Die Frau mit der Leiter

Die Leiter! Unmöglich, nicht über das Stück Aluminium zu schreiben, wenn es um Helga Simon geht. Die Berliner Fotografin kann ihr vierstufiges Hilfsmittel, das sie zu jedem Fototermin schleppt, locker – sie zeigt das gern – mit einer Hand heben. Helga Simon ist die angeblich älteste Profifotografin der Hauptstadt. Fotografie ist auch ein Handwerk, das Körperliche spielt eine Rolle. Und da hat sie Nachteile, die die Leiter ausgleicht. Helga Simon ist klein, 1,39 Meter. Doch ihr Charme und eben auch die Leiter öffnen ihr die Herzen der Menschen, die sie fotografiert, vermitteln ihr das Lächeln, das sie sucht. Und die Leiter erzählt noch etwas: davon, dass sich die Jüdische Gemeinde Berlins, die größte Deutschlands, zu spalten droht.

Helga Simon lebt in Westberlin. Das ist ein alter Begriff, aber hier passt er. Ihre 180-Quadratmeter-Wohnung, in der auch ihr Studio untergebracht ist, liegt in der Bismarckstraße, einer achtspurigen, durch Weltkriegsbomben versehrten Prachtstraße. Die führt bis zum Großen Stern, dem Kreisverkehr, in dessen Mitte ein Goldengel auf seiner Säule von vergangenen Siegen kündet. Klingelt man bei „Foto Simon“, öffnet Helga Simon selbst die Tür. Teuer gekleidet ist sie, verspielt, farbenfroh, am Hinterkopf betont eine große, schwarze Schleife das blonde, hochgesteckte Haar.

In der Altbauwohnung, zwischen Blümchentapeten, alten Vasen und dicken Teppichen, wirkt Helga Simon etwas verloren. Doch routiniert weist sie den Weg in ihr Büro, in dem drei Schreibtische, fünf Mobiltelefone und ungezählte Aktenordner das Chaos zu bändigen versuchen. Ein Kollege, um die 50, hilft ihr geduldig am Computer mit den digitalen Fotos von der Piratenvorführung einer Grundschule. Sie wählt die besten aus, verändert den Ausschnitt der Bilder. „Ich musste ja auch auf digital umstellen“, sagt sie fast entschuldigend zum Besucher, „dabei habe ich noch so schöne alte Kameras.“

Konzentriert ist die Arbeit, draußen rauscht der Großstadtverkehr monoton vorbei, im Wohnzimmer nebenan brabbelt ein Fernseher. Ihr Kollege sitzt vor dem Flachbildschirm, sie steht daneben, beide sind jetzt auf Augenhöhe. „Dat könn’ wa ’n bisschen ranholen“, sagt er. – „Ich hatte den Himmel absichtlich drauf, der ist so schön“, meint sie. Die meisten Fotos der Serie hält Helga Simon für gelungen, fast alle werden auf CD gebrannt. Die Fotografin hat offenbar ein kleines Problem mit dem Auswählen und Wegschmeißen: Ihre Arbeitsräume sind ein Labyrinth aus Kartons, Ordnern und Alben voller Fotos und Filme. Schätze sind darunter. Und so viel Geschichte: ihre Geschichte, die Geschichte der Jüdischen Gemeinde, die Geschichte Westberlins. Fotos von halbnackten Nachtclub-Mädchen mit Berlin-Krone, das „Café Keese“ – mit Damenwahl seit vierzig Jahren. Der Boxer Bubi Scholz und der Entertainer Harald Juhnke. Es ist ihre Stadt.

Helga Simon wird 1928 in „Ostberlin“, wie sie sagt, geboren, sie ist ein Einzelkind. Ihr Vater, ein Jude, war Freiwilliger im Ersten Weltkrieg, erhielt das Eiserne Kreuz 1. Klasse, aber auch einen Lungenschuss. Der löst eine Tuberkulose aus, die ihn über Jahre ans Bett bindet – dennoch wird er 1943 von den Nazis abgeholt. Er stirbt in Auschwitz.

Die Mutter von Helga Simon ernährt die kleine Familie. Sie hat zwei Modegeschäfte in Berlin, die gut laufen. In der Pogromnacht 1938 bleiben die Schaufenster zwar heil, auf eines aber schmiert ein Blockwart neben einen Davidstern in dicker, schwarzer Schrift „Kind Jude“.

