Im Messdienermilieu

KATHOLISCHE SEXUALAUFKLÄRUNG Am Freitag feierte im Theater Dortmund „Komm in meinen Wigwam“, Wenzel Storchs erste Bühnenarbeit, vor begeistertem Publikum Premiere

VON THOMAS GROH

Der Klerus hat’s ihm angetan: Seit seinem Super-8-Monumentalfilm „Der Glanz dieser Tage“ (1989) leistet der Exministrant, Filmregisseur und Konkret -Autor Wenzel Storch in seinen Filmen, Texten, Zeichnungen und Hörspielen Bergungsarbeit im Neurosen-Fundus beschädigter Adoleszenzen aus dem spezifisch westdeutschen Nachkriegs-Messdienermilieu. Fundus ist dabei wörtlich zu verstehen: Mit größter Spielfreude schöpfen Storchs collagenartige Arbeiten aus den Beständen ansonsten verloren gegangener Alltags-Ephemer.

Storchs Erkundungen im Unterholz altbundesrepublikanischer Mentalitätsverwirrungen machen einen Mordsspaß

Ganz gleich, ob es sich um Jugendsprache, Textilien und graue Literatur, obsolete Produktionstechniken oder um höchst beredt plaudernde Artefakte – vom Kirchenlied über Werbeprospekte und verklemmte Erotica bis zum wirren Schlager – handelt: Was Storch an irrsinnigem Alltagsschrott der 50er, 60er und 70er Jahre zusammenträgt, verdichtet er in seiner grandiosen, mit „Trash“ nur unzureichend beschriebener Wahnwitzpoesie zu einer wundervollen Mentalitätsmaterialschlacke. Das sonderbare Zauberland, das die alte BRD zwischen Verkniffenheit und Freiheitsüberforderung insbesondere aus pubertierender Perspektive unter den Eindrücken von biederer Pädagogik, wohnstubenhafter Betulichkeit und ersten Hormonkollern gewesen ist, wird dabei bis zur Kenntlichkeit entstellt.

Und Storchs Erkundungen im Unterholz altbundesrepublikanischer Mentalitätsverwirrungen machen dabei noch einen Mordsspaß! So auch „Komm in meinen Wigwam“, Storchs erste Bühnenarbeit, die am Freitag in Dortmund vor begeistertem Publikum Premiere hatte: Ein bunter Gemeindehaus-Revueabend, der tief hineinführt in den bizarren Kosmos katholischer Aufklärungs- und Anstandsliteratur der 50er, mit besonderem Augenmerk auf das Schaffen des 2013 gestorbenen Ehrenprälaten Berthold Lutz, vom Regisseur kurzerhand zum katholischen Oswald Kolle ernannt.

Beim von Storchs Spielfilmen gewohnten Ausstattungsbarock gibt es zwar Abstriche – das Bühnenbild bestimmen eine gerahmte Leinwand und ein Lesepult –, doch dem Vergnügen tut dies keinen Abbruch. Ein verhuschter Erzähler (Ekkehard Freye) und der verspulte Lutz-Experte Baldrian (Thorsten Bihegue) entblättern eine von literarischen Ambitionen unbeleckte Jugendbelletristik, in der es von guten Ratschlägen, frommen Maßregelungen und Anreizen zur Ertüchtigung an die Adresse aufknospender Jugendlicher nur so wimmelt – und oft genug fast unverhohlen lüstern. Sündhafte Jungsgedanken werden da vom Kaplan (Heinrich Fischer) zur Gärungsphase des Menschen erklärt, während er Mädchen rät, auf ihr „heimliches Königreich“ sittsam zu achten. Dazwischen gibt es Kasperletheater gegen schmutzige Gedanken, einen Chor sprießender Stengel und Kelche aus einer wundersam sexualisierten Pflanzenwelt und Nonnen, die eine abspritzende Eichel besingen. Mittendrin: ein Knabe (Leon Müller) und ein Mädchen (Jana Katharina Lawrence), stilecht in 50er-Montur, die brav lauschen und sich begriebeln lassen.

Dass Lutz’ in Sichtweite zu Kaplanen in den Milieus jugendlicher Betätigung angesiedelte Romane sich gut genug verkauften, um geschäftstüchtige Nachahmer zu inspirieren, mag auch daran liegen, dass sich darin unter dem Deckmantel frommer Erbauung die seltene Möglichkeit bot, sich wenigstens ein bisschen rote Ohren beim Lesen zu holen. Ein Tauschhandel – Lusterprobung zum Preis mahnender Pädagogik und vorgeblicher Wissenschaftlichkeit –, der auch den deutschen Schulmädchenreport-Softsex der 70er prägte. Dass die katholische Sittsamkeitsliteratur diese Filme nährte, legt Storch nicht nur mit über die Bühne schwirrenden Filmplakaten nahe. Eine atemberaubende Dia-Performance mit christlichen Aufklärungsfibeln zu fetziger Beatmusik und Baldrians toll ungelenkem Ausdruckstanz macht die Diskurskontinuität eindrücklich deutlich.

Bei allem Amüsement vergisst Storch nicht, dass im aufgehäuften Material, den blumigen Metaphern, den erotisch angehauchten Ministrantenfotos aus Kirchenzeitschriften und den Berichten vom glückseligen Ball- und Indianerspiel zwischen Kaplan und Knaben ein trauriger Kern steckt. Wenn der Kaplan den Jungen mehr als nur väterlich von der Bühne führt, beim Lagerfeuer die große Bärchenmasken tragenden Ministranten sich an den Priester schmiegen oder dieser über die Wunder der Gliedsteife referiert, dämmert es, dass im historischen Material auch ein Tätercode für Eingeweihte steckt. Storch spricht zwar nichts aus, wie auch die entsprechenden Werke keinen Klartext reden. Doch stellt die Methode Storch – Kenntlichmachung durch Überhöhung und Überaffirmation – unweigerlich die Frage: Was wurde den Jungs im Wigwam angetan?