Parade der Gerechtigkeit

AUS WARSCHAU JAN FEDDERSEN

Ein Verbot stand nicht mehr zur Debatte. Immerhin dieses Problem muss Tomasz Baczkowski nicht mehr scheren. Nicht damit rechnen zu müssen, dass die Polizei womöglich die rechten, rechtsradikalen Jugendorganisationen der Regierungsparteien schützt. Nicht die Steine abwehrt, die aus dieser grölenden Menge auf die Parade geworfen worden waren. So wie vor zwei Jahren, als wenigstens einige hundert Tapfere trotzdem zur Parada Równości kamen – trotz des vom damaligen Bürgermeister Lech Kaczyński durchgesetzten Verbots.

Allerdings muss sich die, so heißt sie auf Deutsch, Gerechtigkeitsparade an diesem Sonnabend auf dem Platz vor dem Sejm, dem polnischen Parlament in Warschau, gefallen lassen, dass am Denkmal gegenüber etwa 300 superwütend wirkende, erwachsene junge Männer solche Dinge rufen wie: „Für Mädchen, für Familien!“ oder „Gott schuf Adam und Eva, nicht Adam und Ewald!“, „Homosexuelle sind unpolnisch!“. Tomasz Baczkowski ficht das nicht an, er ist überhaupt kaum ansprechbar. Der 34-Jährige hört nicht zu. Muss er auch nicht. Er hat seine Parade im Blick. Diesen Warschauer CSD hat er miterfunden, dessen Existenz erstritt er jüngst vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechtsfragen erfolgreich gegen die Kaczyński-Nomenklatura. Das Verbot sei illegal gewesen: ein Sieg, der sich auf dem Papier prächtig liest. Ein Urteil, das den nunmehrigen Präsidenten des Landes eine beschämende Unreife für die Normen europäischer Freisinnigkeit attestierte.

Baczkowski bekommt immer noch Drohmails, am Telefon wird er beschimpft. Das erzählt sein Mann, Thomas Schaaf, Gymnasiallehrer in Berlin. Er sagt, in Warschau sei es klüger, keine angemeldete Wohnadresse zu haben, „Tommek ist ja immer in Gefahr.“ Kein Pole sei er, ein Verräter an der Sache des Polentums, schlimmer als ein General Jaruzelski und das Kriegsrecht. Ein Gotteslästerer sei er, weil er tut, was er für nötig hält: in seinem Heimatland so frei und unbehelligt leben zu können wie in Deutschland, Schweden oder den Niederlanden. Jetzt, an diesem frühen Nachmittag, als die Parada sich vom Sejm gen Rathaus in der Innenstadt in Bewegung setzt, hat der gelernte Ökonom den Tunnelblick. Steht nicht auf einen der vier Lastkraftwagen, die dieses Jahr erstmals aus einem politischen Spaziergang tatsächlich eine musikumkränzte Parade machen. Alles läuft jetzt, aber Baczkowski rechnet immer noch mit dem Schlimmsten.

Aus Lautsprechern wird die international gültige Hitparade der schwulen Selbstbehauptungslieder abgespult, „It’s Raining Men“, „I Am, What I Am“, „I Will Survive“, der übliche Kanon dessen, was identitär nottut: Eine Demonstration mit europäischen Solidaritätsbesuchern. Aber dieses Jahr sind es mehr Schwule und Lesben aus Polen selbst, die sich trauen. Das deutsche und schwedische Missionswerk aus dem vorigen Jahr, die Hilfe Thomas Hermanns und von Kulturschaffenden aus Stockholm fruchten offenkundig. Baczkowski aber kann nicht entspannen, spricht man ihn an, könnte er ebenso gut auf die Frage, wer er sei, schlicht „Ein Alien auf Adrenalin“ antworten. Nichts darf schiefgehen, bitte keine Autonomen, die sich an den rechtsradikalen Jugendlichen gütlich tun und von den Medien missbraucht werden könnten als deutsche Kinder von Wehrmachtsangehörigen.

