Hol die Gurke!

FUTTER Chappi oder Pedigree? Dafür mussten Tiere sterben. Vegane Hunde wählen Canigourmet Wuff

Vengeance wirkt geheimnisvoll. Sie ist groß, schlank und bewegt sich elegant. Ihr Blick ist scheu und gleichzeitig erhaben, die Augen sehen apathisch aus. Psychisch ist sie etwas labil. Der Grund dafür liegt irgendwo in ihrer spanischen Vergangenheit.

Und Vengeance lebt streng vegan. Sie tut das wohl nicht aus Tierliebe, sie ist ja selbst eines, und dürfte insofern über ethische Fragen nicht allzu viel nachdenken. Ihr Herrchen ist Veganer. Darum isst Vengeance heute kein Fleisch mehr, und auch sonst nichts, was von einem anderen Tier stammt, sondern Karotten, Zucchini und Erbsen.

Früher nämlich lief die Windhündin Rennen. Pfeilschnell war sie, bis sie eines Tages humpelte. Sie wird aussortiert, Karriere vorbei – Tötungsstation. Doch dann hat sie noch mal Glück: Vengeance wird von einer Tierorganisation nach Deutschland vermittelt, an Ralf Kalkowski.

Seit fünf Jahren betreibt Kalkowski, 32 Jahre alt, zusammen mit seiner Geschäftspartnerin das „Vegan Wonderland“: Ein Online-Versand, mit veganen Lebensmitteln, Körperpflege, Klamotten und Verhütungsmitteln. Täglich verpacken und verschicken Kalkowski und seine Mitarbeiter um die 150 Pakete. „Das Ganze läuft so gut, dass wir im Februar den deutschlandweit ersten veganen Supermarkt mit veganem Café eröffnet haben“, erzählt er.

Kalkowski geht über den gepflasterten Hof seines Lagers, ein kleines Holzhaus mitten im Gewerbegebiet Oestrich in Dortmund. Hier lebt er auch, in der Wohnung darüber, zusammen mit Vengeance und D-Beat, seinem anderen Windhund. Der ist ein richtiger Draufgängertyp mit hellem Fell, hellen Augen und portugiesischer Herkunft.

D-Beat ist ein ganzes Stück kleiner als die schwarze Vengeance. Dafür bellt er öfter und lauter, wenn am Zaun Leute vorbeilaufen. „Er ist der Manta-Fahrer unter den Hunden“, sagt Kalkowski.

Die Türe zur riesigen Lagerhalle ist offen, Kalkowski geht rein, D-Beat und Vengance traben hinter ihm her. Drinnen reihen sich Regale mit Gewürzen, Schokolade, Reis, Müsli und Reinigungsmitteln. Natürlich gibt es auch Soja und Tofu in allen erdenklichen Varianten. An der Wand hängt eine gerahmte Urkunde, „Kollege Hund 2009“ steht darauf. „Das war eine Aktion vom Deutschen Tierschutzbund“, sagt Kalkowski. Unternehmen waren aufgerufen, sich für mehr Toleranz gegenüber Hunden und ihren Haltern am Arbeitsplatz einzusetzen.

Dinkel und Zucchini

Kalkowski holt zwei Aluschalen aus einem Regal. Mit einem Ratsch zieht er die Deckel ab. D-Beat ist sofort da. Sein ganzer Körper wackelt, die Knochen der Wirbelsäule ziehen sich schlangenförmig über seinen Rücken. Kalkowski stellt die Schalen auf den Boden. Jetzt kommt auch Vengeance zwischen den Regalen hervor. Ein vertrautes Bild: Zwei Hunde fressen schmatzend aus Aluschalen glibberiges Hundefutter. Mit den Pfoten schieben sie die leichten Behälter hin und her, nach ein paar Schubsern sind die Schalen komplett leer geschleckt.

■  Kaufen: Der deutschlandweit erste vegane Supermarkt ist in Dortmund. Seit Februar 2011 gibt es dort über 1.800 vegane Produkte zu kaufen: Süßkram, Kosmetik, Kleidung, Bücher und natürlich Fleischersatz. www.vegilicious-shop.de

■  Fressen: Die Sprecherin des Deutschen Tierschutzbundes in Bonn, Marion Dudla, sieht die vegane Ernährung von Hunden kritisch: Studien hätten zwar ergeben, dass es grundsätzlich möglich sei, einen Hund vegetarisch zu ernähren. Er sei aber nun mal ein Carnivore, also ein fleischfressendes Tier, und kein Omnivore, ein Allesfresser. Einige Tierärzte und veterinärmedizinische Universitäten bieten Beratungsgespräche zur veganen Fütterung an. Das Institut für Tierernährung an der Freien Universität Berlin hat dazu sogar eine Telefon-Hotline eingerichtet: 01 75-5 81 36 67

D-Beat schaut fragend nach oben. Das war’s ja wohl noch nicht? Doch, das war’s. Der Deckel des Hundefutters liegt neben den leeren Schalen, rechts unten ist darauf ein gescheckter Hundekopf abgebildet, daneben steht: Vegetarische Bröckchen, 100 Prozent Bio.

