SUCHE NACH AUFBRUCH UND VERGESSEN IN DER NACHKRIEGSZEIT

Journalismus nach 1945

Es ist nicht üblich, journalistische Gelegenheitstexte zu sammeln. Umso schöner ist es, dass es Erhard Schütz, der sich zum Fachmann für Sachbücher und Gebrauchstexte entwickelt hat, nun gelungen ist, die Texte der Journalistin Dorothee Dovifat in dem Buch „Zwischen Trümmern und Träumen“ zu bündeln.

Dovifat, die heute in Tübingen lebt und unlängst 94 Jahre alt geworden ist, war nach dem Zweiten Weltkrieg Kulturjournalistin in Berlin. Sie schrieb unter der Chefredaktion ihres Vaters in den Zeitungen Neue Zeit, Die Frau von heute und Der Tag. 1953 verließ sie mit ihrem Mann Berlin und widmete sich der Familie, blieb aber stets gesellschaftlich engagiert.

Berlin auf Blättern

VON JÖRG SUNDERMEIER

Emil Dovifat, ihr Vater, ist weitaus bekannter. Er war, so Schütz in seinem Nachwort, nach dem Krieg die „maßgebliche, auch angefeindete Instanz der deutschen Publizistik, wissenschaftlich wie journalistisch und politisch höchst einflussreich“. Und er war als Katholik in der CDU tätig. Seine Tochter, eine promovierte Germanistin, ordnete sich dem Glauben und den Ansichten ihres Vaters unter, ihre Texte verbreiten bürgerliches und religiöses Selbstbewusstsein.

Schütz versammelt verschiedene Textsorten von ihr, mal kleine Glossen, mal Berichte, mal Rezensionen. Gleich im ersten Text geht es im August 1946 um Kinder. „Auf den Trümmerhalden der Stadt, die langsam von der gnädig verhüllenden Natur übergrünt werden, spielen wieder die Kinder. Wie Blüten des Nachkriegssommers werden sie vom müden Wind des Friedens in die Steinwüste hineingeweht, jetzt nicht mehr ängstlich, dass eine jähe Sirene sie in die dürftig abgestützten Kellerräume zurückscheucht.“

Dovifats Sprache ist blumig, ihre Beobachtungen bleiben oft oberflächlich, die Kinder und die sich regenerierende Natur sind immer wieder Symbol für den Aufbruch. Wer den Krieg erklärt hat und was der Kriegserklärung vorausging, beschweigt sie weitestgehend. Das ist nicht nur der Angst vor der sowjetischen Zensur geschuldet, tatsächlich scheint es, als wolle sie vergessen, um sich sorglos der Zukunft zuwenden zu können.

Selbst in ihren späteren, in der Westzone Berlins entstandenen Texten kann sie dies jedoch nicht ohne Skepsis: „Das Donnern der Stalinorgeln war verstummt“, erinnert sie sich 1953. „Eine Stille stand über der Stadt – eine Zeit war gestorben, eine Epoche beendet. ‚Freiheit‘ wollte man sagen. Aber man konnte es nicht.“ Im letzten Text im Buch zu Reinhold Schneider endet sie: „Was Schneider will und fordert, ist der unbedingte Mut zum Guten, zum Christsein auch im Angesicht der scheinbaren Sinnlosigkeit. So sind ihm Dasein und Dichtung nur ein Anliegen, eine Aufgabe.“

Auch Dorothee Dovifat waren ihre Texte stets Mittel, ihre Werte zu predigen und durchzusetzen. Das macht dieses Buch manchmal quälend langweilig, Dovifats Mission ist oft sehr aufdringlich. Dennoch bieten ihre Texte ein genaues Bild darüber, was in den Berliner Köpfen der unmittelbaren Nachkriegsgesellschaft vorging. Viele Frontstadtsprüche späterer Jahre haben hier ihren Ursprung.