Die Pforte auf der Rückseite an der Mauer

KUNST AM BAU Eine Klanginstallation erinnert an den Eingang zum Berliner Martin-Gropius-Bau bis 1989

Sommer in Berlin: An manchen Orten scheint die Stadt geradezu zu bersten vor Besucherströmen. Brandenburger Tor, Holocaust-Mahnmal, der Ausstellungspalast Martin-Gropius-Bau: Dazwischen ziehen geführte Reisegruppen im Minutentakt ihre Bahnen. Scharen von Rucksackträgern picknicken an der Bordsteinkante, erschöpft von Hitze und Informationen.

Ein Platz aber, von Bäumen gerahmt und steinernen Bänken, bleibt wenige Schritte entfernt meist leer: Er liegt auf der Rückseite des Martin-Gropius-Baus. An dessen Vorderseite mit einem giebelgekrönten Eingang lief die Berliner Mauer vorbei und trennte ihn bis 1989 vom Preußischen Landtag. So lange betrat man durch den rückwärtigen Eingang den backsteinernen Palast, in dem das Landesmuseum Berlinische Galerie seinen Anfang nahm. Als nach der Demontage der Mauer der alte Eingang wieder hergestellt wurde, verwaiste der Raum dahinter.

Alles ist dort mit Geschichte aufgeladen, die Künstler wollen kein weiteres symbolisches Zeichen setzen

Für ihn wurde ein Kunst-am-Bau-Wettbewerb ausgeschrieben. Den ersten Preis bekam ein ungewöhnlich zurückhaltender Vorschlag von dem Künstler-Duo Ina Geißler/Fabian Lippert. Denn dort, wo schon jeder der architektonischen Solitäre mit Geschichte aufgeladen ist, wo Museen, Gedenkstätten und Hinweistafeln das Bemühen, den Kontakt zur Vergangenheit zu halten, ausführlich bezeugen, wollten sie nicht noch ein symbolisches Zeichen setzen. Und entschieden sich für eine Klanginstallation: Ihr Konzept „Unterton“ sieht mehrere Klangschächte vor, die von Gullydeckeln abgeschlossen sind. Hämmerchen erzeugen unteridische Laute, ausgelöst von den Passanten. Das kann zwar, wie Ina Geißler beschreibt, als Hinweis auf das „urbane Unterbewusstsein“ verstanden werden, auf vergessene oder lange unterdrückte Geschichte. Schließlich wird auf dem nebenliegenden Gelände, in der Topographie des Terrors, in den Kellern der Geheimen Staatspolizei deren Vernichtungspolitik dokumentiert. Aber das drängt sich nicht auf.

Von den zehn eingeladenen Künstlern der zweiten Wettbewerbsstufe kamen auch Vorschläge, die konkreter an die Geschichte andocken wollten, mit Schriftbildern, die auf den Terror verweisen, oder Skulpturen, die sich auf die Zeit des Martin-Gropius-Baus als Kunstgewerbemuseum bezogen hätten. Dass sie dem so eindeutig Lesbaren nicht den Vorzug gegeben hat, spricht für den Mut der Jury. Die habe, sagte ihre Vorsitzende Söke Dinkla, viel darüber nachgedacht, wie sich die Wünsche an die Kunst im öffentlichen Raum verändern. Und hat dabei wohl erkannt, dass es eine Übersättigung von didaktisch argumentierenden Werken gibt.

Auch das Konzept von Stracke & Wakil & Seibt aus München, das den 2. Preis erhielt, hadert nicht mehr mit der Last der Vergangenheit. Sie wollten ein Rudel Hunde, aus Bronze, über den Platz streuen, schlafend, wachend, selbstvergessen. Und damit mitten in der Großstadt einen Raum markieren, der in seiner Nutzung nicht definiert ist. Das passt auch gut zu Berlin.