„Politiker wollen einen nur aufessen“

INTERVIEW DAVID DENK

taz: Herr Grönemeyer, können Sie Ihren Reichtum genießen?

Herbert Grönemeyer: Ja, denke ich schon, zum Teil.

Ihr Engagement für Afrika ist also keine Art von Ablass?

Es ist doch so: Ich kann selbst meine luxuriösen Bedürfnisse befriedigen und es bleibt immer noch so viel Kapital, dass ich denke: Moment mal, damit könnte ich doch auch was Sinnvolles anstellen, und zwar nicht weil ich so edel bin, sondern weil ich daraus – ganz egoistisch – selbst viel mehr ziehen kann als aus einem neuen Auto. Dann ergibt das Geld auch Sinn.

Welche luxuriösen Bedürfnisse haben Sie denn?

Ich sammle Uhren.

Keine Swatch wahrscheinlich.

Nein, keine Swatch, eher teurere Modelle. Außerdem besitze ich ein Haus in Spanien, eins in Berlin und eins in England. Damit bin ich sicherlich extrem bestückt. Ich glaube nicht, dass ich ein überkandideltes Leben führe, aber ich gehe mit Geld manchmal ziemlich lässig um. Früher musste ich mir materielle Wünsche viel härter erkämpfen und empfand deswegen auch eine viel größere Befriedigung, als ich sie mir schließlich erfüllen konnte. Wenn Geld immer verfügbar ist, macht es einen auch ein bisschen bräsig. Früher hatte ich ein Paar Schuhe im Jahr und eine Lederhose und die anderen Sachen bekam ich von einem Freund meiner Eltern, bei dem wir uns abgelegte Klamotten aussuchen durften.

Wie viele Paar Schuhe haben Sie heute?

Vierzig.

Von denen man wahrscheinlich aber doch immer nur fünf trägt.

Stimmt. Die Schuhe, die ich heute trage, habe ich seit fünfzehn Jahren. Durch Tourneen und Videodrehs sammelt sich viel mehr an, als man braucht. Diese Überflusserfahrung hat mich auch zu der Überzeugung gebracht, dass man den Solidaritätszuschlag nach der Wiedervereinigung am besten zuerst bei den Reichen abgeholt hätte.

Hat die Diskussion um die Reichensteuer nicht gezeigt, dass man auf die Solidarität derjenigen, die es sich leisten könnten, nicht zählen sollte?

Ich halte dagegen: Wenn man die Verwendung der Reichensteuer präziser definieren würde, wäre die Bereitschaft wesentlich größer, sie zu zahlen.

Sicher?

Ja. Das müsste man einfach mal ausprobieren. Man muss den Leuten ganz genau sagen, wo ihr Geld hingeht, wofür es benutzt wird. Dann nimmt man sie ernst und ihre Bereitschaft wächst. Da glaube ich fest dran.

Gehen Sie da nicht zu sehr von sich selbst aus?

Ich verstehe einfach nicht, warum das niemand ausprobiert. Ich glaube, die ganzen sozialen Spannungen der letzten fünfzehn Jahre hätten weitestgehend vermieden werden können, wenn man die Milliarden zuerst von den Großverdienern geholt und die Arbeiter entlastet hätte. Das hätte eine ungeheuer positive Signalwirkung gehabt – für alle, für ein Miteinander.

Sind Sie ein Träumer, Herr Grönemeyer?

Nein. In meinem Engagement bin ich calvinistisch: Ich schmeiße ja nicht gleich mein ganzes Geld auf den Tisch, sondern gebe es wohldosiert weiter.

Was hat Ihr Interesse an Afrika geweckt?

Eine Reise in den Kongo, nach Ruanda und Tansania vor drei Jahren. Alle hatten mir abgeraten, dahin zu fahren, besonders in den Kongo. Sie hielten mich für lebensmüde. Ich bin ja eigentlich auch nicht unbedingt Herbert Mutig, aber ich war einfach neugierig. Und auch wenn’s furchtbar religiös klingt: Als ich da angekommen bin, waren meine Ängste komplett weg. Ich begegnete Kindersoldaten, Aids-Witwen und Flüchtlingen – und habe mich dabei die ganze Zeit gefragt: Was ist das? Was siehst du hier? Was lernst du hier? Was bedeutet dir das? Für mich war das ungeheuer wichtig.

