Protest. Aber schön ordentlich

DEMOKRATIE Nach fast zwei Monaten ist ein Teil des größten Protestcamps in Hongkong geräumt worden. Dabei hatten viele Bewohner den Widerstand längst in ihren Alltag integriert

AUS HONGKONG KATHARIN TAI

Fast wirkte es, als seien die Protestcamps fest in die Stadt eingewachsen. Gerade einmal sieben Wochen waren die Zeltlager der prodemokratischen Demonstranten in Hongkong alt, da hatte sich die Metropole längst um sie herum organisiert: die Shoppingstraßen noch immer voller Menschen, die U-Bahnen längst wieder fahrplangetreu unterwegs. Einzig ein paar Buslinien mussten noch immer umgeleitet werden, weil ihre Strecken durch das Stadtzentrum blockiert waren – von Studenten und anderen Protestierenden, die sich hier, im Stadtteil Admiralty, seit dem 28. September niedergelassen haben, um „echte Demokratie“ zu fordern und gegen die Vorgaben der Pekinger Regierung für künftige Wahlen in Hongkong zu protestieren.

Und doch war das Protestcamp einigen offenkundig ein Dorn im Auge: Ein Gericht ordnete per einstweiliger Verfügung die Räumung eines Teils des Camps an – auf Antrag eines Besitzers eines von den Protesten blockierten Hochhauses. Am Dienstag bauten Gerichtsvollzieher die Barrikaden rund um das entsprechende Gebäude im Stadtteil Admiralty ab – und die Aktivisten ließen sie gewähren.

■ Darum geht es: Die Protestierenden wehren sich gegen Pläne Pekings für die 2017 anstehende Wahl eines Hongkonger Verwaltungschefs. Chinas Regierung will nur vorab bestimmte Kandidaten zulassen, die vor fast zwei Monaten von Studenten angefachte Protestbewegung hingegen verlangt eine freie Auswahl der Bewerber. Widerstand leisteten die Demonstranten dagegen nicht.

■ Niederlassungen und Räumungen: Der Protest konzentriert sich in drei Camps in den Stadtvierteln Admiralty, Kowloon und Causeway Bay. Am Dienstag wurde ein kleiner Teil der Barrikaden rund um ein Hochhaus im Stadtteil Admiralty geräumt. Spätestens kommende Woche wird damit gerechnet, dass es auch in Kowloon zu Räumungen kommt – auch hier läuft bereits eine entsprechende Klage.

Ein Ziel haben Hongkonger Protestcamps aber längst erreicht: Die dort diskutierten Ideen haben sich überall in der Stadt verbreitet. Zustimmung erfahren ihre Forderungen an den Universitäten, an denen der normale Lehrbetrieb nach dem Unterrichtsboykott von Ende September wieder läuft: Graffiti mit dem Slogan „Freiheit“ sind hier auf den Boden gesprüht, „Ich will echte Demokratie!“ steht auf großen gelben Bannern, die überall hängen. Anderswo wird das Ansinnen der Demonstranten kritischer gesehen: In den kleinen Dörfern auf der Insel Lantau, zwei Stunden vom größten Occupy-Camp entfernt, werden die Demonstranten mit Slogans auf Bannern und handgeschriebenen Flugblättern scharf kritisiert.

Das Admiralty-Camp im Zentrum der Stadt, das nun zum Teil geräumt wurde, ist das Herz der Bewegung. Es ist das größte der drei Protestcamps neben zwei weiteren in den Stadtteilen Kowloon und Causeway Bay: Eine mehrspurige Straße, überspannt von zwei Fußgängerbrücken, darauf ein Meer bunter Zelte. Vor einer Woche ging es hier noch ganz entspannt zu: Auf den Mauern, die die Spuren in der Mitte der Straße abtrennen, saßen Menschen, die Bücher lasen oder auf ihre Handys schauten. Andere gruppierten sich auf dem Boden, vertieft in Gespräche. Die meisten in ihren Zwanzigern, manche jünger.

Nach über 50 Tagen hatte sich auch hier Routine eingeschlichen. Kämpfe zwischen Polizei und Demonstranten gibt es längst nicht mehr. Stattdessen pilgerten die Protestierenden in Flipflops mit Waschbeuteln in der Hand zu den beiden öffentlichen Toiletten des Camps.

Nichts fasste den wohlgeordneten Zustand des Camps und der Proteste so perfekt zusammen wie der Zustand eben jener Toiletten. Die nämlich waren blitzsauber – abgesehen von den Wänden, die die Campbewohner mit Flyern verziert haben, die Politiker mit Exkrementen verglichen. Auf den Ablagen über den Waschbecken stapelten sich gespendete Hygieneartikel: Zahnpasta, Seife, Zahnbürsten, Cremes.

„Ich wohne alleine, also gibt es keinen Grund heimzugehen“, sagte Campbewohnerin Zoey vor einer Woche. Vierzehn Tage lang lebte die 24-Jährige, die als freischaffende Installationskünstlerin arbeitet, zu diesem Zeitpunkt bereits ununterbrochen im Camp Admiralty. Sie verließ es nur noch, wenn sie anderswo an einem Auftrag arbeiten musste. Abends jedoch traf man sie immer in der Nähe ihres Zeltes. Mal beim Ukulelespielen, mal bei der Arbeit an der großen Recyclingstation. Zoeys Zelt, auf das sie mit Edding „Only for girls!“ geschrieben hatte, steht zusammen mit etwa 300 anderen unter einem großen Dach, das weit über das Gebäude des Honkonger Parlaments hinausragt. Einer der wenigen Orte im Camp, der komplett vor Regen geschützt ist.