Seit über fünf Jahren ernährt Kalkowski seine beiden Hunde rein vegan. „Warum sollte ich einen Hund retten, wenn ich ihn dann mit anderen Tieren füttere? Die extra getötet werden müssen, um in Dosen als Fraß zu enden?“, sagt Kalkowski. Er lebt selbst seit etlichen Jahren vegan, verzichtet auf alle Produkte mit tierischen Inhaltsstoffen, aus ethischen Gründen. Gemüse, Pflanzenmilch und Sojaprodukte könnten für alle Menschen unbegrenzt angebaut werden, sagt Kalkowski. Der Konsum von Tierfleisch gehe jedoch auf Kosten von Mensch, Tier und Umwelt. Für ihn ist es daher ein konsequenter Schritt, auch seine Hunde vegan zu ernähren. So bekommen sie heute Soja, Erbsen, Karotten und Liebstöckel.

Doch sind der kecke D-Beat und die eigenwillige Vengeance nicht von Natur aus Fleischfresser? Werden sie von „biologischen vegetarischen Bröckchen“ satt? Ist das überhaupt artgerecht? Kalkowski kennt diese Fragen. Er fährt mit der Hand über den rasierten Teil seines Irokesenkopfes. „Viele Leute denken, dass Hunde nur dann veganes Futter fressen, wenn sie komplett ausgehungert sind“, sagt Kalkowski. Bei Windhunden noch schneller, weil sie so schlank sind. „Oft bekomme ich zu hören, vegane Hundeernährung sei unnatürlich. Dabei sind in herkömmlichem Hundefutter oft Teile von Kühen oder Schweinen enthalten, die ja eigentlich gar nicht zu den Beutetieren von Hunden gehören. Das ist doch unnatürlich, oder?“

Eine verbreitete Meinung sei auch, dass vegane Hunde Mangelerscheinungen haben, sagt Kalkowski. Er wirft D-Beat einen Stofffußball zu. Die Ansicht hält er für Quatsch. Veganes Hundefutter werde schließlich zusammen mit Tierärzten entwickelt, es sei alles darin, was Hunde brauchen: Eiweiß, Kohlenhydrate, Fett, Mineralstoffe, Vitamine.

Klar, nach Mangelernährung sehen Vengeance und D-Beat nicht aus. Aber wer weiß schon, ob sie sich nicht hin und wieder an ein paar Ratten vergehen.

Kalkowski holt aus dem Regal eine Dose der Marke BioPur: Die vegetarische Wahl für den Hund mit Dinkel und Zucchini. Der Hersteller wirbt damit, dass seine Produkte weder Tiermehl, Gentechnik, Konservierungsmittel, Aromastoffe, Farb- oder Geschmacksstoffe enthalten. Eine Dose mit 420 Gramm kostet 2,79 Euro.

Einfach vorsetzen

Für die wahren Feinschmecker unter den Fiffis gibt es jedoch Hundewurst der Marke „Canigourmet Wuff“. Das Gegenstück für Katzen natürlich auch: „Feligourmet Schnurr“ oder „Feligourmet Miau.“ Canigourmets sehen aus wie die gute alte Lyoner in einer durchsichtigen Plastikhülle. Darin: Tofu mit Weizen und Lupineneiweiß. Kräftig im Aroma soll sie sein, die Wurst, mit zarter Rauchnote und einigen Stückchen geräuchertem Weizeneiweiß.

Und wie bringt man einen vierbeinigen Fleischfresser dazu, vegan zu werden? „Indem man es ihm einfach vorsetzt“, sagt Kalkowski und lacht, „alles eine Frage der Gewohnheit.“ Natürlich sei es aber von Tier zu Tier unterschiedlich, wie die neue Kost angenommen werde und wie viel Zeit der Körper brauche, um sich umzustellen.

Vengeance lehnt an Kalkowskis Bein. Es sieht aus, als hätte sie den hinteren Teil ihres Körpers um ihn geschlungen. Sie gähnt und zeigt dabei ihr Gebiss: Weiße scharfe Reißzähne. „Für die Zahnpflege sollte man Hunden auch Trockennahrung zufüttern“, sagt Kalkowski und zeigt auf riesige Säcke in der Ecke. Darin ist hauptsächlich Getreide, Pflanzliches Eiweis und Mineralstoffe. Einer der Säcke kostet 62 Euro. Vengeance und D-Beat verschlingen pro Woche zusammen etwa einen Sack.

„Allein für Hunde vertreiben wir im Online-Shop über 30 verschiedene Artikel“, sagt Kalkowski. Tendenz steigend. Im letzten Jahr habe sich die Nachfrage nach veganem Katzen- und Hundefutter verdoppelt. „Auf den meisten Verpackungen steht trotzdem vegetarisch drauf, weil die Leute damit eher etwas anfangen können“, sagt Kalkowski. „Vegan, das ist für viele noch zu exotisch.“ Für Vengeance und D-Beat gilt das wohl nicht mehr.