Eine Hommage an Bård Owe, einen der profiliertesten Schauspieler Norwegens, ist Bent Hamers Film "O'Horten" über einen Lokomotivführer.von DIETMAR KAMMERER

Hat Norwegen nie verlassen: Odd Horten. Bild: ap/pandora
In den Kabinen der Zugführer dürfen keine Fahrgäste mitfahren. So lautet die Vorschrift. Vermutlich hat sich Odd Horten (Bård Owe) im fast gleichnamigen Film "O'Horten" deshalb nach mehr als vierzig Jahren in Diensten der norwegischen Eisenbahn den Umgang mit anderen Menschen abgewöhnt. Ein Singvogel hinter Käfigstäben ist sein einziger Mitbewohner. An freien Tagen besucht er seine greise Mutter im Pflegeheim, die schon lange alle Beziehungen zur Außenwelt abgebrochen hat.
Ein bisschen wundert man sich schon, wie dieser seltsame Horten zu seiner ledernen Lokomotivführer-Jacke gekommen ist. An gemeinsamen Trinkabenden mit Eisenbahner-Kollegen wirkt er nicht abweisend, aber deutlich abwesend. Die silberne Trophäe zur Pensionierung drückt er rasch einem anderen in die Hand. Statt Konversation zu betreiben oder am Pfeifton den Eisenbahntyp zu erkennen, steckt er sich lieber noch ein Pfeifchen an.
"Ich bin nur nüchtern, wenn ich trinke", gesteht im Lauf des Films einer, der sich als pensionierter Afrika-Diplomat vorstellt, in Wahrheit jedoch wohl der durchgeknallte Erfinder einer Maschine ist, die Menschen miteinander vernähen kann. Beides könnte als Motto über dem gesamten Film stehen. Das mit dem klaren Trunkensein und das mit den Menschen, die man manchmal dazu zwingen muss, einander über die sie trennende Leere in die Arme zu nehmen. Mit nüchternen Augen wird eine Abfolge mal skurriler, mal melancholischer Begegnungen erzählt, die sich wie von selbst einstellen, als Horten in Rente geht.
Er ist dabei, anders als sich das Klischee einen altgedienten Eisenbahner vorstellen mag, kein in die Freiheit entlassener Pedant. Kein Pappa ante Portas, der die Bürovorschriften mit nach Hause nimmt. Schon deshalb, weil sein Zuhause das eines Junggesellen ist, der gelernt hat, seine Hosen und Hemden selbst zu bügeln. Regisseur Bent Hamer inszeniert und Bård Owe spielt diesen Odd Horten mit einer Mischung aus altersweiser Abgeklärtheit und jugendlich-linkischem Ungeschick. Es steckt etwas von einem Monsieur Hulot in ihm, und das nicht nur, weil er wie jener ebenfalls ein passionierter Pfeifenraucher ist.
Wie Tatis Figur hat Horten ein Talent dafür, in absonderliche Situationen zu geraten, ganz alleine dadurch, dass er anwesend ist. Und wie Hulot bleibt er dabei in allen Umständen von geradezu stoischer Gelassenheit. Selbst in roten Stöckelschuhen auf dem eisglattem Straßenpflaster Oslos rutscht Horten nicht aus, sondern kann einem helfen, der gestürzt ist. Auf dem Flughafen, nach einer Odyssee durch Gänge, Sicherheitsschleusen und quer übers Rollfeld, verliert Horten seine Fassung auch dann nicht, als ein übereifriger Sicherheitsmann ihn zur Rektaluntersuchung bittet.
"O'Horten" ist bis an den Leinwandrand voll von solch locker aneinandergehäkelten Beinahe-Plots, Anekdoten, Begegnungen und szenischen Umwegen. Weniger ein Film als ein Album der Sonderbarkeiten in klirrender skandinavischer Winterkälte. Solche episodische Dramaturgie liefe leicht Gefahr, auseinanderzufallen, würde sich all das nicht um ein Zentrum gruppieren: um das Gesicht von Bård Owe.
Geboren 1936 in Norwegen, ist er schon lange einer der profiliertesten Schauspieler des Landes. 1964 spielt er in Carl Theodor Dreyers "Getrud" Erland Jansson, den jugendlichen Liebhaber der Titelheldin. Dreimal stand er für Lars von Trier vor der Kamera. "Horten" ist mehr als ein Film, der einem alternden Schauspieler eine Hauptrolle zuteilt. Es ist eine Liebeserklärung an Owe. Immer wieder zeigt die Kamera ihn in Großaufnahme, dann können wir in seinem Gesicht, das transparent und undurchdringlich zugleich ist, eine wache Neugierde lesen, auf seine Umwelt, aber auch auf sich selbst. Als würde er sich in all die absurden Situationen absichtsvoll deshalb versetzen, um etwas über sich selbst herauszufinden.
Horten, der in seinem Leben so viel gereist ist, hat Norwegen nie verlassen und ist mit seinen Einwohnern nie wirklich zusammengekommen. Aus der Isolation seiner Führerkabine entlassen, entwickelt er einen Hunger nach Begegnung, der ihm fremder ist als alles, was ihm widerfährt. Und am Ende wird er die Begegnung finden und die Reise antreten, die er immer gewollt hat. Ohne Lokomotivführer-Uniform.
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