Die Polizei agiert smart, das zeigt sich kurz vor der Marszalkowska, dem Prachtboulevard der Hauptstadt: Eine Straße wird von allpolnischen Sitzblockierern besetzt, als hätten sie’s in Mutlangen gelernt. Sie rufen verzweifelt „Unsere Familien – durch die Gottlosen zerstört!“ und „Wir beten für alle Sünder“. Sie weinen fast, ihre Rufe klingen klagend. Ein Polizeikoordinator, verkleidet als Mitdemonstrant der Parada Równości, ruft knapp in sein Mikro „Isolieren!“, woraufhin die Straßenblockierer zügig in einen Hauseingang getragen werden. Hier sind sie dann umringt von Polizisten, auf dass sie sich nicht mehr bewegen können.

Baczkowski aber rechnet immer noch damit, dass die ganze Parade noch in Scharmützel verwickelt wird. Anders als voriges Jahr hat er mit der Polizei keine direkten Absprachen getroffen. Die nämlich fand das unnötig: Man wisse doch selbst gut, dass Meinungs- und Demonstrationsfreiheit für alle gelte. Ihr Schutz werde durch die Polizei gesichert. Der Mann, der doch nie ein Politiker werden wollte, schon gar nicht im Schwulenbereich, wie er sagt; der lieber eine unauffällige bürgerliche Existenz geführt hätte, organisiert, was, so findet er, selbst ein Akt modernen Polentums sei: das Recht auf Unterschiedlichkeit. Das will er durchsetzen.

Auf der Marczelkowska wird kenntlich, dass dieses Jahr die Demonstration größer ausfällt. Kenner sagen aber auch, vor zwei Jahren sei der Kick besser gewesen. Aber das war eine ausländische Stimme, keine eines Polen, denen man ansieht, dass ihnen die Angst langsam aus den Körpern weicht. Einige Mitmarschierer aus Warschau trauen sich sogar, den letzten Homohassern am Rande des Boulevards Kusshände zuzuwerfen: Liebe als Angebot, den Hass zu unterlaufen?

Die deutsche Kritik am Mangel an Thrill ist allerdings auch eine hochmütige. Gewöhnt an CSD-Paraden, die sich in manchen Städten selbst vor Zuspruch von Unionspolitikern kaum retten können, mäkeln sie an dem Erfolg der Warschauer Organisatoren herum. Baczkowski kann diese Arroganz in der Kasse des Paradenbündnisses direkt ablesen: 130 Euro sind aus Deutschland an Spenden geflossen. Zumindest der Warschauer Pakt des Thomas Hermann bleibt weiter spendabel – wenn auch weniger üppig als vor einem Jahr.

Immerhin kann Baczkowski doch froh sein, die Kaczyński-Nomenklatura in die Schranken gewiesen zu haben. Bürgermeisterin Hanna Gronkiewicz-Waltz, Politikerin der Liberalen und wahrlich keine Freundin der polnischen Politzwillinge, hat den Parada-Róności -Organisatoren zugesichert, ihnen keine Steine in den Weg zu legen – wenngleich sie darum bat, offiziell nicht als Freundin des Umzugs genannt zu werden. Dumm nur, dass die polnische Administration sehr kompliziert ist. Denn fast wäre die Parade um die Trucks ärmer gewesen. Von der Straßenbauabteilung des Landratsamts kam in letzter Sekunde, am Freitagabend, noch ein Verbot: Die Laster dürften nicht mitfahren, das sei in Warschau verboten. Da fuhr Baczkowski ins Amt und drohte, man werde mit dem Urteil des Europäischen Gerichtshofs im Rücken diese Amtsstelle jahrelang mit Prozessen überziehen, wenn sie weiter so rumzickt. Da ging doch alles glatt: Ein Fingerzeig aufs Geld, auf Gerichte und auf Europa half.

