Felsen, Schiffe, Killerwellen

Marineverherrlichung ist ihr fremd: Die Ausstellung „Seestücke – Von Max Beckmann bis Gerhard Richter“ in der Hamburger Kunsthalle entpuppt sich als wohltuend politische Schau. Tapfer haben die Kuratoren der Versuchung widerstanden, eine gefällige Touristenattraktion zu präsentieren

Es ist egal, ob man das Meer oder die Erde malt – das abzubildende Elend bleibt immer gleich. Kriegs- und Globalisierungsfolgen auch. Deshalb ist es legitim, in der Hamburger Kunsthalle eine Ausstellung zu zeigen, die den umstrittenen Titel „Seestücke“ trägt. Zwar versteht sie sich als Fortsetzung der 2005 eben dort präsentierten „Seestücke von Caspar David Friedrich bis Emil Nolde“ und öffnet kein neues Fass. Doch das ändert nichts daran, dass man im 19. Jahrhundert unter Seestücken vor allem marine- und technikbegeisterte Malerei verstand und mancher Magnat seine militärischen Siege auf See auf Propagandabildern feierte. Andererseits impliziert das „Seestück“ den romantisierenden Blick aufs Meer. Ein rückwärts gewandeter Ansatz.

Also voller Klippen, eine solche Schau – doch die Kuratoren sind ihnen ausgewichen. Tapfer haben sie der Versuchung widerstanden, eine gefällige Touristen-Attraktion herzustellen. Zwar haben sie pflichtschuldig Werke des Expressionismus an den Beginn gehängt. Doch auch hier kommt man nicht mit Harmlosigkeiten davon, verweisen die Bilder doch immer auf die Biographie ihrer Autoren. Nicht zufällig hat etwa Beckmann seine im Exil entstandenen Seestücke mit aggressiv in die Landschaft ragenden Bootsspitzen versehen. Bewusst hat er Schiffe so kantig aneinander geklebt, dass man die Risse im Weltbild deutlich spürt.

Naiver Verzückung wird also nicht erliegen, wer durch diese Schau wandert. Auch die neosachlichen Gemälde verführen hierzu nicht: Was kann ein magischer Realist wie Franz Radziwill anderes als Unheil meinen, wenn er Schiffe wie Monstren malt? Nein, Technik ist nicht schön, Schiffsaufrüstung und bewaffnung schon gar nicht, und wer das explizit formuliert haben möchte, wird in der Sektion „Nach dem Krieg“ fündig. Denn für die Zeit nach 1945 haben die Kuratoren den Blick ins Internationale geweitet und die Chance zum Draufblick genutzt.

„Totes Meer“ heißt zum Beispiel ein Gemälde des Briten Paul Nash, der Wrackteile abgeschossener deutscher Flugzeuge des Zweiten Weltkriegs malte, die er auf einer Halde bei Oxford fand. Eine Wüste aus unbrauchbarer Technik ist es geworden; eine Tragfläche gleicht einem jüdischen Grabstein. Für die Deutung ist es egal, ob es Menschen- oder Flugzeug-Leichen sind. Den Amerikanern war es egal, ob die Bikini-Atolle durch die Unterwasser-Atomwaffentests unbewohnbar würden. Von der US-Marine aussortierte Fotos dieser Versuche hat Bruce Conner 1976 zum Kurzfilm „Crossroads“ zusammengefügt. Die Aufnahmen sind sehr ästhetisch. Sie lassen die Versuche so abstrakt erscheinen, wie sie wohl für die verantwortlichen Politiker waren. Ein perfides Beispiel für die Diskrepanz zwischen Ethik und Ästhetik. Denn ob man die Entfernung sozial, geographisch oder künstlerisch definiert – die innere Distanz bleibt, der Kampf des Willens gegen die Moral auch: Man will das nicht schön finden – und tut es doch!

Mit selbst gebauten Booten durch die Wiener Kanalisation: Der Österreicher Hans Schabus sucht nach den Ursachen allen Übels.

Und fast könnte man die Aufnahmen mit den von Gerhard Richter so angenehm montierten Wolken-Meeresfotos verbrüdern. Die kommen wirklich unpolitisch daher – was ihm Zeitgenossen vorwarfen.

Wen es nach nicht-ästhetischer Archaik, vielleicht auch nach Jules-Verne-artigen Reisen in die Eingeweide der Erde gelüstet – der ist mit den Videos Hans Schabus’ gut bedient. In einer selbst gebauten Nussschale ist er 2002 durch die Wiener Kanalisation gerudert. Durch ein Abflussrohr bewegt sich hier zunächst die Doku-Kamera, um den Künstler dann beim Selbstversuch zu filmen; fast riecht man es, wie er durch die braune Brühe stakt und segelt, denn es gibt durchaus Winde da unten. Was hat er dort bloß gesucht? Den Ursprung allen Seins? Reinheit, Fäulnis oder sonstige Quellen irdischen Übels? Existenzbeweise früherer Zivilisationen, wie sie Archäologen in Tempelruinen finden? Die Fragen bleiben offen und der Betrachter fühlt sich sich nicht getröstet angesichts der „Dritter Mann“-Musik, die irgendein Unheil suggeriert.

Jeroen Offermann treibt das Spiel mit der zum Monstrum mutierten Zivilisation noch weiter: Wie ein Dinosaurier kommt auf seinem 2000 entstandenen Video ein Hovercraft-Boot auf den Betrachter zu und entfernt sich wieder. Gravitätisch bläst es sich auf und öffnet die Luke, als wolle es Mann und Maus verschlingen. Ein fluoreszierender Mann rennt panisch auf diese Arche Noah zu und verlässt den sterbenden Planeten. Alles aus mit uns und der Kunst?

Gemach, gemach: Explizit kulturpessimistisch sind diese Künstler nicht. Ihnen ist nur der Blick auf das „betörend schöne Meer“ abhanden gekommen. Weswegen Leute wie Allan Sekula lieber Videos minimal bemannter Containerschiff gegen den Strich schneiden, um – nun ja, vielleicht ein bisschen platt – auf die Schieflage der Branche zu verweisen.

Fazit der diesjährigen „Seestücke“-Schau: Meer ist schön. Bringt aber Unheil. Eine These, die auch Robert Longo unterschreiben würde. Aber er nutzt archaischere Techniken: Mit Kohle hat er seine Monsterwellen gezeichnet, wie sie auf asiatischen Holzschnitten vorkommen. Da sind sie kalligraphische Zeichen. Hier sind sie – ja was eigentlich? Chiffren des Untergangs? Abstrakte Bedrohung, an die man sich längst gewöhnte?

Antworten, die der Künstler nicht gibt. Die Ausstellung aber sehr wohl. Denn unter dem geschmeidigen Titel „Seestücke“ hat sie sich als sehr politische Schau entpuppt. Erfreulich außerdem: Sie ist nicht einmal anstrengend. Sondern entspannt und spannend anzugucken. Das Entsetzen kommt danach. Eine gelungene Dramaturgie.