Warum?

Weil es mich zurückgebracht hat zu ganz elementaren Begriffen von Menschlichkeit. Man wird selber gespiegelt in seiner Blasiertheit. Wenn du ein Idiot bist, kriegste das direkt zu spüren. Dein ganzer westlicher Krampf wird dir gezeigt.

Klingt nach Selbsttherapie.

Du begreifst, was du dir in deinem Leben über Jahre an Mechanismen und Attitüden zugelegt hast. Und wie weit du dich dadurch vom wahren Leben entfernt hast. Du wirst mit einer ungeheuren Haltung, mit Stolz, Vitalität und Kraft konfrontiert – von Menschen, die unter Bedingungen leben, die du dir vorher nicht vorstellen konntest und für dein eigenes Leben sowieso nicht.

Haben Sie sich darüber mal mit anderen prominenten Afrika-Aktivisten ausgetauscht? Mit Bono? Bob Geldof?

Weder noch. Mit Bono zum Beispiel habe ich noch nie so zusammengesessen, dass Gelegenheit dazu gewesen wäre. Und mit Bob Geldof habe ich mich wegen des Live8-Konzerts gestritten, das ich für überflüssig hielt und immer noch halte. Aber man sollte sich davor hüten, zu sagen, dass jeder Reiche, der sich engagiert, gleich ein Zyniker ist, der ständig im Rampenlicht stehen will. Von Bono weiß ich, dass er sehr viel arbeitet für Afrika. Er ist wahnsinnig offensiv, geht nicht nur Politiker an, sondern auch Großunternehmen, und bewegt sich damit in völlig anderen Sphären als ich als deutschsprachiger Künstler. Er trägt Verantwortung – eine viel zu große, um alles nur für den Heiligenschein zu tun. Diese Annahme wäre zu billig.

Zurück zu Ihnen: Was wollen Sie mit Ihrem Engagement bewirken?

Das Ziel ist eine größere Gerechtigkeit auf der Welt. Dass es selbstverständlicher wird, sich mit Afrika zu beschäftigen, und man beginnt, Teile von dem, was man hat, an die Armen abzutreten und dies als Teil unseres Lebens zu verstehen – als Bereicherung. Dieses Bewusstsein in den Köpfen der Menschen zu verankern, ist ein langer, zäher Vorgang, aber allmählich bewegt sich was – nicht zuletzt durch „Deine Stimme gegen Armut“ …

Ihre Kampagne. Wie ist sie entstanden?

Vor dem G-8-Gipfel in Gleneagles hat mich die britische Initiative „Make Poverty History“ um Hilfe gebeten – aus Angst davor, dass Deutschland nicht mitzieht bei der Selbstverpflichtung der G-8-Staaten …

die unter anderem vorsieht, die Entwicklungshilfe bis 2010 zu verdoppeln.

Genau. Mit meiner kleinen Gruppe habe ich dann in Deutschland angefangen, sehr still und effizient Einfluss zu nehmen – ohne Politiker zu treffen. Für uns stand fest: So was machen wir nicht. Hinterher waren die Engländer völlig perplex, dass Deutschland die Selbstverpflichtung abgezeichnet hat. Damit hatte keiner gerechnet. Leider wurde das Agreement allerdings bis heute nicht in die Tat umgesetzt.

Warum treffen Sie keine Politiker?

Weil ich davon nichts halte. Für mich war Rockmusik immer gegen das Establishment, nie mit dem Establishment. Wie man vom Rockmusiker zum Sir werden kann, verstehe ich nicht. Ich könnte niemals auf dem Geburtstag der Queen spielen. Ich mache zwar Mainstream-Musik, aber meine Wurzeln verbieten mir, mit Angela Merkel Kaffee zu trinken. Dann wäre auch der letzte Hauch der Gefährlichkeit von Musik dahin.

Haben Frau Merkel oder frühere Bundeskanzler Sie schon mal eingeladen?

Schon öfter.

Und?

Ich habe dankend abgelehnt. Politiker machen das nur, um einen aufzuessen.