Am Rande der Marczelkowska ist es freundlich. Blumenverteiler aus Deutschland, sehr hippiesk, bekommen die Tulpen und Rosen fast aus der Hand gerissen – oft auch von Vätern und Müttern mit ihren Kindern. Eine Frau, älter und entsetzt wirkend, zeigt dem Tulpenverteiler den Stinkefinger. Er antwortet mit einem zugewehten Kuss. Vor dem Rathaus wird es leicht konfus. Von den Gegendemonstranten haben sich einige in die Parade verirrt. Einer fragt: „Wir sind gegen Homosexuelle. Sind wir auf der richtigen Seite?“ Sie erhalten aus einem Block von Schweden die Antwort, man sei doch sehr für Homosexuelles. Woraufhin die Gegendemonstranten in panischer Hast verschwinden. Einer von ihnen, irritierenderweise die Haare im Filzstil der Antiglobalisierungskämpfer modelliert, ruft nur: „Oh Gott, bloß weg, Gott oh Gott!“

Mittendrin ist Claudia Roth. Sie ist die einzige deutsche Politikerin, die von dieser Demonstration geliebt wird. Abends wird sie den Hyazinthenpreis der Warschauer CSD-Bewegung erhalten: die Auszeichnung für absolut glaubwürdiges Engagement. Jetzt flambiert sie ihre Rede vom Wagen herunter wieder mit diesem wunderbaren Tremolo, das nur sie draufhat: kämpferisch, uneinschüchterbar, großschwesterlich – „denn Menschenrechte sind unteilbar“. Dass sie geliebt wird, gerade weil sie eine Frau ist und doch auch als Drag Queen durchginge, gerade ihrer plüschigen Klamotten und der regenbogenhaften Haare wegen, ist so wahr, wie die Auszeichnung ehrlich zuerkannt wird: „Unsere Claudia“, heißt es abends im Klub Skarpa bei der Abschiedsdisko aus vielhundert Mündern.

Baczkowski hat immer noch seinen Blick, der nichts wahrnimmt, was nicht unmittelbar bedeutsam ist. Dabei könnte er entspannen: Der Erfolg ist greifbar. Die Pressekonferenz wird live von polnischen Privatkanälen übertragen. Es gibt eine schwedische Ministerin aus konservativem Stall, die sich empört über diese vorzivilisierten Zustände von Angst und Einschüchterung – und eine Demonstration mit irgendwie sehr vielen Leuten, die sich selbst erstmals zu genießen schienen, falls dies ginge. Gute Laune, kein Alkohol im Spiel, kein Karneval, nicht einmal einer der Kulturen.

Ein Wermutstropfen: Thomas Schaaf sagt, vorläufig werde er nun auf Schulden sitzen bleiben, 5.000 Euro Cashflow fehlten. Ohne die Kohle wäre die Sängerin Kayah nicht aufgetreten. Sie ist ein polnisches One-Hit-Wonder, das seine jüngste CD den „schwulen Freunden“ widmete – und nun viele Euro wollte, ja zur Szeneabgreiferin avancierte. Baczkowski wird sich nun, so erzählt er, einige Tage lang mit Abrechnungen beschäftigen, niemandem außer seinem Mann erzählen, wo er übernachten wird. Sein polnischer Patriotismus verbietet es ihm, die Sache aufzugeben. Jetzt erst recht? Was sonst?

Dabei leidet Baczkowski darunter, ein Vaterlandsverräter genannt zu werden. „Er kämpft für sein Land, dass es zu Europa gehören kann“, so Thomas Schaaf. Beide leben in Berlin. Und in den Ferien auf ihrer Datscha in Polen. Seit dem 21. März 2002 sind sie verheiratet. Dieses Jahr hat Coca-Cola seine Sponsorenzusage zurückgezogen, andere Mäzene haben ihre Versprechen vergessen. So ließen sie die Parada Równości quasi bankrott zurück. „Liebe deinen Nächsten“ war das Motto – und es scheint sich gelohnt zu haben. In der Fußgängerzone der Altstadt sieht man abends zwei Frauen Arm in Arm gehen, zwei Männer sich küssen. Sie müssen sich ermutigt gefühlt haben.