Weingummi-Teufel & Visionen

VON JOSEFA WITTENBORG

München, Fußgängerzone Marienplatz. Straßenmaler übertragen die Werke zeitgenössischer Künstler auf das Straßenpflaster. Sie nutzen die Mittel der madonnaría, der traditionellen Straßenmalerei, die in Italien den Weg katholischer Prozessionen mit Andachtsbildern schmückt, vorzugsweise mit Madonnenbildern. Eines der Bilder zeigt einen dreiflügeligen, aufgeklappten Spiegel, ähnlich wie ein Alibert. Der Spiegel spiegelt … nichts. Er trägt den Titel „Domenica“ – Sonntag. Meine frühere Klassenkameradin Beate hat das Original gemalt. Sie erinnert damit an die Triptychen in katholischen Kirchen, die nur sonntags aufgeklappt werden. Im Titel „Domenica“ klingt aber auch die Erinnerung an die prominente ehemalige Prostituierte Domenica Niehoff an. Der Spiegel reflektiert die gedanklichen Prozesse des Betrachters und ansonsten das Bild einer leeren Welt.

Mit Beate hatte ich einen gemeinsamen Schulweg. Sie fand mich doof, weil ich aussah wie ein Junge, und ich mochte Beate nicht, weil mir ihr Paisley-Anorak nicht gefiel. Aber durch den Weg zur Schule kamen wir ins Gespräch und freundeten uns sogar an. Sie konnte schon damals so gut zeichnen, dass es alle verblüffte. An den Wänden der Klassenräume im Paderborner Mädchengymnasium St. Michael hingen religiöse Motive. In den ersten Jahren saß ich neben einer Madonna mit nacktem Jesusknaben. Ich stiftete Beate an, dem Jesuskind mit Bleistift eine Unterhose zu zeichnen. Eine Aktion, die längst nicht alle gut fanden. Die Klassensprecherin stand auf und wies mit dem Finger auf das geschändete Bild. Die Lehrerin war geschockt. Mutter Liboria, die Schuldirektorin, rief am Wochenende bei uns an, als wir gerade beim Frühstück saßen. Meine Eltern waren ratlos. Sie verstanden die Aufregung nicht. Ich hatte mit einer harten Strafe gerechnet und fiel aus allen Wolken, weil meine Eltern sich nicht richtig echauffierten. Vielleicht fühlte ich mich dadurch ermuntert, weiterhin für Amüsement zu sorgen. Im Zeugniskopf stand unter Betragen: „Josefa stört im Unterricht.“

Butterbrotausgabe zwischen 15.30 und 17 Uhr“ verheißt das Schild an der Klosterpforte. Ich will kein Butterbrot. Ich möchte Schwester Leonie sprechen. Die Nonne an der Pforte kommt mir bekannt vor. Ist das nicht Schwester Theresia? Ja. Erdkunde und Englisch. Das muss 1970 gewesen sein. Schwester Theresia ruft Schwester Leonie per Telefon.

Schwester Leonie hört und sieht nicht mehr so gut, aber sie ist noch sehr agil mit ihren fast 85 Jahren. Mühelos schwebt sie in ihrer schwarzweißen Ordenstracht die Treppen zum Klostertrakt hinauf, führt mich in einen Raum mit Eichenparkett. Wir setzen uns auf ein olivgrün bezogenes Sofa. Ein freundliches, rundes Gesicht, rote Augenbrauen über einer dicken Brille, wachsame grüne Augen, helle, empfindliche Haut. Wir sprechen über die Gründerin ihres Ordens, die Kaufmannstochter Alix Le Clerc, geboren 1576 in Lothringen, gestorben 1622 in Nancy. Auf Weisung ihres jesuitischen Beichtvaters verfasste sie vier Jahre vor ihrem Tod die „Relation“, eine autobiografische Sammlung ihrer Visionen und Heimsuchungen.

