Schule ohne Schule

BESSER LERNEN Still sitzen, zuhören, melden, und am Ende gibt’s Zeugnisse. Es geht auch anders

Fünf druckfrische Geldscheine hat der Lehrer auf den Tisch gelegt: drei Zehner, einen Zwanziger und einen Fünfziger. Die 100 Euro aus dem Portemonnaie des Lehrers gewinnt derjenige Schüler, der die richtigen Lottozahlen tippt. Und das bei sehr geringem Einsatz. Mit nur 2 Cent ist man dabei.

Die Aussicht, in 45 Minuten 100 Euro reicher zu sein, packt die Siebtklässler. Ihr Stundenziel heißt: gewinnen. Im Lehrplan steht allerdings: „Wahrscheinlichkeitsrechnung“.

Martin Kramer ist Gymnasiallehrer für Mathematik und Physik und Theaterpädagoge. Er hat bis 2012 an zwei Gymnasien in Baden-Württemberg unterrichtet und begreift seinen Unterricht als Abenteuer. Im Zentrum der Stunden stehen echte Probleme und Aufgaben, denn seiner Überzeugung nach lernen Kinder erst dann etwas, wenn sie das Gefühl haben, dass der Gegenstand etwas mit ihnen zu tun hat.

Seit zwei Jahren leitet Kramer die Abteilung für „Mathematik als Didaktik“ an der Universität Freiburg. Hier werden Lehrer aller Schulen aus- und weitergebildet. Kramer möchte seine Kollegen zum Experimentieren anstiften, damit sie im Unterricht etwas Neues wagen. Zum Beispiel Lotto zu spielen.

In seiner Beispielstunde, die er auch als Weiterbildungsworkshop anbietet, werden 28 Schüler zu Lottokugeln, die sich um vier leere Stühle bewegen. Die Schüler bekommen Nummern. Nach einer Art „Reise nach Jerusalem“ sitzen Nummer 12, 13, 22 und 7 auf einem Stuhl. Diese Nummern hat aber keiner der Schüler getippt. „Das habe ich natürlich erwartet“, sagt Kramer. Hätte er verloren, hätte er die 100 Euro für die Klassenkasse gestiftet. Doch noch nie hatte ein Schüler in seinen mehr als zehn Dienstjahren die richtige Kombination getippt. Die Wahrscheinlichkeit ist eben sehr niedrig. Sie beträgt in diesem Fall 1:400.000.

Warum das so ist, erfahren die Schüler im zweiten Teil der Stunde. Kramer fragt sie, wie viele Möglichkeiten es gibt, 28 Schüler auf vier Plätze zu verteilen. Statt ihnen die Lösung zu verraten, bittet er um Vorschläge.

Wer eine Idee hat, darf sie vortragen und sich dann in eine Ecke der Klasse stellen. Die anderen Schüler können sich dazugesellen oder eine andere Lösung für eine andere Ecke vorschlagen. Es bilden sich Gruppen, die mit Argumenten versuchen, andere davon zu überzeugen, sich in ihre Ecke zu stellen. Auf diese Weise unterrichten sich die Schüler gegenseitig. Die Rolle des Lehrers ist die eines Beobachters und Vermittlers. Aus der Mathestunde wird so eine Demokratiekunde.

Dann kommt es auch mal vor, dass nur noch drei Mädchen in einer Ecke stehen und auf ihrer Lösung als der richtigen beharren. Auf der anderen Seite des Raums stehen die Mathegenies, die Klassensprecher und alle anderen, die sich sicher sind, in der Gewinnerecke zu stehen. Auch das lernt man in Kramers Unterricht: es zu ertragen, eine Minderheitenposition zu vertreten und sich gegen eine Mehrheit zu stellen. Am Ende sollten die Mädchen recht behalten. Die Lektion aus dieser Stunde: Spielt niemals Lotto, ihr werdet nur beschissen.

Wo gibt es das noch? An allen Schularten, an denen Lehrer unterrichten, die Kramers Kurse besucht oder seine Bücher gelesen haben.

Die Lehrerin Friederike Latzko wirft Illustrierte, Tageszeitungen und Werbekataloge auf den Boden des Klassenzimmers. So beginnt sie ihre Musikstunde an der Gesamtschule Bremen-Ost, in der es um die Sonatenhauptsatzform gehen soll. Jeder Schüler soll sich einen Satz aus dem Material raussuchen und ihn vorlesen. Dabei ist der Inhalt egal. Der vorgelesene Satz soll Klang und Rhythmus haben.

Latzko ist Bratschistin und Mitglied in der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen. Das 40-köpfige Orchester tourt um die Welt und tritt in Wien und Tokio auf. Ihren Arbeitsmittelpunkt haben die Musiker jedoch seit 2007 in der Gesamtschule im Bremer Stadtteil Osterholz-Tenever. Um in ihre Proberäume zu gelangen, nutzen die Streicher und die Bläser morgens denselben Eingang wie die 1.350 Schüler der Klassen 5 bis 13. Links geht es zum Orchestersaal, rechts zur Gesamtschule.

