Doku

Schultzes Hündin

Während des Eichmann-Prozesses erlebte Israel eine Welle pornografischer Groschenromane, die in deutschen Lagern spielten. Eine Doku hat die "Stalags" wiederentdeckt.

Sexuelle Aufladung: Cover eines "Stalag"-Heftes, die in den Sechzigern in Israel zu Hunderttausenden verkauft wurden  Bild: promo

Im Jahr 1962 erschien auf dem Titel von Uri Avnerys politischem Boulevardmagazin Haolam Hase (Diese Welt) eine illustrierte Reportage vom Berufungsverfahren im Eichmann-Prozess. Auf der letzten Seite, die für bunte Skandalgeschichten und Klatsch reserviert war, wurde über einen anderen Prozess berichtet. Ein israelisches Gericht hatte den Vertrieb eines Taschenbuchs mit dem Titel "Ich war Oberst Schultzes Hündin" wegen seines angeblich antisemitischen und pornografischen Inhalts verboten. Das Buch handelt davon, wie ein SS-Offizier eine französische Insassin eines Gefangenenlagers foltert, die ihm eine Ohrfeige gegeben hat. Ein Reporter beschrieb es als "das schrecklichste Buch, das jemals auf Hebräisch erschienen ist". Der Prozess ereignete sich auf dem Höhepunkt der Welle der sogenannten Stalag-Romane, die parallel zum Eichmann-Prozess das Land erfasst hatte. Hunderte dieser Groschenromane wurden in hohen Auflagen an Kiosken im ganzen Land verkauft.

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Der israelische Dokumentarfilm "Stalags - Holocaust und Pornografie" von Ari Libsker widmet sich jetzt erstmals ausführlich diesem Phänomen. "Stalag 13" war das erste Buch, das 1961 dem Genre seinen Namen gab (und selbst von Billy Wilders Film "Stalag 17" von 1953 inspiriert war). Sein unerwarteter Erfolg provozierte die serielle Produktion von Stalag-Geschichten, deren Plot im Großen und Ganzen immer derselbe war: Ein alliierter Soldat, meist ein amerikanischer Pilot, wird gefangen genommen und in einem deutschen Stammlager interniert, das von sadistischen weiblichen SS-Offizieren regiert wird. Der Gefangene wird gedemütigt, sexuell missbraucht und vergewaltigt. Doch die Geschichte nimmt ein gutes Ende: Der Soldat kann sich befreien und ist nun selbst derjenige, der die SS-Frauen sexuell ausbeutet und bestraft.

Die Illustrationen auf den Covern waren Adaptionen aus amerikanischer Pulpliteratur. Die Autoren waren allesamt Israelis, schrieben aber unter englischen Pseudonymen wie Mike Baden, Archie Berman oder Mike Longshot, die gleichzeitig die Helden der Geschichten waren. Die meisten von ihnen hatten, wie der Film nun aufdeckt, eine direkte oder indirekte Verbindung zum Holocaust. Viele waren Kinder von Eltern, die im Schatten des Traumas lebten. Entweder waren die Eltern Überlebende der Lager, oder sie hatten dort ihre Familien verloren.

Anfang der Sechziger waren ungefähr die Hälfte aller Israelis Überlebende des Holocausts. Der Zweite Weltkrieg war noch präsent, und die Kluft zwischen den Isarelis, die ihn und die Lager erlebt hatten, und denen, die während des Krieges in Palästina gelebt hatten, war nicht zu überbrücken. Über den Holocaust wurde fast nicht gesprochen. Informationen waren rar, und Überlebende wurden oft mit Arroganz und Ignoranz behandelt. Der Eichmann-Prozess setzte nun aber den Holocaust auf die Agenda. Er war von Ben Gurion als öffentliche Veranstaltung mit didaktischem Charakter geplant worden, der im Zuge der Verhandlungen über die Wiedergutmachung auch zeigen sollte, dass es einen Unterschied zwischen den Nazis und den Deutschen gab. Er entwickelte sich aber zu einer Form der Gruppentherapie für das ganze Land, zum ersten Mal waren die schwer erträglichen Berichte von Überlebenden zu sehen, zu hören und zu lesen. Täglich erschienen in allen israelischen Medien Berichte.