1. Mit Scham beginne ich diesen Bericht über all die ungewöhnlichen Ereignisse, an die ich mich erinnere. Der Herr in seiner Güte hat sie mich erleben lassen, um mich – zum Wohl meiner Seele und meiner Berufung – vom Stand der Sünde und Nichtigkeit zu befreien. […]

In der Rückschau erzählt Alix Le Clerc, dass sie sich als Jugendliche oft und gern in fröhlicher Gesellschaft bewegte. Ihre Eltern gewährten ihr ungewöhnlich viel Freiheit. Sie war eine gute und leidenschaftliche Tänzerin. Andererseits hatte sie eine deutliche Neigung, die Welt als leer und oberflächlich zu sehen. Eine vollständige Wandlung erlebt Alix im Alter von 21 Jahren. Sie sitzt in der Kirche von Mattaincourt, Lothringen, und hört leises Getrommel. Über dem Altar, an dem ein neuer Pfarrer die Messe zelebriert, erblickt sie eine Schar tanzender junger Leute. Beim dritten Mal erkennt sie, dass die Gruppe vom Teufel angeführt wird. Das Erlebnis beeindruckt sie so tief, dass sie auf der Stelle beschließt, das Jungfräulichkeitsgelübde abzulegen und ihr Leben von Grund auf zu ändern.

8. […] Ich gestand mir ein, dass ich eine der eifrigsten Anhängerinnen dieses Dämons war, der mich ins Verderben stürzen wollte. Ich nahm mir vor, von nun an stets das Gegenteil von all dem zu tun, was ich vorher getan hatte, und nur noch solche Dinge, die Gott gefallen würden. […] Mir schien, als würde alles aus mir herausgenommen und ein anderer Geist eingepflanzt.

Möglich, dass Alix Le Clerc sich in den neuen Pfarrer verliebt hatte. Der Jesuitenschüler Pierre Fourier, damals 31 Jahre alt, soll ein attraktiver, charismatischer Mann gewesen sein. Angeregt durch die anticalvinistischen Predigten des Pfarrers und geleitet von ihren Visionen, verspürt Alix ihre Berufung. Sie möchte Nonne werden und setzt dies gegen ihre Eltern durch. Die Folgen dieses Schrittes sind dramatisch. Alix bekommt in unregelmäßigen Abständen und meist unerwartet Besuch: im Traum, während des Gebets und sogar bei der gemeinsamen Gewissenserforschung mit den Gefährtinnen. Die Jungfrau Maria erscheint ihr, der kleine Jesus, die Heiligen Klara und Elisabeth, Ignatius von Loyola, aber vor allem sind es Dämonen, die sie heimsuchen.

27. Es war zu einer Zeit, als mich die höllischen Flammen des Fleisches bestürmten. In einer Nacht stand ich vier Teufeln in menschlicher Gestalt gegenüber, die mich durch ihre Illusion meiner körperlichen Kraft und meiner Fähigkeit zu schreien beraubten. […] Diese bösartigen Geister zeigten sich von einer schmutzigen, entsetzlichen Seite, bereit, alle möglichen Handlungen an meiner Person zu begehen. Ich konnte nichts anderes zu meiner Verteidigung tun, als meine Gedanken zum Himmel zu erheben und unseren Herrn zu bitten, mich vor ihnen zu beschützen. Bald spürte ich auch den göttlichen Beistand. Die Dämonen konnten ihre Absichten nicht zu Ende bringen. Also packten sie mich an Armen und Beinen und zerrten mich von einer Seite zur andern. Ich war froh, dass sie meinen Körper so schlecht behandelten; das war meine Rache an ihm.

„Ich denke, dass sie das, was sie beschreibt, wirklich gesehen hat“, sagt Schwester Leonie. „Es gibt ja einen Zustand des Wachtraums. Man muss es psychologisch sehen. Man kann auch den Text einer heutigen Schülerin nicht einfach vorsetzen, ohne Hintergrundwissen bereitzustellen. Wir können es nur aus der Zeit heraus verstehen.“

Alix Le Clerc verbringt ihre Jugend in der aufgeheizten Atmosphäre der Religionskriege zwischen Katholiken und Calvinisten, die in Frankreich Hugenotten genannt werden. Pierre Fourier empfiehlt Alix ein Klarissenkloster. Aber sie träumt von einem eigenen, ganz neuen Orden. Noch ist nicht klar, worin dessen Aufgabe bestehen soll. Der Legende nach gibt die Vergewaltigung eines Mädchens im Jahr 1598 durch einen Schulmeister in Mattaincourt den Anlass, dass Fourier der jungen Gemeinschaft die Mädchenerziehung als Betätigungsfeld anträgt. Einige Jahre zuvor hatten die Ursulinen in Italien und Frankreich das katholische Mädchenschulwesen begründet. Fourier verfasst deren erste Schulordnung.