Das Zitat bleibt bitte drin.

Ja, das ist so. Die kommen aus einer ganz anderen Ecke und haben keinerlei Interesse, sich ernsthaft mit dir zu unterhalten. Für meine Kampagne gegen rechts, „Ich bin ein Ausländer“, habe ich mal den Fehler gemacht, Frau Süssmuth anzurufen …

die CDU-Politikerin und langjährige Bundestagspräsidentin …

… und zu fragen, ob sie das nicht mit unterschreiben will. Ihre Antwort: Sie sind doch der, der immer gegen die CDU gesungen hat. Deswegen mache ich das nicht. Seitdem bin ich mir voll und ganz sicher: Ich will mit Politikern nichts zu tun haben. Bisher sind wir damit gut gefahren – auch weil wir so unberechenbar bleiben. Wir wollen das ja mindestens bis 2015 machen und die müssen nicht unbedingt wissen, was wir vorhaben.

Ihre Antwort überrascht ein bisschen. Warum haben Sie sich dann für den Protest gegen den G-8-Gipfel in Heiligendamm nicht mit den Globalisierungskritikern von Attac zusammengetan, die ja der Politik ebenso misstrauen wie Sie?

Von England aus habe ich gar nicht wirklich mitgekriegt, was die so planen. Leider. Grundsätzlich hätte ich jedenfalls überhaupt kein Problem damit gehabt, mit Attac zusammenzuarbeiten.

Attac verdammt die G 8 als „Speerspitze der neoliberalen Globalisierung“. Teilen Sie diese Auffassung?

Ich glaube, dass die Politiker sich nicht in Heiligendamm treffen, um die Welt zu retten. Denen geht’s nur um ihre wirtschaftlichen Interessen. Das ist schon mal klipp und klar. Die entscheidende Frage für mich ist, welche Zugeständnisse an die Menschlichkeit man Ihnen als Alibi abringen kann.

Glauben Sie, dass Angela Merkel diese Alibihaftigkeit bewusst ist?

Die Zwänge, unter denen sie steht, sind ja immens. Deutschland ist nach wie vor einer der größten Waffenexporteure weltweit. Jeder Konflikt, jeder Krieg ist also im Interesse der deutschen Wirtschaft. Da kann Frau Merkel zehnmal Pfarrerstochter sein.

Wird die Selbstverpflichtung von Gleneagles eingehalten werden?

Die G-8-Staaten werden alles tun, um sich davor zu drücken. Das ist so klar wie Kloßbrühe. Die versprochene Aufstockung der Entwicklungshilfe um 50 Milliarden Dollar bis 2010 ist überhaupt noch nicht finanziert. Da gibt’s bis heute keine gemeinsame Lösung. Stattdessen flüchten sie sich in Taschenspielertricks, erlassen Schulden und rechnen sich das als Aufstockung des Etats an.

Ist Entwicklungshilfe überhaupt der richtige Weg? Wie stehen Sie zur These vom „Fluch der guten Tat“, wonach sie eher lähmt als Eigeninitiative zu fördern?

Da ist mit Sicherheit was dran. Klüger sind wohl Kleinkredite an Existenzgründer, an den Regierungen vorbei, die sich ja das Geld sonst häufig einstecken. Diese Kreditvergabe funktioniert unheimlich gut, weil sie die Eigeninitiative fördert. Deswegen bin ich übrigens auch gegen diesen ganzen Adoptionstourismus: Man darf trotz aller Hilfe die Leute nicht entmündigen, sondern muss ihnen Verantwortung zugestehen – eine schwer zu haltende Balance. Dazu hat die kenianische Friedensnobelpreisträgerin Wangari Muta Maathai mal eine schöne Geschichte erzählt: Als Kind ist sie immer zum Holzholen geschickt worden. Einen bestimmten Baum sollte sie dabei bloß nicht anrühren, obwohl er keine Früchte trug und ganz kahl dastand. Dann sind westliche Entwicklungshelfer ins Dorf gekommen und haben den vermeintlich nutzlosen Baum gefällt – der mit seinen Wurzeln das Grundwasser gehalten hatte. Nun war es weg. Die Entwicklungshelfer hatten die Einheimischen nicht mal gefragt.