Musik für lange Autofahrten

SOUL Booker T. Jones’ neues Album, „The Road from Memphis“, erzählt von einer beeindruckenden musikalischen Sozialisation im Süden der USA, klingt aber auch ein wenig nach Allstar-Album

VON KLAUS WALTER

Grüne Zwiebeln und Schmelztiegel. Wenn wir nicht weiterkommen im Reden über Musik, dann kommt das Essen ins Spiel. Oder die Geografie: Chicago, Detroit, Manchester, Hamburg. Namen stehen für ganze Stilrichtungen und den Sound einer Stadt. Auch Memphis.

Bei aller Liebe zu Elvis und Al Green: Der Memphis-Sound schlechthin entstand in den 1960er Jahren in der McLemore Avenue zwischen grünen Zwiebeln und Schmelztiegel, dank Booker T. & The MG’s („Book a Table and the Maitre D’s“, wie John Lennon die Band seines Herzens nannte). „Green Onions“, 1962 und „Melting Pot“, 1971, die kulinarisch versinn(bild)lichten Instrumentals von Booker T. & The MG’s, markieren Anfang sowie Ende einer glücklichen Phase der Produktivität.

Zwischen Zwiebeln und Schmelztiegel produzieren Booker T. & The MG’s eine Serie unwiderstehlicher Instrumental-Hits. Und sie produzieren wie am Fließband: Soul. Was angeblich nicht geht: Seele und Fließband – das Innerste des Ich und die maximal effiziente Veräußerung von Arbeitskraft? Oben im Norden in Detroit demonstriert der ehemalige Fabrikarbeiter Berry Gordy, wie man Techniken der Autoindustrie gewinnbringend auf die Unterhaltungsindustrie überträgt. Seine Plattenfirma Motown kopiert die Produktionsweise der Motortown-Fließbänder: Was Chrysler, Ford und General Motors für den Automarkt sind, das wird Motown für den Popmarkt. Mit seiner popfordistischen Unternehmensphilosophie wird Berry Gordy zum Vorzeigeaufsteiger des Integrationskonzepts Black Capitalism. Motown ist nicht nur black owned, auch bei der Wahl der Mitarbeiter legt man Wert auf die richtige Hautfarbe. Sind ja genug Schwarze aus dem Süden gekommen, auf der Suche nach Arbeit.

Attraktion und Ärgernis

Unten im Süden in Memphis, Tennessee gründen derweil zwei weiße Geschäftsleute eine Plattenfirma. Aus den Anfangsbuchstaben ihrer Nachnamen basteln Jim Stewart und Estelle Axton den Labelnamen: Stax. Dem kulturindustriell zugerichteten Universalpop der Firma Motown setzt Stax einen deeperen, bluesigeren Sound entgegen, der bald mit dem Attribut „southern“ versehen wird. Nicht totzukriegen ist die blöde Zuschreibung, dass Stax den authentischeren vulgo schwärzeren Soul hervorbringt als die Kultur-Factory Motown. Die Pointe dieses Nord-Süd/Black-White-Konstrukts: Die black owned Firma Motown mit ihren black Musikern verkauft dem weißen Amerika ihre Idee von schwarzem Pop, während im segregierten Süden der echte, seelentiefe Soul gemacht wird – von zwei Schwarzen und zwei Weißen.

Booker T. & The MG’s. Ein Melting Pot von einer Band. Bassist Duck Dunn und Gitarrist Steve Cropper sind weiß, der Organist Booker T. Jones ist schwarz wie Al Jackson Jr., der einzige Schlagzeuger, dessen Stöcke sprechen können und das nebenher auf Al Greens schönsten Songs tun. Noch Jahre nach der offiziellen Aufhebung der Rassentrennung ist eine racially integrated Band in den Südstaaten eine Attraktion. Oder ein Ärgernis. Als Hausband des Stax-Labels sind Booker T. & The MG’s an Dutzenden von Soulhits beteiligt, auch als Produzenten und Komponisten. Sie machen die Musik hinter Otis Redding, Wilson Pickett, Sam & Dave, Rufus und Carla Thomas und Johnnie Taylor.

Das goldene Jahrzehnt des Stax-Sounds endet 1971 mit dem Album „Melting Pot“. Der achtminütige Titelsong ist ein bahnbrechendes Stück, „grabbing the groove and riding it longer than any pop song, to see where it would go“ (Robert Gordon in den Linernotes zu Jones’ neuem Album). Auf diesen „Melting Pot“ bauen HipHop und House, Kraft und Eleganz, Sound zum Lieben, ohne Worte. Der Titel ist 1971 noch ein Versprechen: Musik als Schmelztiegel der Integration im Einwanderungsland USA.