Helga fliegt von der Mittelschule. Als sie sich weigert, einer Polizeivorladung „zur Erörterung Ihrer Abstammung“ zu folgen, kommt die Gestapo zu den Simons nach Hause. Helgas Mutter sagt den Schnüfflern, ihre 14-jährige Tochter sei nicht da – dabei kauert sie in dem Bettkasten, auf dem ihre Mutter sitzt.

Um ihr Kind zu schützen, fliehen Mutter und Tochter 1943 nach Insterburg in Ostpreußen. Durch Beziehungen erhält Helga einen Ausweis, der ihre jüdische Herkunft verschweigt. Als die Rote Armee im Januar 1945 näher rückt, wird aus der Holocaust- eine Vertriebenengeschichte: Helga und ihre Mutter fliehen auf einem Pferdefuhrwerk gen Westen. Russische Scharfschützen beschießen sie. Helga springt in den Schnee und überlebt nur, weil der Körper ihres Schäferhunds einen Schuss abfängt. Ihre Mutter wird verletzt – in all dem Chaos verliert Helga sie. Sie wird sie nie wiedersehen.

Plötzlich ganz allein, schließt sich Helga einer Truppe versprengter Wehrmachtssoldaten an. Nach acht Tagen Marsch kommen sie bis zur Oder. Im vorpommerschen Demmin erbarmt sich ausgerechnet die Frau des örtlichen Obernazis der jungen Frau und nimmt Helga auf – ohne zu wissen, dass deren Vater Jude war. Als die Russen vor den Toren der Stadt stehen, begeht das Nazi-Ehepaar Selbstmord, sie ertränken sich im Fluss. Helga kommt bei Nachbarn unter und erlebt hier das Kriegsende.

„Jetzt wird sehr viel Russisch gesprochen“, sagt Helga Simon. Beklagen will sie sich über die Zugewanderten nicht Die Erfahrung der Nazizeit verbindet immer weniger in der Gemeinde. Aber eine Spaltung? „Furchtbar wäre das“

Zwei Jahre später, 1947, kehrt Helga Simon in ihre Heimatstadt Berlin zurück. Sie wohnt zuerst bei einer Großtante, später mit anderen Verfolgten des Naziregimes in einer Villa in Berlin-Hermsdorf. In dieser Zeit lernt sie Heinz Galinski kennen. Er wird wenig später, 1949, der so geliebte wie durchsetzungsstarke Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde der Hauptstadt, schließlich, 1954, auch der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland. „Er hat sich um mich gekümmert, als ob er mein eigener Vater wäre“, sagt Helga Simon.

Das war typisch für Galinski. Vielen Mitgliedern aus der alten Jüdischen Gemeinde Westberlins gilt er noch heute als Übervater: autoritär, aber klar. Mauscheleien gab es damals nicht, heißt es. „Was er bestimmt hat, das galt“, sagt Helga Simon. Nicht wenige Jüdinnen und Juden der Stadt sehnen sich heute nach dieser Klarheit. Sie fühlen sich fremd in ihrer Gemeinde, in der rund drei Viertel der 12.000 Mitglieder einen russisch-sowjetischen Hintergrund haben. Dass die Gemeinde fast zu einem „russischsprachigen Kulturverein“ geworden sei, stört den früheren Gemeindechef Albert Meyer, der seit kurzem mit der Idee hausieren geht, eine neue Jüdische Gemeinde zu gründen.

Undenkbar wäre derartiges unter Galinski gewesen. Er sagte, wo es langgeht. Als etwa Helga Simon Anfang der 50er-Jahre schon alles vorbereitet hat, um in die USA auszuwandern, bestimmt er: „Kommt nicht in Frage, Mädchen, du bleibst hier. Du wirst hier gebraucht.“

Sie fügt sich. Mit leuchtenden Augen erzählt Helga Simon von Galinski, von ihrer Zeit mit ihm. Sie steht im Flur, an der Wand mit Blümchentapete hängen Fotos. Von ihr und den Bundespräsidenten: Scheel, von Weizsäcker, Herzog, Rau, Köhler – sie hat alle fotografiert, durch Galinski kommt sie an sie ran, er wirkt bis heute. Die Staatsoberhäupter vertrauen ihr. Schätzen sie offenbar, die kleine Frau mit der Leiter.