Die Nachbarschaft ist bewusst gewählt. Die Musiker suchten einen öffentlichen Probenort, der sie mit der Bevölkerung in Kontakt bringt. Die Schule ihrerseits will ihre Türen nicht abschließen, sondern für die Welt öffnen.

Ein Unterricht mit Profi-Musikern ist für viele Kinder, die in der Betonsiedlung Osterholz-Tenever aufwachsen, eine neue Erfahrung. In Latzkos Stunde geht es zunächst darum, zwei große gegensätzliche Themen zu einem Ganzen zu verbinden. Ohne Beethoven zu erwähnen, bringt sie den Schülern sein Prinzip der Sonatenhauptsatzform näher. Das Material für ihre Textsonaten finden die Schülerin in zufälligen Äußerungen und in scheinbaren Störungen: ein „Äh“, ein Schulterzucken, ein klingelndes Handy – alles wird eingebaut. In der Mensa treffen sich Musiker und Schüler mittags wieder.

Außerdem organisiert die Schule ein Mal im Monat einen Workshop, in dem Profis und Schüler unter Anleitung des Komponisten Marc Scheibe die „Musik des Lebens“ komponieren, eine Showreihe, die zweimal jährlich im Orchestersaal aufgeführt wird. Hier geben die Schüler ihren Gefühlen und Geschichten in Songs und Melodien Ausdruck.

Wo gibt es das noch? Auf der integrierten Gesamtschule Ferdinand Freiligrath in Berlin, die Techniker, Bildhauer, Sportler, Maler, Musiker und Theaterleute engagiert.

Der Unterricht beginnt um 8.30 Uhr am Bahnhof Lachen im Kanton Schwyz. Hier treffen sich die Schüler der Schweizer Privatschule Villa Monte jeden Morgen, um etwa eine halbe Stunde an einem Bach entlang zur Schule zu laufen. In der dreigeschossigen Villa angekommen, legen sie Jacken und Taschen ab, setzen Teewasser auf. Mit den Tassen in der Hand beraten sie, was sie heute machen wollen. Einige entscheiden sich für Gartenarbeit, andere dafür, das Mittagessen für die ganze Schule zu kochen. Der Rest will einfach noch in der Bibliothek sitzen, Tee trinken und sich unterhalten.

Die Schweizer Heilpädagogin Rosemarie Scheu, die die Schule bis heute leitet, gründete die Villa Monte 1983 als Kindergarten. Anfang der 1990er wurden die ersten Primarschüler eingeschult, ein paar Jahre später kam die Sekundarstufe von Klasse 7 bis 10 dazu.

In der Schule ohne Unterricht gibt es kein Klingelzeichen, keine Schulstunden, keinen Schulstoff und keine Prüfungen. Was sie lernen wollen, entscheiden die gut 40 Schüler im Alter zwischen 6 und 17 Jahren selbst. Und sie entscheiden auch, wann sie das wollen.

Was so leicht klingt, ist für Ungeübte extrem hart. Ein ganzer Tag zur freien Verfügung, sieben Zeitstunden ohne Vorgaben, 420 Minuten alles selbst entscheiden müssen. Wie macht man aus einem Tag, der zunächst mal nur eine Ansammlung von Möglichkeiten ist, einen guten Tag, an dem man etwas erlebt hat, von dem man abends erzählen will?

Die Schüler der Villa Monte müssen Entscheidungen treffen, die nicht nur sie selbst befriedigen, sondern mit der auch alle anderen leben können. Natürlich kann man die ganze Zeit Comics lesen, aber wer kocht dann das Essen? Viel Zeit verbringen die 7- bis 18-Jährigen damit, zu diskutieren und sich selbst zu organisieren.

Jonas Gächter, achtzehn Jahre, durchtrainiert, groß und blond, ging zehn Jahre lang in die Villa Monte. Er sagt, das Wesentliche, was er hier gelernt habe, sei es, den eigenen Weg zu gehen. Alles andere habe er nebenbei gelernt. Dem Dreisatz beispielsweise sei er begegnet, als er in einem Laden sein Lieblingscomputerspiel entdeckte. „Minus 20 Prozent“ stand neben dem Preis. Am nächsten Tag fragte er seinen Lehrer, was das bedeute.

Die Aufgabe der Lehrer in der Villa Monte ist es, da zu sein, wenn sie gebraucht werden. „Meistens werden sie nicht gebraucht“, sagt Gächter. „10 Prozent der Ideen kamen von den Lehrern, 90 Prozent von mir. Aber dafür bekam ich 100 Prozent Unterstützung.“

Die Schule endet um 15.30 Uhr. Die Schüler wandern zurück zum Bahnhof – ob rennend oder bummelnd, entscheiden die Schüler nach Tagesform.

Wo gibt es das noch? In der Lernwerkstatt im Wasserschloss, Pottenbrunn, Niederösterreich.

