Mit dem Imam gegen Judenhass

Der Antisemitismus in Deutschland hat viele Gesichter – darunter auch ein muslimisches. Dieser speist sich aber nicht aus religiösen Quellen, sondern ist ein modernes Phänomen

Der Antisemitismus in Europa nimmt zu. Nicht nur in Frankreich oder England. Der Anschlag auf einen jüdischen Kindergarten in Berlin hat kürzlich gezeigt: Auch in Deutschland leben Juden gefährlich. Um 50 Prozent hat die Zahl der antisemitischen Übergriffe hierzulande seit 2004 zugenommen. Ein Skandal, der von der Breite der Bevölkerung nicht als solcher empfunden wird.

Michael Kiefer ist Islamwissenschaftler und lebt in Düsseldorf. Eberhard Seidel lebt in Berlin und leitet das Projekt „Schule gegen Rassismus“. Bis 2002 führte er das Inlandsressort der taz. Beide beschäftigen sich seit Jahren mit Islamismus und Antisemitismus unter muslimischen Migranten.

Schluss mit der Gleichgültigkeit, fordert deshalb Gideon Joffe, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde von Berlin. Er rief Nichtjuden zum „Kippa-Test“ auf: „Sie werden sich wundern, welche Erfahrungen Sie mit einer Kippa oder einem Davidstern machen werden, in der U-Bahn, im Café und an vielen Orten.“ Inzwischen haben sich einige Journalisten dem Kippa-Selbstversuch unterzogen. So auch ein Mitarbeiter der taz, der in Neukölln (Araberviertel) und Lichtenberg (Nazihochburg) die Stimmung erkundete.

„Mit der Angst durch Berlin“ lautet der Titel des Berichts (taz vom 3. 3.). Das Fazit: Vor allem in Neukölln, wo der Autor „arabisch-muslimischen Antisemitismus“ vermutet, gab es kritische Situationen. Der Mann mit der Kippa wird von Jugendlichen mit „Du Jude!“ angepöbelt. Das ist ohne Frage offener Antisemitismus. Der Rest der Reportage aber liefert Mutmaßungen, Spekulationen und einen inneren Dialog. Da ist von einer „Kopftuch tragenden Mutter“ die Rede, die „einen finsteren Blick“ zuwirft. Noch ärger trifft es den Autor scheinbar an einem Falafelladen: „Drinnen ein bärtiger junger Mann, der sich mit einem langen Messer an dem Spieß zu schaffen macht. Er schaut mich böse an. Ich kriege Angst – und gehe schnell weiter. Wenig freundlich auch die Blicke aus den nächsten Falafelläden.“

Das Ergebnis einer solchen Schilderung ist das Bild einer judenfeindlichen muslimischen Bevölkerung, vor der sich Juden in Acht nehmen müssen. Wie sehr, das teilt uns der Autor mit, nachdem er das Kippa-Experiment in der vermuteten Nazihochburg Lichtenberg wiederholt hat: In Neukölln habe er sich „stellenweise unsicher“ und in Lichtenberg lediglich „unwohl“ gefühlt.

Derartige Vergleiche zwischen deutschem und muslimischem Antisemitismus sind in der emotional und kontrovers geführten Debatte um den „neuen Antisemitismus“ en vogue. Sie festigen das Konstrukt vom „islamischen“ oder „muslimischen Antisemitismus“. Eine kulturalistische Zuschreibung, die davon ausgeht, der Antisemitismus bei Einwanderern aus muslimischen Ländern speise sich – im Gegensatz zu „uns“ (christlich geprägten) Deutschen – aus religiösen Quellen.

Diese Sicht der Dinge ist zwar allgegenwärtig. Sie bleibt aber trotzdem falsch. Sie unterstellt, dass es in der Geschichte islamischer Gesellschaften schon immer und überall so etwas wie eine religiös begründete, militante Judenfeindschaft gegeben habe. Die historische Forschung kommt zu anderen Ergebnissen. Bernard Lewis („Die Juden in der islamischen Welt“) und Mark Cohen („Unter Kreuz und Halbmond“) zeigen, dass das Verhältnis von Juden und Muslimen weder von ungetrübter Harmonie noch von permanenten Anfeindungen durch Muslime geprägt war. Die Geschichte des Zusammenlebens verlief wechselhaft. Zumeist erging es der jüdischen Bevölkerung unter muslimischer Herrschaft jedoch besser als im christlichen Abendland.