Im Schatten dieses Verfahrens blühte das Stalag-Genre auf. Es brach ein doppeltes Tabu, indem es einerseits auf trivialisierende Weise den Holocaust berührte, wenn auch nur indirekt: Seine Geschichten spielten in Gefangenenlagern, nur selten in Konzentrationslagern. Andererseits führten die Romane Pornografie für ein größeres Publikum in einem puritanischen Land ein. Die immer wiederkehrenden bürokratisch-grauen und dennoch sadistischen Charaktere der Lagerkommandanten wurden Adolf Eichmann nachempfunden. Weitere Personen, die die Fantasie der produktiven Autoren beflügelten, waren Ilse Koch, die "Hexe von Buchenwald", die sadistische Oberaufseherin in Auschwitz-Birkenau Irma Grese - und Leni Riefenstahl.

"Wir kehrten die Figur der unterworfenen, vergewaltigten Frau um. Wir machten sie zur Herrscherin, gaben ihr Sklaven, nämlich Piloten und Offiziere, die zu Würmern wurden", sagt der Herausgeber der ersten Reihe von Stalags, Esra Narkiss, mit verstohlenem Stolz über diese Subversion der herkömmlichen Rollen. Der Historiker Omer Bartov beschreibt im Film, dass Anfang der Sechziger in Israel eine schwer erträgliche Atmosphäre der Verdrängung herrschte. Man kann sich leicht vorstellen, dass im noch im Aufbau befindlichen, sich als sozialistisch verstehenden Staat die Stalags eine befreiende Wirkung hatten, sowohl in sexueller Hinsicht als auch in Bezug auf bis dahin unausgesprochene Traumata.

In den Stalags brachen sich Fantasien der Ermächtigung und eines glücklichen Endes Bahn, die über die Realität der Massenvernichtung triumphierten. Einer der Vorwürfe gegen die Überlebenden lautete, sie seien wie Schafe zur Schlachtbank gegangen. In gewisser Hinsicht bedienten die Stalags auf ihre Weise auch ein zionistisches Narrativ: Juden waren der zionistischen Lehre zufolge schon immer verfolgt und ermordet worden, weil sie nicht in ihrem eigenen Staat lebten. Man kann daher den vergewaltigten und erniedrigten amerikanischen Piloten der Stalags als Platzhalter für den in der Diaspora lebenden Juden begreifen. Es ist außerdem ein bekanntes Phänomen, dass Opfer sich manchmal mit Tätern identifizieren und diese Identifikation auch sexuell aufgeladen werden kann.

Im Film sprechen Stalag-Autoren erstmals über das inzwischen selbst verdrängte Popphänomen. Obwohl hunderttausende von Kopien einzelner Romane zwischen 1961 und 1963 verkauft wurden, wollte die israelische Gesellschaft nicht gerne an die Stalags erinnert werden. Insofern betreibt der aktuelle Dokumentarfilm geradezu Aufklärungsarbeit.

Doch die Filmdoku versteht die Stalags letztlich nur als Anlass, über die "bizarre Art" der Vermittlung des Holocausts in Israel heute nachzudenken, und das ist auch seine formale wie konzeptionelle Schwäche. Einen immer noch kanonisierten Vorläufer der Stalags erkennt Filmemacher Ari Libsker nämlich in K. Zetnik. Unter diesem Pseudonym schrieb Jechiel Feiner-Dinur, der während seiner dramatischen Aussage im Eichmann-Prozess, in der er Auschwitz poetisch als anderen Planeten beschrieb, in Ohnmacht fiel. Bereits wenige Monate nach seiner Befreiung aus Auschwitz-Birkenau hatte er den Roman "Salamandra" über die Lager geschrieben, der bis heute zum Schulstoff gehört.

Libsker überschätzt allerdings den Einfluss K. Zetniks. Von seriösen Forschern war er immer schon eines pornografischen Einschlags bezichtigt worden. Außerdem stellt er heute auch keineswegs die zentralen Texte im Curriculum israelischer Schulen, wie Libsker befürchtet. Sein erstes Buch steht hier neben Werken von Levi, Semprun, Kertesz, Celan und Appelfeld, außerdem wird in den Schulen heute explizit die Frage der Repräsentation des Holocausts behandelt.

