Politikwissenschaftler Benedict Anderson

"Es gibt einen Diaspora-Nationalismus"

Fern der Heimat entwickeln Gruppen oft einen rigiden Nationalismus, sagt Benedict Anderson. Aus der Distanz ist es leicht, sich die alte Heimat passend zurechtzuträumen - das kann zu Problemen führen

taz: Herr Anderson, "Die Erfindung der Nation", Ihr Buch über den Nationalismus, ist längst zum Klassiker, ihre Definition der Nation als "imaginäre Gemeinschaft" zum geflügelten Wort geworden. Wie schätzen Sie die Globalisierung ein, bedeutet sie nicht das Ende der Ära des Nationalismus?

Unter dem Titel "Diaspora. Erkundungen eines Lebensmodells" kuratiert Isolde Charim eine Veranstaltungsreihe im Wiener Bruno Kreisky Forum für internationalen Dialog. Losgelöst von seiner negativen Bedeutung, eröffnet der Begriff Diaspora für sie einen Blick auf die Komplexität von Lebenssituationen in der Fremde. In unregelmäßiger Folge dokumentiert die taz Gespräche mit ihren Gästen. Den Anfang machte am 23. Juli der amerikanische Historiker Tony Judt, der glaubt, dass der Begriff der Diaspora ein Erfolgsmodell bezeichnen kann, wie etwa das Beispiel der südasiatischen Diaspora in Großbritannien zeigt. Nur muss die Möglichkeit der Multiidentität nicht nur für die Eliten offenstehen. Benedict Anderson, der heutige Gesprächspartner, wurde als Sohn britisch-irischer Eltern 1936 in Kunming, China, geboren und lehrte bis zu seiner Emeritierung als Professor für International Studies an der Cornell University. Bekannt wurde er über den akademischen Bereich hinaus durch sein Buch "Die Erfindung der Nation", das im Campus-Verlag vorliegt.

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Benedict Anderson: Das ist das, was viele Leute erhofften. Aber was tatsächlich geschieht, ist eher, dass der Nationalismus seine Form verändert. Es ist nicht mehr unbedingt nötig, dass man in dem Land lebt, an das man national gebunden ist. Man kann anderswo leben, und dann ist es oft so, dass man nationalistischer wird als vorher. Ich glaube also, dass der große Wandel, den die Globalisierung hervorruft, ein Wandel im Charakter des Nationalismus ist.

Heißt das, heute findet man paradoxerweise Nationalismus vor allem bei Diasporagemeinschaften?

Es gibt heute einen Long-Distance-Nationalismus jener Leute, die in anderen Ländern leben und sich selbst als nicht völlig akzeptierte Minderheit fühlen. Das versuchen sie oft zu kompensieren durch den Stolz auf das Land, aus dem sie kommen. Durch die Massenkommunikation ist das viel leichter geworden. Man kann "heimisches" Radio hören, DVDs sehen, telefonieren, mit billigen Flügen Besuche machen und so weiter. Das bringt ein Bild des Herkunftslandes mit sich, das sie emotional oft mehr interessiert als das Land, in dem sie leben. Es gibt viele Beispiele dafür in Kanada, in Australien, in England, in Asien.

Wie funktionieren solche Diasporagemeinschaften dann? Durch Abschottung? Sind das geschlossene Gruppen?

Es hängt davon ab, wie das jeweilige politische System funktioniert. Oft partizipieren diese Leute an der lokalen Politik und wissen gleichzeitig, dass sie keinen Einfluss auf nationaler Ebene haben. Das heißt, sie müssen Allianzen mit anderen lokalen Gruppen eingehen. So etwas findet man häufig, etwa in Kalifornien. Anders gesagt: Die Beteiligung an lokaler Politik holt sie raus aus den geschlossenen Gemeinschaften. Aber wenn die nationale Regierung zu viel Macht hat und die lokale zu wenig, dann passiert das genaue Gegenteil.

Kann die Differenz auch so beschrieben werden, dass der gängige Nationalismus große Einheiten, gemischte, heterogene Gruppen hervorbringt, der Diasporanationalismus hingegen eher homogene Milieus, Nischen?

Es gibt sicher viele Fälle, wo das zutrifft. Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Ich habe einen Freund in Australien, der Sikh ist. Er ist aus der lokalen Sikhcommunity ausgeschlossen, weil er weder langes Haar noch Turban trägt. Es ist schwer für ihn. Aber er sagt: Wenn er nach Indien fährt, kümmert sich niemand darum. Dort hat er keine Probleme. Die Sikhcommunity in Australien ist viel rigider, viel engstirniger als die ursprüngliche Sikhgemeinschaft in der Heimat. Das ist ein sehr gängiges Muster.

In Europa sind die Diasporagemeinschaften eher durch eine gebrochene, gespaltene Identität bestimmt.

