LEUCHTEN DER MENSCHHEIT TIM CASPAR BOEHME

Eine postnationale Utopie

Holzbein und Hakenarm – die bekannten Piratenstereotype spielen in diesem Buch keine Rolle. Stattdessen kann man in der kommentierten Ausgabe von „Libertalia“ (Matthes & Seitz 2014), Daniel Defoes Geschichte des Piraten Kapitän Misson, einiges über die demokratischen Prinzipien der Seeräuber erfahren. Misson, ein angehender Seemann, wird bei einem Besuch in Rom vom Treiben des Klerus so sehr von der Religion enttäuscht, dass er fortan als Pirat mit einem desillusionierten Priester die Meere durchstreift und schließlich auf Madagaskar die Republik Libertalia gründet, wo nationale Herkunft keine Rolle mehr spielt.

Zur Veranschaulichung der fairen Grundsätze, nach denen Piraten handelten, sind die Satzungen einiger berühmter Seeräuber mit abgedruckt. Darin ist festgelegt, nach welchen Anteilen die Beute aufzuteilen ist, welche Handlungen unter Strafe stehen – Spielen um Geld vor allem – und wann an Bord die Lichter gelöscht werden. So galt bei Kapitän Roberts: „Jeder Mann hat eine Stimme bei anliegenden Entscheidungen, den gleichen Anspruch auf frische Lebensmittel oder starke Spirituosen … und darf sie genießen, wann es ihm gefällt, es sei denn ein Mangel … macht es im Interesse aller notwendig, eine Rationierung zu beschließen.“

Herausgeber Helge Meves erinnert im Nachwort an die oft wenig romantischen Zustände auf See, wo sich die Seeleute den Laderaum mit „Schweinen, Ziegen, Gänsen und Hühnern“ teilen mussten, von der mangelnden Hygiene ganz zu schweigen. Eine sinnvolle Korrektur am verklärten Piratenbild, hier zum ersten Mal auf Deutsch zu lesen.

Der Autor ist ständiger Mitarbeiter der taz