Blüten treiben im Niemandsland

ZWISCHENNUTZUNG Installationen, Bühnenbau, Konzerte, Film- und Theaterprojekte und künstlerische Workshops: Das Kooperationsprojekt „aller.ort“ lädt zum Mitmachen ein

Beim Hemelinger Stadtteilfest entlang der Godehardstraße ist eigentlich alles so wie immer. Zumindest fast. Normalerweise endet der Trubel am Platz des ehemaligen Schulgebäudes. Dieses Jahr verlängern zwei Stände das Fest zaghaft in Richtung Niemandsland, zur Industriebrache am Ende der Straße. Auf der grasbewachsenen Kleinhügellandschaft von 75.000 Quadratmetern gab es in den vergangenen acht Jahren nur vereinzelte Hundespaziergänger und das ein oder andere spielende Kind zu sehen. Jetzt ist das ehemalige Nordmende-Gelände einen Monat lang unter dem Namen „aller.ort“ zur überdimensionalen offenen Bühne für Kunst- und Kulturprojekte geworden.

Die Hauptinitiatoren des soziokulturellen Stadtteil-Projektes sind der Hemelinger Verein Schule 21, die Zwischenzeitzentrale und das Alsomirschmeckts!-Theater. Eine Spielwiese zur kulturellen Selbstentfaltung wollen die Akteure realisieren – möglichst frei von Vorgaben. „Wir wollten schauen, was man mit so einem Raum anfangen kann und was in diesem Stadtteil noch passieren kann“, sagt Katharina Neumann vom Alsomirschmeckts!-Theater. Mit einer Finanzspritze von 19.000 Euro haben die Arbeitnehmerkammer, das Hemelinger Bürgerhaus und weitere stadtteilbezogene Institutionen das Projekt finanziert. „Wir hoffen, dass Leute das unterschiedlich nutzen – egal ob sie zuschauen oder direkt mitmachen“, so Neumann.

„Die Kinder gehen da hin und fragen ganz offen. Erwachsene machen auch etwas, aber eher organisiert.“

Zehn Tage haben die Kulturschaffenden zum Zeitpunkt des Festes das weitläufige Areal beackert: Der Künstler Joachim Fischer lässt Schallplatten wie Blumen in Gruppierungen aus der Erde ragen. Es gibt eine „Pflanzenpflegestation“, bei der Pflanzen abgegeben, aber auch mitgenommen werden können. Andere Projekte sind noch im Werden. Ein großer Holzblock ist zu einer groben Skulptur gesägt, am Dünenhügel reißt die Künstlergruppe „Hemelinger Kunstnetz“ Stoff in Streifen und knüpft ein buntes, meterlanges Netz. Die 7-köpfige Gruppe will dazu einladen, Stoff oder andere Gegenstände mitzubringen und diese dort hinein zu knüpfen. „Das Projekt funktioniert auch wie ein Netz“, erklärt die Hemelinger Künstlerin Gabriele Hellwig. „Man schaut, was der andere macht und baut darauf auf. Da greift eines in das andere, und was kommt, das kommt.“ Auf eine Teilnahme zielen auch Dana Zdrzalek und Caroline Schwarz ab. Die beiden Künstlerinnen bieten einen Ton-Skulpturen-Workshop an. Den dafür benötigten Lehmofen bauen Sie gerade, direkt vor Ort. Auch das Herzstück der Brache, eine Bühne mit Getränkestand, ist noch im Entstehen. In Pippi-Langstrumpf-Manier zimmert der Künstler Andre Sassenroth mit einigen Alsomirschmeckts!-Theater- Künstlern die Bauten aus Holzresten zusammen. Auf der kann auftreten, wer will.

Etliche kostenlose Workshops, Konzerte und sonstige Veranstaltungen sind fest eingeplant: Die Erstellung eines Bühnenbilds, ein Theaterstück zum Stadtteil, einen Super 8 Workshop. Das Abschlussfest des Sommerferienprogramms wird auf der Brache stattfinden. Bereits der Aufbau und die Vorbereitung sind fester Bestandteil des Mitmachprojekts.

An diesem frühen Nachmittag schauen viele Fußgänger und Fahrradfahrer zwar interessiert zu, bleiben aber auf Distanz. „Ich würde mich freuen, wenn da Leben entsteht“, sagt Jens Dennhardt, SPD Politiker und Vorstand im Bürgerhaus Hemelingen. Bis jetzt habe er dort aber kaum Beteiligung gesehen. Der Hemelinger Quartiersmanager Jörn Hermening hat das anders beobachtet: „Es sind fast jeden Tag Kinder und Jugendliche da, die Lust haben mitanzupacken.“

Hermening ist vom Projekt begeistert: „‘Aller.ort‘ finde ich super, weil das die Innen- sowie Außenwahrnehmung von Hemelingen verändert. Hier kommen Leute her, die normalerweise nicht herkommen. Und Leute, die hier wohnen, können von derartigen Kulturveranstaltungen auch mal profitieren.“ Bei der hohen Armutsquote des Stadtteils sei der Weg in die Innenstadt für viele Bewohner eine Hürde. Dass vor allem Kinder und Jugendliche einen leichten Zugang zu dem großangelegten Kulturprojekt finden, sieht der Quartiersmanager in deren Unbedarftheit begründet: „Die gehen da hin und fragen ganz offen. Erwachsene machen auch etwas, aber eher organisiert.“ Laut Katharina Neumann können sich die Akteure aber auch über spontane Hilfsbereitschaft seitens der Erwachsenen nicht beklagen: „Wir hatten jetzt schon ein paar Leute da, die abends nach der Arbeit vorbeigeschaut haben. Da gab es zum Beispiel einen Dachdecker, der uns wahnsinnig unterstützt hat beim Bau der Bühne.“