Helga Simon liebt Menschen, und die mögen sie, wohl auch die Präsidenten. „Ich komme überall rein“, sagt sie, „muss nur meinen Namen nennen.“ Ihr vielleicht bestes Bild ist ein Porträt von Bill Clinton. Sie hat es gemacht, als der damalige US-Präsident Berlin besuchte: Helga Simon hat es als Poster hochgezogen und von ihm unterschreiben lassen: „For Helga“ steht da.

Galinski rät Helga Simon Ende der 40er-Jahre, noch mal zur Schule zu gehen. Nach der mittleren Reife macht sie eine Ausbildung zur Modedesignerin, später, wieder auf Galinskis Rat hin, eine Lehre als Krankenschwester am Jüdischen Krankenhaus. Dabei hilft sie einem Freund, der dort die Schwestern fotografiert. Als Helga Simon mal für ihn einspringt, sieht Galinski ihre Bilder und ruft aus: „Mädchen, du bist ein Naturtalent!“ So wird Helga Simon 1952 die Hausfotografin der Gemeinde. Und sie bleibt es. Jahrzehntelang fotografiert sie alles, einfach alles: Geburten, Beschneidungen, Bar-Mizwas, Hochzeiten und Bälle, viele Bälle. Bald kann sie professionell für einen Fotoladen arbeiten, später macht sie sich selbstständig. Sie lebt für das Fotografieren, für anderes ist kaum Platz. „Ich bin mit meiner Kamera verheiratet“, sagt sie.

Helga Simon geht durch ihre Wohnung, kramt hier Fotos hervor, blättert dort in Bildern: Das Westberlin der 50er-, 60er-Jahre entsteht in Schwarzweiß, Glanz und Elend, Magie und Muff: Willy Brandt, der Mauerbau und John F. Kennedy. In Farbe dann der ewige Eberhard Diepgen und der unsterbliche Johannes Heesters, der frühere Nachtclubbesitzer Rolf Eden samt jungen Damen, Klaus Wowereit, das Schloss Bellevue und der Ku’damm. Zu jedem Bild eine Geschichte, zu jedem Foto ein Lächeln. Und immer wieder Galinski, mal lachend, mal staatstragend. Das Symbol Westberlins, die Gedächtniskirche, hängt als Stich an der Wand, unzerstört.

Heute ist diese Welt am Vergehen, die Stadt hat sich verändert, die Gemeinde auch. „Jetzt wird sehr viel Russisch gesprochen“, sagt Helga Simon vorsichtig – beklagen will sie sich über die aus der GUS zugewanderten Juden nicht: „Die zahlen auch prompt meine Bilder“, sagt sie, „ich habe keine negativen Erfahrungen gemacht.“

Helga Simon stört anderes an der Gemeinde. Etwa dass manche Rabbiner ihr nun untersagen, Feiern in der Synagoge zu fotografieren – unter Galinski durfte sie das selbstverständlich. Die Gemeinde ist orthodoxer geworden. Zu fromm, meinen manche. Auch deshalb ziehen sich viele ältere, liberale Mitglieder immer mehr zurück. „Ich gehe auch kaum mehr hin“, sagt Helga Simon.

Auch wenn zweifelhaft ist, ob es wirklich zur Spaltung kommt, zeigt der Vorstoß des Exvorsitzenden Meyer ein Unbehagen vieler Mitglieder – vor allem bei denen, die noch durch die alte Westberliner Gemeinde geprägt wurden oder gar aus dem zerstörten deutschen Judentum der Vorkriegszeit stammen. Die Erinnerung an das durch die Nazis erfahrene Leid kann immer weniger zusammenschweißen. Aber eine Spaltung? „Furchtbar wäre das“, sagt Helga Simon. Viele denken so.

Und doch: In letzter Zeit immer seltener steigt Helga Simon in der Gemeinde auf ihre Leiter, um zu fotografieren. Manchmal scheuchen sie Bodyguards, die sie nicht kennen, von der Bühne, wenn sie Politikern allzu nahe kommt. Den neuen Vorsitzenden der Gemeinde, Gideon Joffe, kennt sie schon seit seinen Jugendtagen. Aber der unterbreche seine Sitzungen auch nicht mehr für sie, wenn sie anruft – Galinski hat das gemacht.

So viele Fotos, so viel Geschichte. Sie wolle so alt werden und agil bleiben wie der Heesters, sagt Helga Simon zum Abschied. An der Wohnungstür lehnt ihre Leiter, bereit für den nächsten Termin. Nach zwei Stürzen in letzter Zeit steige sie nicht mehr auf die oberste Stufe, erzählt sie. Da werde ihr schwindelig.