Der Schmelztiegel bekommt bald Konkurrenz von einer vermeintlich moderneren Idee: Salad Bowl. Statt alle Differenzen und kulturellen Eigenheiten einzuschmelzen, gibt man lieber alle Kulturen in eine Salatschüssel. So kommen sie zusammen, behalten aber ihre Eigenheiten, Farben und Aromen. Die Salatschüssel inspiriert später das Konzept des Multikulturalismus, der mitunter dem Ethnopluralismus gefährlich nahe kommt. Dieser von rechts kooptierbare, kulturalisierende Pluralismus toleriert schon mal, wenn im Namen der Kultur junge Frauen zwangsbeschnitten oder Schwule verprügelt werden. Dann doch lieber zurück zum Melting Pot?

Diese Geschichten aus dem letzten Jahrhundert sind im Bloch’schen Sinne aufgehoben im neuen Alterswerk von Booker T. Jones, sie sind dem Making of von „The Road From Memphis“ eingeschrieben. Das ist die Qualität dieses Albums. Und sein Problem. Als musikalische Autobiografie beansprucht „The Road From Memphis“ historisches Gewicht. Illustriert mit patinösen Schwarz-Weiß-Fotos, erzählt Booker T. im Booklet von den langen Fahrten auf der Straße von Memphis, 400 Meilen vom Stax-Studio nach Indiana, zum Studium. Die musikhistorische Nobilitierung liefert Robert Gordon, anerkannte Edelfeder seit seinem Standardwerk „It came from Memphis“.

„Zeitlosigkeit“ attestiert Gordon den neuen Songs, aber auch „ein Gefühl der Zeitgenossenschaft“. Als Kronzeuge der Zeitgenossenschaft wird Questlove aufgerufen. Der Drummer der Roots ist Koproduzent. The Roots kommen aus Philadelphia, der Stadt des Phillysounds. Ihr HipHop hat Sinn für History, dafür bürgt der Name Roots, sie verstehen sich als Vermittler von Geschichte und Hüter der Tradition. Beim Versuch, den Sound der MG’s mit vorsichtigen Modernisierungen zu rekonstruieren, kommt Questlove die undankbare Aufgabe zu, den in jungen Jahren erschossenen Drummer Al Jackson Jr. zu ersetzen.

Questlove trommelt dezent in Richtung HipHop, aus der alten Schule schaut Biz Markie vorbei, der Mantel der Geschichte weht über der Gästeliste des Allstar-Albums. Der Gitarrist Dennis Coffey war einer der wenigen Weißen bei Motown, sein Solohit „Scorpio“ ist ein Baustein des frühen HipHop. Mit Sharon Jones hinterlässt die Stimme des florierenden Soul-Revivals ihre Signatur. Aus Brooklyn hat sie Gabe Roth mitgebracht, Ingenieur des konsensfähigen Retro-Sounds von Amy Winehouse und den Dap-Kings. Yim Yames von My Morning Jacket und Matt Berninger von The National sorgen für Alt-Country-Rock-Credibility, schließlich ist Memphis mythischer Ort, wo sich Country und Soul auf den zwei Seiten einer 45er Single Gute Nacht sagen.

Das Gutenachtlied singt Lou Reed mit zerbrechlicher Stimme, es heißt „The Bronx“. Hier zeigt die Spekulation mit kulturellem Kapital und Authentizität ihre hässliche Fratze: Onkel Lou, die Drogen, das Alter, die Bronx … Mit strategischem Weitblick wurde auch das Material gecastet. Gecovert werden Lauryn Hills und Gnarlz Barkleys „Crazy“. Gleich zwei Songs spielen „Down in Memphis“, da reimt sich „Blues“ noch auf „dues“ und auf „born to lose“. Neben Reeds Bronx steht ein Harlem House. Ein historischer Themenpark aus Sound, Image, Verpackung, Songauswahl, Gästeliste, so was von stimmig und geschmackvoll. Noch immer spürt man bei Booker T.’s Orgel eine innere Wärme aufsteigen, wunderbar. Aber auch ein Schuldgefühl. Falle ich nicht gerade auf das Vintage-Kalkül rein? Muss ich in Zeiten der allfälligen Retromania (Simon Reynolds) nicht verlangen, dass Musik nach Gegenwart klingt?

Booker T. Jones: The Road From Memphis (Anti)