Dennoch berührt Libskers Film die diskussionswürdige Frage, wie noch heute jungen Leuten von schlecht informierten Lehrern der Holocaust vermittelt wird. Libsker zeigt etwa israelische Schulklassen in Auschwitz, deren Lehrerin mit einem gewissen Genuss am Horror von "hübschen jüdischen Frauen" spricht, die im sogenannten "Vergnügungsblock" angeblich deutschen SS-Leuten und Soldaten als "Feldhuren" zur Verfügung standen, von denen K. Zetniks späteres Buch "Puppenhaus" erzähle. Jüdische Prostituierte seien bestenfalls Ausnahmen gewesen, kritisiert Libskers Kronzeugin, die Schriftstellerin Ruth Bondie, diese weitverbreitete Idee. Sie wirft dem Mythos der jüdischen Lagerprostituierten vor, den alltäglichen Terror, dem die weiblichen Insassen der Lager etwa als Mütter ausgesetzt waren, zugunsten einer grellen Kolportage in den Hintergrund zu drängen.

Libsker versucht diese Vulgarisierung des Holocausts und der Gier nach Schockierendem mit dem Phänomen der Stalags in Verbindung zu setzen. Doch die Stalags sind gerade ein Beweis dafür, dass sich das Problem der Verbindung zwischen Pornografie und Nazismus nicht so einfach lösen lässt. In den Siebzigerjahren untersuchten einige italienische Kunstfilme die explizit sadistischen Aspekte von Nationalsozialismus und Faschismus, darunter Viscontis "Die Verdammten", Cavanis "Nachtportier" und vor allem Pasolinis "Die 120 Tage von Sodom". Die Regisseure erfassten damals die sexuelle Aufladung der Macht und die unvermeidlich theatralische Dimension der faschistischen Gesellschaft. Von Adorno stammt das Diktum, der Komplex der industriellen Massenvernichtung habe in den Lagern triumphiert. Genau diese Sicht habe die psychoanalytische Analyse der Täter, die in solchen Filmen aufscheint, belanglos gemacht, argumentiert Klaus Theweleit in seinem Buch "Deutschlandfilme". So sei die Theorie elegant das "Gewalt-/Genussproblem" losgeworden. Dabei schließe die industrielle Form des Lagersystems die sadistische Betätigung Einzelner nicht aus, beide ergänzten sich vielmehr.

Für die Opfer und ihre Nachkommen stellte sich diese akademische Frage gar nicht erst, weil sie vor allem den sadistischen Aspekt der Vernichtungslager erlebten. Auch in der stets nüchternen Beschreibung von Primo Levi nimmt die überflüssige, exzessive Gewalt, die Inszenierung der sinnlosen Rituale der Ordnung breiten Raum ein. Beide sind für Levi gerade nicht Ergebnis der sadistischen Neigungen Einzelner, sondern integraler, wenn nicht sogar wesentlicher Teil des Vernichtungsapparats, der in erster Linie auf Erniedrigung und Entmenschlichung abzielte. So grell, vulgär und respektlos die Stalag-Romane auch gewesen sein mögen - sie durchbrachen das Schweigen derer, die den Lagern entkommen waren. Die Kinder der Überlebende, die die tägliche Präsenz eines willkürlichen Todes und die ständige Todesangst ihrer Eltern gespürt hatten, machten diese Erfahrung öffentlich. Die Stalag-Autoren zogen intuitiv die Verbindung zwischen Sex, Sadismus und der Inszenierung der Gewalt im faschistischen Projekt. Libskers Film deckt diesen Zusammenhang zwar auf, aber seine moralische Positionierung gegen eine schädliche Pornografisierung des Holocausts verliert ihn letztendlich wieder aus dem Blick.

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Ari Libsker: "Stalags - Holocaust and Pornography in Israel". Israel 2007, 60 Min.http://www.stalags.com/</typohead>

 

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