Die neue Heitmeyer-Studie besagt, dass Deutschland ein Land mit zwei Gesellschaften ist: Die eine liegt im Osten, die andere im Westen. Und in beiden steigt die Zahl der Ausreiseanträge.von MARTIN REICHERT

Der Osten? Bleibt für viele im Westen Platte und grau und rechtsextrem - eben "Dunkeldeutschland" (hier: Halle Neustadt). Bild: dpa
Es gibt in Deutschland eine gewisse Ermüdung, den "Ostteil" des Landes immer nur in Problemzusammenhängen zu sehen, vielleicht auch weil Wissenschaftler, Journalisten und Politiker einfach nicht müde werden, auf diese Zusammenhänge hinzuweisen. So wie derzeit der Bielefelder Sozialwissenschaftler Wilhelm Heitmeyer: Ostdeutsche fühlen sich laut seiner aktuellen Studie unverstanden und benachteiligt - und lassen ihre schlechte Laune auch noch an Minderheiten aus. Zudem sei ihr "Verhältnis zum demokratischen System signifikant negativer". Im Vergleich zu den Westdeutschen.
Kein Wunder eigentlich, denn Letztere haben mehrheitlich ein völlig ungebrochenes Verhältnis zu genau diesem "System", das sie in der Regel gar nicht als solches betrachten, sondern als selbstverständlich ansehen. In Ostdeutschland hingegen begegnet man mitunter MitbürgerInnen, die im Lauf ihres Lebens nunmehr im fünften "System" angekommen sind und dann nach einem Krankenhausaufenthalt schon mal fragen: "Mein Gott, war das Essen dort schlecht - liegt das an der Regierung?"
Kein Problem eigentlich, aber eben eine völlig andere Wahrnehmung, die von dem Wissen genährt ist, dass "Systeme" eben relativ sind, so wie die bundesrepublikanische "Demokratie", die dem gelernten DDR-Bürger zum einen aus dem Westfernsehen, zum anderen aus dem Staatsbürgerkundeunterricht schon immer wohlvertraut war. Das andere "System" eben, mit dem man konkurrierte, das als unterlegen galt - und dem man sich dann schließlich doch anschloss, weil das eigene am Ende zu viel Unbehagen bereitete.
Dann ist das alte "System" weg, das neue ist immer noch da und man selbst mittendrin - und so mancher bald einsetzende Verlustschmerz paarte sich rasch mit dem ebenfalls schmerzlichen Gefühl, irgendwie verloren zu haben. Verlierer im Kampf der "Systeme" mit dem Ergebnis, laut Heitmeyer-Studie, dass sich 64 Prozent der Ostdeutschen als Bürger zweiter Klasse fühlen. Es fehlt den Ostdeutschen, subjektiv, an Anerkennung.
Den somit angeklagten Westdeutschen auf dem Siegerpodest und mit Erste-Klasse-Tickets ausgestattet mangelt es laut Studie übrigens ebenfalls an Anerkennung von Seiten der Verlierer: Hat man nicht fleißig Steuergelder zur Verfügung gestellt, den Verfall der eigenen Infrastruktur in Kauf genommen und sich im Ganzen eigentlich nichts Böses gedacht bei der Wiedervereinigung: Die Brüder und Schwestern aus dem Osten wollten zu uns kommen und wir haben sie willkommen geheißen.
Doch - Undank ist der Weltlohn - nun wird immer nur gemeckert und auf Ausländern, Obdachlosen und Muslimen herumgetrampelt. Im "Osten" an sich, denn eine Binnendifferenzierung findet aus westlicher Perspektive nicht statt. Dunkeldeutschland bleibt Dunkeldeutschland, während der Westen differenziert betrachtet wird. Zum Beispiel das Bundesland Bayern, das in punkto Chauvinismus, Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus, Befürwortung einer Diktatur und Verharmlosung des Nationalsozialismus weit vor den neuen Bundesländern liegt. Weißwurst-Zonis.
Der eigentliche Witz ist jedoch, dass sich laut dem neuen Migrationsbericht immer mehr Gesamtdeutsche unwohl in ihrem heimischen "System" fühlen und das Land verlassen, frei nach dem Motto der Bremer Stadtmusikanten "Was Besseres als das Leben hier können wir überall finden". Im letzten Jahr waren es derer 161.000.
Flucht vor nörgelnden Ossis oder doch eher vor dem schlechten Wetter im Winter, Hartz IV und den Zumutungen des Deutschseins an sich?
Wer Ostdeutschen einmal zuhört und sich die Mühe macht, sie auch tatsächlich zu verstehen, kann sich anhand ihrer Erzählungen ein Bild davon machen, wie es sich anfühlt, wenn die Menschen einfach gehen, anstatt sich um die gemeinsamen Probleme zu kümmern. Einfach ausreisen - so wie weiland in den Achtzigerjahren zu Hauf aus der DDR. Und man kann von ihnen eben auch lernen, dass ein "System" nicht ehern und unabänderlich ist, sondern gestaltet und verändert werden kann.
Solche Erzählungen sind keineswegs ermüdend, sondern erhellend und anregend. Wir sind das Volk.
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Leserkommentare
07.12.2008 16:09 | civ
"Und solange dieses Volk alle vier jahre seine Apokalypse auch noch selbst an die Macht wählt" ...
05.12.2008 15:44 | 0815
Ich will mal 123 vollständig zustimmen. ...
05.12.2008 14:02 | Wossi
Nein, ich bin nicht wir! Und schon gar nicht bin ich das Volk! Das Deutschsein ist für mich keine Zumutung, es ist mir einf ...