In den Wirren des 30-jährigen Krieges (1618–1648) stranden vier Nonnen aus St. Nicolas-de-Port im westfälischen Münster und gründen das Lotharinger Kloster. 1658 eröffnen sie in Paderborn die erste Mädchenschule Westfalens. Unterhalb des Doms wird ihnen vom Fürstbischof ein Haus zugewiesen, das zum Kloster mit eigener Kirche umgebaut wird. Wohlhabende Eltern schicken ihre Töchter in das angeschlossene Pensionat. Arme Mädchen erhalten kostenlosen Elementarunterricht. Auf dem Lehrplan stehen Religion, Orthografie, Rechnen, Handarbeiten.

Paderborn, ein Café in der Fußgängerzone. Annekathrin führt Beate und mich zum Abiturtreffen ins Souterrain. Ihre Haut ist erstaunlich fältchenfrei. „Wie frisch aus der Tiefkühltruhe gezogen“, sagt Beate immer. Wir öffnen eine Tür. Lautes Hallo. Bernadette, Ursula, Christina … 16 Ehemalige haben sich versammelt. Vier sind nicht gekommen, zwei sind verstorben. Annette ist auch da. Sie hat das Abitur nicht geschafft, aber sie kommt zur allgemeinen Freude trotzdem.

Annette, Beate und ich waren Freundinnen, als wir „auf die Nonnen“ gingen. So heißt das auch heute noch, wenn ein Mädchen das Gymnasium St. Michael besucht. Vor den Toren des Konvents fließt unter hohen Bäumen in einem hellgrünen Bett aus Wasserpflanzen die Pader, Deutschlands kürzester Fluss. Gleich neben den Klostermauern befindet sich ein Sexshop, aus dem leise Musik quillt. Am Eselsberg, der zum Dom hinaufführt, war früher eine Bäckerei, in der wir Teufel und Colafläschchen aus Weingummi kauften. Heute sitzt dort ein Antiquar mit Karl-Marx-Vollbart zwischen Büchertürmen. In der Auslage ein Bildband „Haschisch – Wirkungsweise, Anbau“. Gleich gegenüber die Galerie Mephisto.

52 Mädchen waren wir, als wir 1967 anfingen. In meiner Erinnerung stehen meine neuen Kameradinnen aus der Sexta B und ich bei der Einschulungsfeier im Dom in den linken Bankreihen des riesigen Kirchenschiffs. Die Schülerinnen der Sexta A sitzen in den rechten Bankreihen. Möglicherweise hat sich die Klassifizierung in A und B auf unser Selbstbild übertragen. In der A wurde konzentrierter und fleißiger gelernt. Sie betrachteten sich als Elite und kleideten sich auch strenger. Hosen durften wir in den Anfangsjahren sowieso noch nicht tragen, höchstens unter einem Rock. Auch Schockfarben waren in der Schulmesse unerwünscht. Wir sollten unsere Aufmerksamkeit nicht vom Herrgott ablenken.

Unsere Direktorin hieß Mutter Liboria Güthoff. Beim großen Angriff auf Paderborn Ende März 1945 war sie Luftschutzwartin. Sieben Schwestern unter ihrer Leitung löschten das brennende Michaelskloster. Mutter Liboria stand hoch oben auf einer Brandmauer und schüttete Paderwasser aus Eimern auf die Flammen, sagt Schwester Leonie, die 1947 in den Orden eintrat. Mir steht noch deutlich vor Augen, wie bei schönem Wetter Mutter Liborias Geburtstag gefeiert wurde. Sie trat auf eine hochgelegene Terrasse des Klosters, setzte sich auf einen thronähnlichen Sessel und nahm die Glückwünsche der Gesandten der Schülerinnenschaft entgegen.

