72 Bilder hat sie dort gezählt, „auf 58 Fotos sind keine Menschen zu sehen. Das ist deren Weltsicht! Die Parks umfassen ein Drittel des Stadtgebiets, darüber dürfen die doch nicht allein entscheiden.“

Auch mit einigem Wohlwollen wird man der Schlösserstiftung ein elitäres Parkverständnis bescheinigen müssen. Besucher der Internetseite werden in einem Text „über den Wert der historischen Gärten und den Umgang mit ihnen“ über die „eindringliche Sprache“ der Parks aufgeklärt, in ihnen müsse man jedoch „zu lesen verstehen wie in einem Buch“. Unaufgeklärte Besucher sind hingegen gefährlich: Sie missverstehen die Parks „als beliebigen Grünraum“, füllen ihn mit „substanz- und bildzerstörenden Nutzungen wie Radfahren und Betreten der nicht dafür geeigneten Wiesen-, Schmuck- und Gehölzflächen“.

Denkmalschutz könne man nicht durch Autorität durchsetzen, hat Hartmut Dorgerloh kürzlich in einem anderen Kontext gesagt. Doch in den Gärten setze er genau auf diese Autorität, indem er die Parkwächter losschicke, beschwert sich Georg Bittcher von der Bürgerinitiative. Er glaubt, dass die Potsdamer ihre Parks genügend zu schätzen wissen, dass man keine Verbote brauche. Warum soll man dann nicht das Radfahren auf breiten Wegen erlauben und das Lagern auf gemähten Wiesen, das Musizieren und Fußballspielen? Bittcher würde fast alles erlauben und hofft auf die Vernunft.

Nicht alle Mitglieder der Initiative denken so wie er. „Wir können hier nicht populistisch argumentieren, wir müssen einen Kompromiss mit der Stiftung finden“, meint Fernsehmoderator Wolf-Dieter Herrmann, der in Potsdam lebt. „Ich bin nicht der Meinung, dass man überall Fußball spielen und baden muss. Mit dem Rad sollte man durch die Parks fahren dürfen, aber nur auf bestimmten Wegen.“

Eine neue Parkordnung wurde in Potsdam nicht erlassen. Neu ist, dass drei von der Stiftung beauftragte Ordnungskräfte mit je einer Begleitung die drei Potsdamer Parks durchstreifen und die Einhaltung der Parkordnung kontrollieren. Seit dem 21. April kassieren sie „Verwarngelder“ in Höhe von fünf bis 35 Euro. Das Betreten des Rasens kostet zehn bis 15 Euro, das Klettern auf Bäume oder Statuen 20 Euro. Grillen wird mit mindestens 30 Euro bestraft, Radfahrer zahlen ab zehn Euro. Das Grillen im Weltkulturerbe bei trockenem Wetter unter Bäumen kann da sogar bis zu 1.500 Euro kosten. Ein Bußgeldverfahren bekommen auch jene, die ein Verwarngeld nicht bezahlen. Die Stadt Potsdam soll auf Bitten der Stiftung rechtskräftige Bußgeldbescheide vollstrecken, die Stadtverordneten haben dem aber noch nicht zugestimmt. jps

Man wolle auf Aufklärung setzen, nicht auf Konfrontation, sagt Stiftungssprecherin Elvira Kühn – und gibt zu, dass man den Potsdamern durch den Strafenkatalog „einen großen Schreck“ eingejagt hat. Erste Gespräche mit der Bürgerinitiative führten dazu, dass man eine Liegewiese im Babelsberger Park ausschilderte und das Baden an bestimmten Stellen wieder duldet. Es gibt thematische Führungen durch den Park, und auch die Wächter sollen erst einmal ermahnen und nur bei Wiederholungstätern kassieren. „Aber wir werden nicht alle Wege für Radfahrer freigeben“, sagt Kühn.

Zurzeit ist nur auf asphaltierten Wegen das Radfahren erlaubt, einige enden mitten im Park an „Fahrradschiebestrecken“. Eine davon befindet sich im Neuen Garten, parallel zu einer viel befahrenen Straße ohne Radweg. „Dass dort noch keiner zu Tode gekommen ist, grenzt an ein Wunder“, sagt Georg Bittcher. Die Demonstrationsroute führt auf dieser Straße entlang. Dass in Potsdam das Radwegenetz vernachlässigt wurde, könne nicht dazu führen, dass die Stiftung mehr Wege in den Parks freigibt, meint dagegen Hartmut Dorgerloh. Bis Jahresende werde er die Situation beobachten, 2008 könnte das Radfahren dann auf mehr Wegen erlaubt werden – oder ganz untersagt. Der SPD-Stadtverordnete Helmut Przybilski will, dass die Stadt neue asphaltierte Radwege in den Parks bezahlt. Wichtiger als die Parks zu asphaltieren, sei ein „vernünftiges, sicheres Radwegenetz in Potsdam“, sagt Elvira Kühn – und meint wie ihr Chef: möglichst außerhalb der Parks.

Nach dem Ende der Demonstration fahren die Teilnehmer in Kolonne durch den Neuen Garten – auf der „Fahrradschiebestrecke“. Vorm Schloss Cecilienhof stehen drei Parkwächter. Mit dem Rücken zum Weg beobachten sie angestrengt den See und lassen die Radler passieren. Im Mai wurde ein Wachmann von einem Radfahrer niedergeschlagen, bisher blieb es ein Einzelfall. Trotz der Demonstrationen scheint sich die Lage in Potsdam ein bisschen zu entspannen – Ansätze friderizianischer Toleranz machen sich breit. Die Kolonne der Protestradler stockt, sie muss der RBB-Moderatorin Carla Kniestedt und ihrer Begleitung ausweichen, die ihre Räder ordnungsgemäß auf dem Weg schieben. Kein Kommentar fällt. Doch der Weg zur Entspannung ist noch lang: In den nächsten Tagen sollen die ersten Bußgeldbescheide verschickt werden, gibt Elvira Kühn bekannt. Ausgestanden ist der Kulturkampf in Arkadien noch lange nicht.