Rettung nur für Skandinavier

Die Aktion galt lange als vorbildlich, ist aber inzwischen umstritten: An den „Weißen Bussen“, die 1945 skandinavische KZ-Häftlinge retteten, haben sich in der Gedenkstätte Hamburg-Neuengamme norwegische und deutsche Lehrer abgearbeitet

Es war eine Aktion, von der nur wenige wussten und die auch nur eine Minderheit betraf: Rund 15.000 norwegische und dänische KZ-Häftlinge wurden im März und April 1945 von den „Weißen Bussen“ des Roten Kreuzes nach Schweden in die Freiheit gebracht. Sammelstelle für die aus allen Lagern herangeholten Häftlinge war das KZ Hamburg-Neuengamme, das heute Gedenkstätte ist.

Der Präsident des Schwedischen Roten Kreuzes, Graf Folke Bernadotte, hatte die Rettungsaktion nach zähen Verhandlungen mit Himmler durchgesetzt. Er zahlte einen hohen Preis: Denn um Platz zu machen für die Skandinavier-Sammelbaracke in Neuengamme, wurden 2.000 russische, polnische und französische Häftlinge – Kranke und Sterbende – in andere Lager deportiert. Angesichts ihres Zustands bedeutete das ihren schnellen Tod.

Höchst umstritten außerdem: Sie wurden in denselben Weißen Bussen deportiert, die die Skandinavier später in die Freiheit bringen sollten. Ein klarer Missbrauch der Fahrzeuge einer Wohltätigkeitsorganisation. Er war Teil des Deals. Außerdem sah das Abkommen die Rettung politischer Gefangener, nicht aber skandinavischer Juden vor.

Über diese Geschichte sprechen alle Beteiligten immer noch ungern. Weder in Schweden noch in Dänemark oder Norwegen sind die Weißen Busse öffentliches Thema. Auch die meisten Zeitzeugen schweigen. Einzige Ausnahme: ein 2005 von der schwedischen Historikerin Ingrid Lomfors veröffentlichtes Buch, das diesen „Tauschhandel mit Menschenleben“ anprangert (taz berichtete). Proteste sowie vereinzelte selbstkritische Reflexionen in einer norwegischen Zeitung waren die Folge. Doch die Diskussion verebbte schnell. Auch die norwegischen Geschichtsbücher erwähnen die Weißen Busse nicht. Und ob die Geschichtslehrer sie erwähnen, bleibt ihnen überlassen.

Dabei eignet sich die Aktion gut „als Beispiel für moralische Dilemmata und für die oft einseitige Vermittlung der Ereignisse des Zweiten Weltkriegs“, sagt Öivin Moen. Er ist Geschichtslehrer an einer weiterführenden Schule bei Oslo und nahm vorige Woche an einer norwegisch-deutschen Lehrerbegegnung der Gedenkstätte Neuengamme teil. Thema: die Vermittlung der Geschichte des Zweiten Weltkriegs.

Weder in Schweden noch in Dänemark oder Norwegen sind die „Weißen Busse“ ein Thema, die meisten Zeitzeugen schweigen

15 norwegische und deutsche Lehrer waren zusammengekommen, um nationale Erinnerungskultur zu diskutieren. Mit-Initiatorin der Begegnung ist die aus Hamburg stammende Wissenschaftlerin Claudia Lenz, die die Zusammenarbeit mit Norwegen koordiniert. Seit Januar ist sie als Projektleiterin am Osloer Holocaust-Center angestellt, das im August 2006 eröffnete und einen selbstkritischen Blick auf norwegische Kollaboration richtet. Lenz soll in den nächsten zwei Jahren auch Begegnungen mit dänischen und schwedischen Schülern und Lehrern begleiten.

Am weitesten ist aber die Kooperation mit Norwegen gediehen: Neben dem Holocaust-Center hat Lenz das Falstad-Center bei Trondheim und die Stiftung „Weiße Busse nach Auschwitz“ als Partner gewonnen.

Die Stiftung bietet von Zeitzeugen begleitete Schülerreisen zu den ehemaligen KZs Auschwitz, Ravensbrück und Sachsenhausen an. Die Reisen, die 1992 angesichts der erstarkenden Neonazi-Szene begonnen wurden, sind in den letzten Jahren allerdings in die Kritik geraten. Nicht nur, dass sich die Geschichtslehrer teils blind auf die didaktische Wirkung der Reisen verlassen. Das Konzept sei auch einseitig, sagt Gemeinschaftskunde-Lehrerin Sabine Rolka aus Bergen: „Die Schüler haben während dieser Fahrten keinerlei Kontakt mit der Gegenwart – mit Organisationen wie der Aktion Sühnezeichen etwa. Oft haben die Schüler hinterher mehr Vorurteile als vorher.“ Man müsse eine andere Form der Vermittlung finden.

Zu diesem Zweck ist Rolka zum Seminar nach Neuengamme gekommen. Es sei wichtig, die Menschen einander näher zu bringen und dafür zu sorgen, dass sie nicht in Ressentiments verharren, meint sie. Hierfür müsse man auch den Mut haben, „Geschichte in ihre komplizierten Einzelteile zu zerlegen“.

Wichtigstes Anliegen der Lehrerin ist die Suche nach einer deutschen Partnerschule, um binationale Schülerbegegnungen etwa in Neuengamme organisieren zu können. „Das Konzept dieser Gedenkstätte ist sehr gut“, meint sie. Es arbeite nicht wie Auschwitz mit der „Schockwirkung von Schuhbergen“, sondern deutet vieles bloß an. Und das Offene Archiv animiere zum selbstständigen Arbeiten. Ein Konzept, das auch dann tragen werde, wenn es keine Zeitzeugen mehr gebe.

Mit Zeitzeugen arbeitet ihre Schule in Bergen seit langem, doch deren Einsatz hängt oft von der Initiative Einzelner ab. Geschichtslehrer Öivin Moen zum Beispiel sucht zur Not auch auf eigene Faust. Kürzlich hat er anhand einer Gefangenenliste in Bergen-Belsen zwei Überlebende in Oslo ausfindig gemacht. Doch auch er schaut nicht nur zurück. „Unsere Schule unterhält eine Partnerschaft mit dem Otto-Hahn-Gymnasium in Gifhorn“, erzählt er. „Nächste Woche kommt eine Gruppe von dort zu uns.“ Mit diesen Schülern werde man unter anderem nach Rjukan fahren.

Dort, 180 Kilometer westlich von Oslo, fand 1942/43 der Kampf ums „schwere Wasser“ statt, das im dortigen Kraftwerk produziert wurde und dem Bau von Atombomben diente. Damit die Nazis die Produktionsanlagen nicht übernahmen, versenkte der norwegische Widerstand unter anderem ein Fährschiff mit norwegischen Zivilisten. Wieder ein moralisches Dilemma. Eins jener Themen, „die wichtiger sind als der pure Schock“, wie Sabine Rolka sagt. Es gehe darum, „Strukturen zu verstehen, sich selbst zu verorten und weniger manipulierbar zu werden“.