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Monster mit Unterhaltungswert: Ally Kennens „Beast“ und „Monster Blood Tattoo“ von D. M. Cornish

Der eine ist ein modernes Pflegekind, der andere ein Waisenjunge, der sich in „Madam Operas außerordentlicher Marineanstalt für Findelkinder“ behaupten muss. Stephen und Rosamund, der Junge mit dem Mädchennamen, müssen es mit gefährlichen Dämonen aufnehmen; und damit sind keinesfalls nur die inneren Dämonen gemeint, die in den Seelen der Zukurzgekommenen ihr Unwesen treiben. Die Monster, die ihnen das Leben zur Hölle machen, sind sehr real, weshalb sie auch real mit Waffen oder Gift zu besiegen sind. Das ist ein großer Vorteil gegenüber den schwer fassbaren Seelenpeinigern, die das Leben von innen heraus verdunkeln. Monster haben etwas Entlastendes, und Monsterbücher einen hohen Unterhaltungswert, wenn sie denn gut geschrieben sind.

Diese beiden Bücher sind gut geschrieben. Die Seiten knistern vor Spannung. Aber es geht eben auch um jene Seelenspiegelungen, die in den Monstern aufscheinen. Man spürt, dass das Unheimliche auch deshalb so schwer in den Griff zu kriegen ist, weil es viele äußere wie innere Facetten hat. So treten die Monstergeschichten das legitime Erbe der Märchen an.

Bei der Engländerin Ally Kennen heißt das Monster „Beast“ (das aus unerklärlichen Gründen in der deutschen Übersetzung kein „Biest“ sein darf) und verlangt nach enormen Fleischportionen. Gerne verschlingt es zum Abendbrot ein Schwein. Aber so ein Schwein will erst mal gekauft, transportiert, aufgetaut und zerlegt sein – eine unappetitliche Angelegenheit. Aber was noch schlimmer ist: Je mehr Fleisch das Beast kriegt, desto größer wird es und desto mehr will es wiederum fressen. Seit Jahren hält Stephen sein Monster versteckt, aber ewig wird der Käfig nicht halten. Muss er das Ungeheuer töten, bevor es auf andere losgeht? Keine Frage, Stephen braucht einen Verbündeten, und er sucht ihn ausgerechnet in seinem unberechenbaren Vater, der mit dem Beast nur das große Geld machen will. Doch das Monster befreit sich und verschwindet in den Stausee. Die Zeit läuft. Stephen muss das Beast fangen, bevor es auf die Menschen losgehen kann.

Es ist nicht schwer, den Kampf gegen das Beast als Kampf eines traumatisierten Jungen gegen die Dämonen seiner Kindheit zu deuten: Lieblosigkeit, Alkoholismus, psychische Krankheit der Eltern – Stephen hat das volle Programm gehabt. Und wie Kinder aus derart verwahrlosten Familien füttert er viele Jahre das Beast, das ihn umzubringen droht. Diese Psychologisierung könnte leicht der Tod des Romans sein. Aber hier gelingt es tatsächlich, Pflege und Bekämpfung eines Ungeheuers als seelische Entwicklung zu schildern und gleichzeitig einen prickelnden, an den Nerven zerrenden Monsterroman zu schreiben.

Es ist kein Zufall, dass D. M. Cornish seinem Helden eine ähnlich ausweglose Kindheit angedichtet hat. Monster passen einfach nicht zu glücklichen Menschen. Dennoch hat der junge Australier diese Grundidee nicht endlos weiter ausgespielt. Stattdessen hat er eine höchst staunenswerte Kunstwelt erschaffen, welche er durch einen 70-seitigen Anhang mit Landkarten und Glossar beglaubigt. Das ist Fantasy höchster Güte, auch wenn an jeder Ecke ganz banal ein Monster lauert. Aber ohne Gefahr keine Helden. Und natürlich möchte Rosamund zu den mutigen Monsterjägern gehören. Aber schon nach der ersten Begegnung mit einem Ungeheuer fragt er sich, ob wirklich immer die Monster böse und die Menschen gut sind. Die Antwort ist ambivalent, und so erhält diese fantastische Geschichte einen realistischen Boden, auf dem die Erfindungskraft des Autors gut gedeihen kann. ANGELIKA OHLAND

Ally Kennen: „Beast“. Aus dem Englischen von Katharina Orgaß und Gerald Jung. Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2007, 240 Seiten, 14,90 Euro D. M. Cornish: „Monster Blood Tattoo. Der Findling“. Aus dem Englischen von Reiner Pfleiderer. Carl Hanser Verlag, München 2007, 415 Seiten, 17,90 Euro