„Es ist hier wie in einem kleinen Dorf“, beschrieb Zoey damals die Stimmung. „Mit denselben Leuten seit mehreren Wochen.“ Immer wieder während des Gesprächs kamen Leute an ihrem Zelt vorbei, riefen ihr auf Kantonesisch etwas zu. Ein paar Meter weiter bemalten drei Demonstranten gemeinsam ein Zelt.

Doch morgens beim Zähneputzen in Admiralty traf man nicht nur auf Vollzeitcamper wie Zoey. Viele integrierten das Leben als Protestcamper so gut wie möglich in ihren Alltag. So wie Daisy, die tagsüber als Sekretärin in einem Architekturbüro arbeitet und immer erst danach in Admiralty auftauchte. Was sie hierher zieht? „Ich schlafe seit Wochen im Zelt, weil ich das Gefühl habe, dass ich hier meine Batterien aufladen kann“, sagte sie. „Die Hilfsbereitschaft und dieses Gemeinschaftsgefühl – das kannte ich von Hongkong bisher nicht.“

Auch Jackie, ein Chemielehrer Ende 20, der noch bei seinen Eltern wohnt, kam so oft wie möglich her. „Ich zelte nur ein- oder zweimal pro Woche hier, immer dann, wenn meine Eltern in der Nachtschicht arbeiten.“ Warum? „Sie würden es mir nicht erlauben.“ Nach solchen Nächten stand er um sechs Uhr auf und fuhr nach Hause, um zu duschen, sich umzuziehen. Pünktlich um acht stand er dann wieder vor seiner Chemieklasse. „Vielleicht ahnen meine Eltern etwas, wenn ich ihnen am Wochenende immer erzähle, ich würde arbeiten oder Freunde treffen, aber bisher haben sie nichts gesagt“, sagte er am Montag vergangener Woche achselzuckend.

Jacky begann, auch in Admiralty zu lehren. Schülern und Studenten, die nach dem Unterricht und an den Wochenenden in den Zeltlagern sind, wird immer wieder vorgeworfen, sie würden das Lernen vernachlässigen. Dabei ist für viele das Gegenteil der Fall: Vor einer Woche erledigten sie ihre Hausaufgaben dort im Schutz von großen Gartenzelten, beleuchtet von Lampen, die mit einem Dieselgenerator betrieben werden. Es gibt sogar ein eigens für sie eingerichtetes WLAN.

Auch der Lernbereich machte einen gut aufgeräumten Eindruck. Selbst um drei Uhr nachts saßen noch Leute an den selbstgezimmerten Tischen, manche schliefen, andere hatten die Köpfe über englische Essays oder John Rawls’ „Eine Theorie der Gerechtigkeit“ gebeugt. Die Aufgabe lautete: Eine Antwort auf die Frage finden, wie Rawls zivilen Ungehorsam begründet.

Jacky, ein Chemielehrer Ende 20, kommt heimlich her. „Meine Eltern würden es mir nicht erlauben

Die Leute schätzten diesen Ort, weil er so friedlich war, sagte der Architekt Ben, der dort als Freiwilliger aushalf. „Wir streiten hier nicht, ob wir kämpfen sollten oder ob wir das Richtige tun. Wir sind einfach hier und machen unser Ding, das ist an sich schon ein Statement.“

Gerichtliche Anordnungen und Teilräumungen bedrohen diese Campidylle nun. Doch so wohlorganisiert der Alltag im Camp, so zurückhaltend auch der Protest gegen das Vorgehen der Polizei bei der Räumung der Blockaden. „Wir respektieren die Entscheidung des Gerichts“, sagte einer der Protestführer, Joshua Wong, Vorsitzender der Oberschülervereinigung nun anlässlich der jüngsten Räumung. Und spiegelt damit den generellen Geist der Proteste wider: Von Anfang an hat die Bewegung darauf gesetzt, strikt friedlich zu bleiben, sich an Gesetze und Anordnungen zu halten. Möglichst wenig Angriffsfläche bieten, so die Strategie.

Dennoch: Die Unterstützung der Bevölkerung für die Demokratieproteste schwindet langsam: In einer Umfrage der Hongkonger Universität sprechen sich inzwischen 70 Prozent der Bevölkerung gegen weitere Demonstrationen und für eine Räumung der Protestlager aus.

Doch ohne diesen Ort in Admiralty, an dem Protestierende wie Zoey, Jackie und Daisy sich zusammengefunden haben, wo Debatten geführt werden und ein Geist der Demokratie und des Gemeinsinns entstanden ist, dürfte es auch schwierig werden, die Bewegung am Leben zu erhalten. Durch den Alltag im Camp hatten die Protestierenden sieben Wochen lang etwas, wohin sie zurückkehren konnten und was sie zusammenbrachte – auch wenn man in politischen Ansichten und Detailfragen vielleicht ganz unterschiedliche Positionen hatte. Falls die drei Camps nach dem ersten Schritt am Dienstag in den nächsten Tagen vollständig geräumt werden sollten, wäre die nächste Herausforderung für Joshua Wong und seine Mitstreiter, einen neuen Ort zu finden, der die Bewegung zusammenhalten kann, wie der gemeinsame Alltag es fast zwei Monate lang getan hat.