33. […] Die Verzückungen kommen ganz plötzlich und unerwartet. Sie dauern nur kurze Zeit. Ich höre und sehe nichts und weiß auch nicht, wo ich bin. Wenn ich wieder bei mir bin, kann ich nicht anders, als noch eine ganze Weile zu seufzen. […] Unsere Schwestern denken, dies rühre von einer Krankheit oder einem Kummer her. Manchmal erzähle ich ihnen, dass es diese oder jene Ursache hat. Mir scheint, es müsste für sie ein Ärgernis sein, wenn sie, die mich mit allen meinen Unzulänglichkeiten kennen, wüssten, was ich tatsächlich erlebe.

Exerzitien, auch Einkehrtage genannt, gehörten zur Oberstufe wie die einwöchige Klassenreise nach Berlin. Unser gesamter Jahrgang reiste zu Beginn des letzten Schuljahrs, Ende September 1975, nach Ronchamps im Elsass zu der berühmten Pilgerkirche des Architekten Le Corbusier. Ein junges Lehrerehepaar mit Kind und ein flotter Geistlicher aus dem Ruhrgebiet begleiteten uns. Im Pilgerheim erwarteten uns ein schimmliger Kühlschrank und an den Matratzen etliche Wanzen und Würmer mit roten Köpfchen. Einige Mädchen gerieten in Panik und fingen an zu weinen. Annette war nicht so zimperlich. Sie schnappte sich Kehrschaufel und Handfeger und fegte die Matratzen ab.

Am Tag nach unserer Ankunft schlug der Priester einen Test namens Ichbeurteilung vor. Jede sollte sich mit einer anderen zusammensetzen und per Frage und Antwort rauskriegen, was man über sich selbst und voneinander dachte. Beate und ich empörten uns, dass der Priester auf unsere Themenvorschläge nicht einging und stattdessen derart plumpe Anstöße zur Kontaktaufnahme gab. Annette war enttäuscht von uns. Sie fand den Test gut. Ich hingegen befürchtete, dass er das Vorspiel zu einer religiösen Gehirnwäsche sein würde. Wir forderten ein Gespräch über „An Gott glauben oder nicht“. Der Priester war einverstanden. Für eine Klosterschule fiel das Resultat niederschmetternd aus. Alix Le Clerc hätte sich in ihrem Grab im nahe gelegenen Nancy umgedreht. Es gab zwar einige, die überzeugt waren, dass alles so sei, wie es in der Bibel steht. Die meisten Schülerinnen wünschten sich wohl auch einen Gott, flüchteten sich aber in vage Aussagen. Einige negierten ihn völlig. Für mich war die Existenz Gottes reine Hypothese. Ich fühlte mich als freischwebendes Teilchen in einem absurden Weltgeschehen.

Nach diesem Gespräch verstanden wir uns mit den „Streberinnen“ aus der ehemaligen Parallelklasse auf einmal prächtig, und niemand nötigte uns, zur Messe zu gehen. Das Lehrerehepaar, das noch neu an der Schule war, erzählte verwundert, dass Mutter Liboria sie vor Annette und mir gewarnt hatte. Falls wir uns irgendwie danebenbenehmen sollten, hatten sie Weisung, uns zum nächsten Bahnhof zu bringen. Ich nahm die Information wie eine persönliche Auszeichnung auf, aber Annette war schwer getroffen. Die anderen solidarisierten sich mit ihr und begannen, Mutter Liboria zunehmend kritisch zu sehen. Mehr noch: Der Jahrgang ging kollektiv auf Oppositionskurs zu der gefürchteten Direktorin. Abends kreisten die Weinflaschen bei Kerzenlicht, starke Worte fielen, freche Lieder wurden gesungen. Im allgemeinen Sympathieüberschwang nahm ich eine platonische Romanze mit Rita aus der ehemaligen Streberparallelklasse auf. Mein Coming-out hatte ich sechs Jahre später.

62. Als ich noch im Hause meines Vaters wohnte – es war zu Beginn meiner Berufung –, lag ich eines Nachts, komplett bekleidet, mit einem Mädchen auf einem Bett. Ich sprach zu ihr vom Seelenheil und diesen Dingen, als mich plötzlich ein infernalischer Gestank überraschte. Das andere Mädchen bemerkte nichts, aber ich war gezwungen, das Bett zu verlassen. Solange dieses Kleidungsstück existierte, das ich an dem Abend trug, hing ihm immer ein bisschen von diesem hässlichen Geruch an. Mir ging mit einem Mal auf, dass unser Herr wollte, dass ich allein schlafe. Ich gelobte es auf der Stelle. Oft bemerke ich noch denselben Gestank, wenn mich ein Kummer anrührt, aber auch dann, wenn sich die großen Versuchungen ankündigen.

