„Heute gilt: Fake is real“

PORTRÄT Der rumänische Choreograf Mihai Mihalcea ist an der Kuration des „Good Guys Only Win in Movies“-Festivals im HAU beteiligt – als „Farid Fairuz“ kann man ihn dort bei der Performance „Realia“ erleben. Zwei Interviews

INTERVIEW ASTRID KAMINSKI

taz: Herr Fairuz, Sie sind vier Jahre alt. Sie haben sich selbst erschaffen. Wie?

Farid Fairuz: Das kam, wie alles bei mir, sehr intuitiv. Eines Abends gab es eine Doku über fünf „Gipsy-Witches“ im Fernseher, die in einem Ritual versuchten, dem Parlament den Teufel auszutreiben. Dieses Spiel mit Magie – dieser Zustand des Deliriums in der Öffentlichkeit – hat mich beeindruckt. Ich schuf das Stück „Farewell!“ mit fünf Tänzerinnen, in dem auch ich als Farid Fairuz meine erste Rolle bekam. Als ich dann die Leitung des Nationalen Tanzzentrums abgab, um mich wieder ganz der Kunst zu widmen, hatte ich das Gefühl, dass mein Geburtsname Mihai Mihalcea inzwischen zu sehr mit dem Direktorenjob verwachsen war. Seitdem ist Fairuz zu meiner Künstlerexistenz geworden.

Sie haben in einer Performance Geld für eine „Mosque for National Redemption“ in Bukarest gesammelt. Ist Fairuz Muslim?

„Ich bin geil geboren, aber christlich-orthodox getauft“, so beginnt mein Berliner Stück „Realia“.

Keine klassische Muslimbiografie.

Für die Moschee habe ich aufgrund des Kirchenbauwahns in Bukarest gesammelt. Es geht nur noch um Kirchen. Nun soll für was weiß ich wie viel Millionen die „Cathedral of National Redemption“ gebaut werden.

Ihr Nachname lässt an die libanesische Gesangsgöttin Fairouz denken.

Ich wollte einen großen arabischen Namen, irgendetwas, was mich aus den engen Zusammenhängen hier herausreißt. Und gleichzeitig wollte ich eine Kunstfigur schaffen. Heute gilt: Fake is real.

Apropos real: Mihai Mihalcea, Sie co-kuratieren in Berlin das Festival „Good Guys Only Win in Movies“. Es soll um künstlerische Positionen aus Chisinau, der Hauptstadt Moldawiens, und Bukarest gehen. Auch der jetzige Premier Rumäniens und wahrscheinlich Präsident in spe hat es sich ins Programm geschrieben, sein Land mit der Republik Moldawien zu vereinen.

■ Mihai Mihalcea kam kurz nach der Wende als Tänzer für die Komische Oper nach Berlin. Berlin erlebte er als abweisend, wie er sagt. Zwei Jahre später ging er nach Bukarest zurück und begann, zeitgenössische Performances zu entwickeln. 2004 wurde er dort zum Direktor des von ihm mitbegründeten Nationalen Tanzzentrum gewählt. Seit 2012 arbeitet er wieder freischaffend. Zu seinen derzeit meistgefragten Ziehkindern zählt der schamanistisch-queere Performer Farid Fairuz, der sich mit „Hypocrisy Hardcore Entertainment“ einen Namen gemacht hat. Er wird im Rahmen des von Mihalcea mitkuratierten Festivals „Good Guys Only Win In Movies“ am Berliner HAU mit „Realia“ (7. + 8. 11.) zu Gast sein.

Mihai Mihalcea: Sie bringen mich zum Lachen.

Immerhin gibt es Gemeinsamkeiten zwischen den Orten: die Sprache, der Glaube an die Orthodoxie …

… die Korruption. Für mich geht es aber beim Festival nicht in erster Linie um einen Vergleich Chisinau-Bukarest, sondern darum, ein Angebot aus den jeweiligen Städten zu präsentieren. Mich Co-Kurator zu nennen wäre übrigens prätentiös. Vielmehr habe ich dem HAU-Team geholfen bei der Auswahl der Künstler aus Bukarest.

Lassen Sie uns über die Unterschiede sprechen: Bukarest hat eine Tanzszene, in Chisinau dagegen gibt es die Theatermacherin Nicoleta Esinencu und ihr Team, danach lange Zeit nichts. Das ist zumindest mein Eindruck nach acht Tagen vor Ort.

Ja, wir haben hier inzwischen ein paar Locations für den Tanz. ZONA D, das WASP und das Nationale Tanzzentrum – Letzteres eine geradezu absurde Besonderheit in Europa.

Wie kam es dazu?

Der Kulturminister rief eines Tages an. Er hatte 17.000 Euro übrig und wollte damit etwas „ganz Großes“ für den Tanz tun.

Gute Idee, aber ziemlich wenig Geld.

Wir haben jahrelang darauf hingearbeitet, bevor er auf diese Idee kam. Auf den Plakaten von Cosmin Manolescu stand beispielsweise: „Diese Produktion wurde nicht vom Kulturministerium gefördert.“ Ich habe vor einer Europatour eine Pressekonferenz einberufen, auf der ich bekannt gab, dass ich mit einem nicht geprobten Stück toure. Irgendwann kam das an und damit das Angebot. Ein unrealistischer Betrag. Trotzdem haben wir uns letztlich entschieden, es als Ausgangsbasis zu nutzen.

Die Szene eroberte dann 3.000 Quadratmeter im Nationaltheater – mit Bühne, Studios, Mediathek und von einer unabhängigen Jury vergebenen Produktionsgeldern. Sie wurden der gewählte Direktor.

Es gab noch unzählige Coups bis dahin. Ein Beispiel: Im Zuge des EU-Prozesses kam 2003 der französische Kulturminister auf Besuch. Er wollte einen Abend mit zeitgenössischem Tanz sehen. Wir willigten ein, bestanden aber darauf, nach den Vorstellungen einen Brief zu verlesen. Darin gaben wir die Herkunft der Produktionsgelder bekannt. Das ganze Geld kam aus dem Ausland. Die Presse machte daraus einen Skandal. Er hat den Leiter des Institut Francais, der uns spontan bei der Übersetzung half, seinen Job gekostet. Auch uns wurde in der Folge der Zugang zum Institut verweigert. Man wollte keinen diplomatischen Konflikt. Und das ist nur ein Teil der rumänischen Tanzgeschichte.

Inzwischen haben Sie die Räumlichkeiten gegen kleinere eintauschen müssen.

Eine Folge des letzten Regierungswechsels … eines Tages werden wir das alles aufschreiben.