Da muss man sehen, wie sich das bei den nachfolgenden Generationen verändert. Die zweite Generation mag noch eine gespaltene Identität haben, bei der dritten wird sich das verändern. Das wissen wir noch nicht.

Sie haben geschrieben, Sie seien der Einzige, der über die Nation schreibt, ohne schlecht von ihr zu denken. Ist dieser Long-Distance-Nationalismus, also einer aus der Ferne, nun etwas, das sie begrüßen?

Man muss zwischen Mehrheits- und Minderheitsnationalismus unterscheiden. Das Positive am Nationalismus ist: Du folgst den Gesetzen, weil es deine Gesetze sind. Du musst dazu nicht aufgefordert werden. Der Grund, warum du es tust, ist, dass du zu dieser Gemeinschaft gehörst und es deine Pflicht ist. Und das lässt sich natürlich viel schwerer aufrechterhalten, wenn jemand hunderte oder tausende Kilometer entfernt ist. Sehr wichtig für den Charakter des Diasporanationalismus ist die Art des Mehrheitsnationalismus. Denken Sie etwa an die niederländische oder die französische Zurückweisung der europäischen Verfassung. Die Leute denken, dass ihre Politiker sich nicht ausreichend auf die nationale Gemeinschaft beziehen, dass sie sich nur auf Brüssel beziehen und die nationale Identität sekundär wird. Es ist aber sehr schwer, eine tiefe Loyalität zu Europa als solches zu haben: Es ist zu groß, es ist zu kompliziert, und es ist zu undemokratisch. Die Nation ist meiner Meinung nach die größte Einheit, die noch gewisse demokratische Formen haben kann.

Und was kennzeichnet den Minderheitsnationalismus?

Der entscheidende Unterschied ist die Abwesenheit von Verantwortung. Diese Leute wollen oft in ihren Herkunftsländern politisch partizipieren, aber sie müssen sich nicht an deren Gesetze halten, sie müssen keine Steuern zahlen, sie sind gewissermaßen eigenständig Handelnde. Personen, die solche Long-Distance-Politik betreiben, müssen also nicht die Verantwortung für deren Folgen übernehmen. Sie können glücklich anderswo sitzen und dies und jenes fordern. Und sie können manchmal einen Einfluss gewinnen, der etwas besorgniserregend ist.

Aber muss diese Diasporasituation notwendigerweise zu solch einer Radikalisierung führen?

Nein, unter bestimmten Bedingungen kann es auch progressive Diasporagemeinschaften geben. Etwa die Filipinos in den USA, die dort permanent leben und sich sehr in der Anti-Marcos-Bewegung engagiert haben. Das Problem ist aber meistens, dass Leute, die anderswo leben, nicht genau verstehen, was in ihren Herkunftsländern vor sich geht. Es ist leicht für sie, durch Träume zu leben - ohne das Korrektiv der tagtäglichen Erfahrung.

Wobei es schwer zu sagen ist, was fortschrittlich ist. In den Niederlanden überlegt man die Einrichtung islamischer Krankenhäuser. Wie würden Sie das einschätzen: Ist das nun fortschrittlich oder nicht?

Was soll es genau bedeuten? Heißt das, die Ärzte müssen Muslime sein oder nur die Patienten?

Es heißt, die Patienten werden nach islamischen Vorschriften behandelt, vor allem was das Geschlecht des gesamten Pflegepersonals betrifft.

Das klingt nicht sehr gut. Aber auf der anderen Seite gab es etwa jüdische Spitäler in den USA, die nur für Juden bestimmt waren. Anfänglich waren sie sehr ausschließend, aber mit der Zeit wurden sie offener und integrierten sich mehr in die Gesellschaft. Ich glaube allgemein, die Leute haben die falsche Erwartung, dass solche Integrationen schnell stattfinden. Aber ich denke andererseits, dass es nicht möglich ist, an einem Ort wie etwa Deutschland drei Generationen lang zu leben und so zu bleiben, wie die Großeltern ursprünglich waren. Die Kraft der modernen Gesellschaft ist zu stark. Man sollte also diese Art von Spitälern nicht ablehnen. Es ist besser, flexibel zu sein und zu sagen: Wir werden sehen. Ein Freund, der kroatische Familien in Australien erforscht, zeigt auf, dass die alte Generation sehr rechts, sehr abgeschlossen und engstirnig ist, die Kinder aber, die australische Schulen besuchen, sehr zerrissen sind. Das erzeugt sehr oft einen Bruch in der Familie. Die Kinder wollen Australier sein, während die Alten nostalgisch von ihrem Führer Ante Pavelic schwärmen. Das Drama spielt sich oft innerhalb der Familien ab.

INTERVIEW: ISOLDE CHARIM

 
05. 08. 2007

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