Das gerade reformierte Oberstufensystem sah Mitte des 13. Schuljahres eine Zulassung zur Abiturprüfung vor. Das war drei Monate nach Ronchamps. Die Französischlehrerin wollte Annette ursprünglich eine Chance zur Aufbesserung der Zensur geben. Doch dann eröffnete sie ihr, es sei zu spät, die Einzige, die noch einen Ermessensspielraum habe, sei Mutter Liboria. Wir hatten eine Flasche Sekt mitgebracht, weil wir uns sicher waren, dass sie Annette am Ende durchwinken würden. Aber Mutter Liboria trat vor uns hin und verkündete das Gegenteil. Annette sprang auf und packte ihren Stuhl. „Sie Arschloch!“, brüllte sie und schwang den Stuhl, den sie natürlich nicht auf die Nonne niedersausen ließ. „Können Sie das vor Ihrem Gott verantworten?“ Mutter Liboria hatte solche Worte sicher noch nie zuvor von einer Schülerin zu hören bekommen. Doch sie blieb überraschend cool und rief: „Ich verzeihe Ihnen, denn Sie wissen nicht, was Sie reden.“

Annette wurde wenige Monate nach dem Rausschmiss schwanger. Heutzutage ist es nicht ungewöhnlich, dass Schwangere und junge Mütter ihr Abitur am Michaelskloster machen, aber damals wurden sie bis auf wenige Ausnahmen nicht geduldet. Annette wollte das Jahr nicht wiederholen. Sie zog mit dem Vater des Kindes in eine Landkommune nach Bayern. Im Oktober 1976 besuchte ich sie dort. Es gab kein Badezimmer, nur ein Plumpsklo. Ich fühlte mich trotz der Kälte in dem Haus pudelwohl und hatte laut meinem Tagebuch das sichere Gefühl, die „beschissene Zivilisation der hochtechnisierten Gesellschaft“ hinter mir zu lassen. Annette begann sobald wie möglich eine Ausbildung als Krankenschwester, die sie mit Auszeichnung abschloss. Sie arbeitet seit vielen Jahren in der Psychiatrie, liebt ihren Beruf, wohnt allein in einer 70er-Jahre-Siedlung und schwört auf die Quelle der Lourdes-Grotte in Kleinenberg/Westfalen. Sie füllt sich das geweihte Wasser in Flaschen ab und kocht damit ihren Kaffee. Es hat für sie energetisch und geschmacklich eine besondere Qualität.

Alix Le Clerc wurde 1947 seliggesprochen. Ein Hofmaler fertigte ein Porträt von ihr auf dem Totenbett. Es zeigt eine hübsche Frau in Ordenstracht. In ihren gefalteten Händen hält sie ein Kruzifix mit Korpus. Sie betrachtet es – ähnlich wie eine junge Mutter ihr Kind – erfüllt von stillem Glück. Kein Hinweis darauf, dass es das Porträt einer Toten ist. Ihre Gebeine galten nach der Französischen Revolution als verschollen. Schwester Leonie erzählt, dass sie 1950 unter dem Kloster in Nancy wiederentdeckt wurden. „Ein paar Studenten wollten sich einen Partykeller bauen und haben mit der Spitzhacke angefangen zu graben. Dabei stießen sie auf den Bleisarg. Es waren keine Textilien mehr vorhanden, nur noch das Gerippe.“

Ich frage Schwester Leonie noch, ob sie Schwefel riecht, wenn das Böse in der Nähe ist. „Um es ganz klar zu sagen“, betont sie: „Nein. Ich habe noch nie Schwefel gerochen, wenn das Böse in der Nähe war.“ Und sie fügt hinzu: „Ich habe Ihren schelmischen Gesichtsausdruck sehr wohl bemerkt.“

JOSEFA WITTENBORG, 50, lebt als Autorin in Annenwalde und Berlin. „Es gibt“, so sagt sie, „bislang keine allgemein zugängliche Übertragung der ‚Relation‘ ins Deutsche; ich habe selbst nach bestem Wissen und Gewissen übersetzt.“