Wenn die fünfte Klasse der Laborschule Bielefeld im Sportunterricht Fußball spielt, gelten andere Regeln als sonst. Auf das Tor darf erst geschossen werden, wenn jeder Spieler aus der Mannschaft mindestens einmal Ballkontakt hatte.

Das heißt für manches Fußball-Ass, dass er oder sie auf ein Zauberdribbling verzichten und den Ball abgeben muss. Passiert das nicht, kann die eigene Mannschaft eine Unterbrechung des Spiels fordern, um den Konflikt auszudiskutieren. Am Ende jeder Sportstunde gibt es eine Versammlung. Hier sollen die Schüler ihre Eindrücke wiedergeben: Was lief gut, was könnte besser werden? Statt Zensuren zu vergeben, führen die Lehrer am Jahresende mit jedem Schüler eine individuelles Gespräch über die Entwicklung der Leistungen.

An der 1974 gegründeten Bielefelder Gesamtschule machen die Schüler der Klassen eins bis zehn im Wesentlichen das Gleiche wie Schüler jeder anderen Schule in Nordrhein-Westfalen – sie werfen, spielen, laufen. Der Unterschied besteht darin, dass der Wettbewerb nicht im Vordergrund steht. Im Mittelpunkt des Sportunterrichts steht nicht die Konkurrenz. Gefördert wird Teamgeist und Rücksichtnahme. Beim jährlichen Sportfest treten nie einzelne Schüler, sondern immer Teams gegeneinander an. So wie beim Fußballspiel, wo die Schüler darauf achten, dass keiner zum Statisten wird.

Wo gibt es das noch? An Bielefelder Gesamtschulen und anderen Reformschulen.

Die 11. Klasse eines Zürcher Gymnasiums nimmt den „Werther“ durch, idealer Stoff für 16- und 17-jährige Pubertierende. Werther, ein junger Mann im Konflikt mit der Gesellschaft und obendrein schwer verliebt. Aber ein Text aus dem 18. Jahrhundert schreckt die meisten Jugendlichen eher ab. Um sie für Goethe zu begeistern, dachte sich Lehrer Lorenz Durrer eine besondere Aufgabe aus: „Wählen Sie einen Brief Werthers aus und übersetzen Sie ihn in eine SMS. Schicken Sie diese an folgende Nummer (01 76) 5 68 14 02.“

Dieser Kniff wird auf der Website lerndialoge.ch beschrieben. Es ist die Seite der Schweizer Pädagogen Urs Ruf und Peter Gallin, die das Konzept des Dialogischen Lernens in den 1990er Jahren entwickelt haben. Ihr Kerngedanke: Statt fertige Lösungsmuster zu referieren, soll der Lehrer die Schüler ermuntern, sich auf ihre eigene Bildungsreise zu begeben. Er soll ihnen zuhören, wenn sie von ihren Reiseerlebnissen berichten, und diese Erlebnisse als Anregungen für seinen Unterricht nehmen. Wie Forscher auf einer Expedition führen Schüler parallel ein „Lernjournal“. Dort tragen sie ein, wo sie gerade stehen, welche Ideen ihnen unterwegs gekommen sind und welche Richtung sie einschlagen wollen. Zu Beginn der Reise formuliert der Lehrer eine „Kernidee“, eine Aufgabe, die die Schüler herausfordert.

Auf Durrers Handy gehen Nachrichten ein wie: „ Hey, bin happy. Voll gut drauf (nicht vom alk), sie hat mich geküsst“ oder „Hey will, hab grad voll die krise, bin irgendwie zu clever für die welt. andererseits im vergleich zu der kleinen aus diesem kaff geht’s mir echt gut.“

Aus diesen Rückmeldungen formuliert Durrer in der nächsten Deutschstunde einen neuen Auftrag: Die Schüler sollen überlegen, welche SMS den Inhalt von Goethes Briefroman am besten trifft.

Ein Mädchen schlägt vor, systematisch nach den Themen im Original zu suchen und diese zu simsen. „Wenn ich nur nicht so schlecht drauf wär. Ich fahr ständig den Film von diesem geilen Typen. Da fühl ich mich echt wie der letzte Loser“, schreibt ein Schüler. „Die Anregung, den Text systematisch auszuwerten, führte dazu, dass bei vielen die Lektüre des Originaltexts markant an Aufmerksamkeit und Präzision gewann“, schreibt Durrer.

Wo gibt es das noch? Überall dort, wo Lehrkräfte es anwenden, von der Kita bis zum Gymnasien.

■ Roman: Wolfgang Herrndorf: „tschick“. rororo 2012, 256 Seiten, 8,99 Euro

■ Sachbuch: Remo Largo: „Schülerjahre. Wie Kinder besser lernen“. Piper 2009, 336 Seiten, 12,95 Euro

■ Blog: geschichtsunterricht.wordpress.com. Der Geschichtslehrer Daniel Bernsen setzt in seinem Unterricht GoogleMaps, YouTube und Twitter ein und berichtet darüber

■ Twitter: @ZENTRALlernen

VON ANNA LEHMANN (Texte), Marian Kamensky (Illustration)