Friede senkt sich nieder mit jedem weiteren Tag, an dem ein Türchen am Adventskalender aufgeht. Nur hat eigentlich niemand in Neuseeland einen Adventskalender ...von ANKE RICHTER
Friede senkt sich nieder mit jedem weiteren Tag, an dem ein Türchen am Adventskalender aufgeht. Nur hat eigentlich niemand in Neuseeland einen Adventskalender - wie auch Plätzchen backen, Kirchgang, Basteln und Kerzen anzünden generell in einem Land, das das Christfest am liebsten Würstchen grillend am Strand verbringt, eher zu kurz kommt. Daher hapert's wohl gerade in dieser Zeit auch etwas mit dem lieben Frieden.
Mitten in die verordnete Besinnlichkeit platzte die Schlagzeile, dass Neuseelands Schulen weltweit führend im Mobbing sind. Was ja eigentlich gar nicht stimmt, denn sie stehen unter 34 befragten Nationen nur an zweiter Stelle, gleich hinter Tunesien. Gefolgt von Australien und England. Am anderen Ende der Skala, noch vor allen skandinavischen Ländern, sonnt sich in mobbinglosem Glanz das Fleckchen Erde, dem man nichts anderes zugetraut hätte: Kasachstan. Dort werden die wenigsten Kinder auf dem Schulhof gepiesackt. Wenn das Borat wüsste.
Wie soll es auch in der Vorweihnachtszeit an neuseeländischen Schulen friedlich zugehen, wenn die lieben Kleinen von den Alten vorgelebt bekommen, wie man sich benimmt? Im Dezember reihen sich die Weihnachtsfeiern so nahtlos und ausgelassen aneinander, dass die Leber flennt, wenn das vierte Kerzchen brennt. "Betrunkene Idiotie", so beklagten sich vorige Woche öffentlich Gastronomen und Bedienungspersonal, sei alle Jahre wieder kaum zu ertragen.
Dass Firmen seit der Krise das Geld für große Sausen fehle, mache da keinen Unterschied: Gesoffen wird, bis die Engelchen singen und die Glocken klingen. Macht hoch die Tür und werft die Herren der Seligkeit raus? Das geht meist nach hinten los, berichten die leidgeprüften Restaurantbesitzer unisono. Die Liste der Ausschreitungen wird von Tag zu Tag länger: In Christchurchs Cartel Bar fragte ein zum Gehen aufgeforderter Adventszecher nach einem Glas Wasser, warf es auf den Boden, trat hinter den Tresen und schlug dem Barkeeper ins Gesicht. Im selben Etablissement übergab sich eine Frau in ein Cocktailglas, das sie dekorativ auf dem Tisch stehen ließ.
Weiter nördlich, im feinen Auckland, klauten zwei Kneipengäste den Rollstuhl eines anderen Besuchers, rasten damit durch die Innenstadt, zerstörten die Räder und nahmen das demolierte Gefährt quasi als vorzeitige Bescherung mit nach Hause. Im Großen und Ganzen, so kommentierte der Vizepräsident der Restaurant-Vereinigung die vorweihnachtlichen Vorkommnisse, halte sich aber alles im üblichen Rahmen. Bemerkenswert sei eigentlich nur die Maklerin in Queenstown gewesen, die beim Sex in der Bar-Toilette mit einem bekannten Grundstücksspekulanten überrascht wurde.
Und wie die Polizei vermeldete, ist auch bei den alljährlichen Santa-Paraden bisher nichts allzu Ungewöhnliches vorgefallen. Raufereien und Rüpeleien sind im Rahmen dieser karnevalesken Umzüge durchaus normal. Ungemütlich wird das Fest der Liebe nur in Extremfällen. Wie zum Beispiel 1991 in Kaikohe. Das ärmliche Provinzkaff machte damals weltweit Schlagzeilen: Der Weihnachtsmann wurde auf der Santa-Parade von Kindern angegriffen und geschlagen.
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