Die Umweltorganisation Urgewald will die Finanzierung neuer Atomkraftwerke verhindern. Teil 3 der taz-Serie über die Anti-Atom-Bewegung.von FELIX WERDERMANN

Der Energiekonzern RWE muss noch davon überzeugt werden, sich aus der Finanzierung des Belene-Projektes zurückzuziehen. Bild: dpa
MÜNSTER taz Eigentlich wollten sie schon am Freitag vor zwei Wochen Weihnachten feiern. Doch dann kamen für die Mitarbeiter der Umweltorganisation Urgewald zwei schlechte Nachrichten auf einmal: Morgens erfahren sie, dass Kritiker des Atomkraftprojekts Belene in Bulgarien Morddrohungen erhalten haben. Und am Abend: Die Verträge zum Bau des neuen AKWs sind unterzeichnet.
Der jüngste Castor-Transport im November hat es gezeigt: Die Anti-Atom-Bewegung ist lebendig. Doch woher kommen die vielen tausend Menschen, die rund um Gorleben auf Straßen und Schienen protestierten - und was machen sie eigentlich, wenn gerade kein Atommüll-Transport durchs Land rollt? Während die Politiker über den Ausstieg aus dem Ausstieg diskutieren, engagieren sich im ganzen Land Initiativen gegen Atomkraft. Und zwar auf unterschiedliche Weise: Die einen versuchen, die Finanzierung von Atomkraft-Projekten zu verhindern; andere drehen einen Film über Uranabbau in Australien oder versuchen, Atomkritiker per Internet zu vernetzen. Zum Beginn des Wahljahrs, in dem wichtige Atom-Entscheidungen fallen, stellt die taz täglich eine Anti-Atom-Initiative vor.
Teil 1: Ausgestrahlt - Newsletter aus der Anti-Atom-Bewegung (27.12.2008)
Teil 2: Spätfolgen - Selbsthilfegruppe für Atomopfer (29.12.2008)
Eigentlich versteht sich Urgewald nicht als Anti-Atomkraft-Organisation. Doch in den letzten Jahren ist der Verein aus dem kleinen Ort Sassenberg im Münsterland vor allem durch seine Kampagne gegen den geplanten AKW-Neubau in einem bulgarischen Erdbebengebiet bekannt geworden. Der Ansatz: Ohne Geld kein AKW. Wenn keine Bank bereit ist, dem bulgarischen Energieversorger einen Kredit für das Kraftwerk in Belene zu geben, dann wird es auch nicht gebaut.
Als Urgewald vor 16 Jahren gegründet wurde, war die Arbeit noch auf die Tätigkeiten der Weltbank fokussiert, deren Großprojekte die Regenwälder zerstören. "Wir wussten, dass die Finanzierung ein entscheidender Hebel sein kann, um Projekte zu verhindern", sagt Heffa Schücking, die von Anfang an dabei ist. Heute ist sie Geschäftsführerin und für die Kampagne gegen das Belene-AKW zuständig.
Vor zwei Jahren hat Urgewald zu einer bundesweiten Aktionswoche gegen die Deutsche Bank und die HypoVereinsbank aufgerufen, nachdem die beiden Banken eine Finanzierung des Belene-Projekts angeboten hatten. In 60 Städten protestierten Menschen vor den Filialen der Kreditinstitute. Die Banken zogen sich schnell aus dem umstrittenen Geschäft zurück.
Jetzt will der Energiekonzern RWE als Investor zwei Milliarden Euro in das Projekt schießen, dessen Gesamtkosten bei sieben Milliarden Euro liegen. Schücking hat dafür kein Verständnis: "Zwei Milliarden zu investieren, ohne vorher die Alternativen zu prüfen, ist ökonomischer Unsinn", sagt sie. Es sei billiger, den Strom durch erneuerbare Energien zu gewinnen. Und selbst der Standort sei von RWE nicht in Frage gestellt worden, obwohl der Bau eines Atomkraftwerks im Erdbebengebiet nicht nur höhere Risiken, sondern auch zusätzliche Kosten bedeute.
Obwohl der Vertrag am Freitag unterzeichnet wurde, gibt Schücking nicht auf: Schließlich sei er so formuliert, dass RWE jederzeit wieder aussteigen könne. "Wir werden deshalb weiterhin Druck machen, damit die Aufsichtsräte diese unverantwortliche Investition streichen." Mit Atomabenteuern wie Belene steuere RWE geradewegs auf einen "Reputations-Super-GAU" zu. Sie sieht deshalb "gute Chancen", das Projekt noch zu verhindern.
Das sieht auch Christoph Benze so. Er hat vor zehn Jahren bei Urgewald mit der Anti-Atom-Arbeit begonnen. Jetzt arbeitet er beim Umweltsenator in Bremen, sitzt aber im Vorstand des Vereins. Urgewald zeichne sich nicht nur durch "seriöse Informationen" aus, sagt er, sondern vor allem auch durch einen "langen Atem". Schücking: "Wo wir uns einmal reinbeißen, da bleiben wir dran."
In ihrem Videocast fordert Kanzlerin Merkel einen schnellen Ausbau der deutschen Stromnetze. Um den Windstrom von den Norden in den Süden zu schaffen, sind Tausende neue Netzkilometer nötig.

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Leserkommentare
30.12.2008 20:58 | emil
urgewald macht ihre/seine sache wirklich gut. und von den bekannten akw risiken, noch dazu im erdbebengebiet, abgesehen, wa ...