In der Geschichte gab es zwischen Juden und Muslimen weder stets Feindschaft noch ungetrübte Harmonie

Der Antisemitismus ist in islamischen Gesellschaften ein relativ neues Phänomen. Am Ende des neunzehnten Jahrhunderts trat er, sieht man vom Antisemitismus der christlichen Minderheiten einmal ab, erstmalig im Kontext nationalistischer Ideologien im Osmanischen Reich auf.

Zu einem Massenphänomen stieg er im Zuge des Palästinakonflikts in den 50er- und 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts auf. Aber auch damals hatte die antisemitische Phrasendrescherei von einer angeblich jüdischen Weltverschwörung, die Israels Existenz ermögliche, wenig mit dem Islam zu tun. Die Propagandisten der arabischen Regime gaben sich nationalistisch und waren säkular, mitunter areligiös. Sie reproduzierten zumeist in Europa verfasste antisemitische Traktate.

Zu einer relevanten Islamisierung des Antisemitismus kam es erst nach der „islamischen Revolution“ im Iran 1979. Mittlerweile hat das Phänomen via Satellitenfernsehen auch Europa erreicht. Vor allem im Zusammenhang mit der zweiten Intifada seit dem September 2000 gab es einige antisemitische Fernsehproduktionen, die von islamistischen Sendern produziert und auch in Europa vertrieben wurden.

Keine Frage: Dieser islamisch übertünchte Antisemitismus stellt ein Problem dar. Er ist jedoch kein religiöses Phänomen. Wer so urteilt, verkennt die Dimension des moderne Antisemitismus: dass er im Kern ein flexibler Code ist, der sich problemlos in säkular oder religiös begründete Ideologiekonglomerate einbauen lässt. Sein Erfolgsrezept: In einer wenig kuscheligen globalisierten Welt bietet er ein Welterklärungsmuster, das mit der Hilfe abstruser Verschwörungsfantasien einen Schuldigen für die ganze Misere benennt: die Juden.

Der zeitgenössische Antisemitismus hat viele Gesichter. In Ostdeutschland verbrennen deutschnationale Jugendliche das „Tagebuch der Anne Frank“. In einem türkischen Kinofilm, der zu nationalistischen (nicht islamistischen!) Aufwallungen führte, wird ein jüdischer Arzt als Organräuber dargestellt. Dann gibt es noch die Islamisten, deren Verschwörungsfantasien die Juden zu historischen Widersachern des Islam erheben.

Nicht jede Kritik eines palästinensischen Teenagers an Israels Besatzungspolitik ist per se antisemitisch

Alldem muss Einhalt geboten werden. Mit Verboten und Strafen alleine lässt sich dieses Ziel jedoch nicht erreichen. Daneben braucht es präventive Ansätze, die das Problem lebensweltnah aufgreifen. Und Bündnispartner in den Wohnquartieren, die öffentlich klarstellen: Antisemitismus? Der wird hier nicht geduldet, auch nicht klammheimlich.

In Stadtteilen mit einem großen Anteil arabischer Zuwanderern sind neben den Schulen und Migrantenorganisationen Moscheegemeinden wichtige Ansprechpartner. Zu Mitstreitern macht man diese aber nicht, wenn man ihnen unterstellt, ihre Religion trage bereits den Antisemitismus in sich. Und die Anti-Antisemitismusarbeit in diesem Milieu muss lernen: Nicht jede Kritik eines palästinensischen Jugendlichen oder eines Imams an der Besatzungspolitik Israels ist per se antisemitisch. Und nicht jeder bärtige Muslim, der sich antisemitisch verhält, greift dabei auf den Koran zurück.

Entkulturalisierung und Entreligionisierung der Debatte ist unverzichtbar, will man die Wurzeln des aktuellen Antisemitismus freilegen und bekämpfen. Das ist nicht leicht, werden damit doch diskursive Selbstgewissheiten der letzten Jahre in Frage gestellt. Wem dies zu kompliziert erscheint, der sollte lieber die Finger vom Thema lassen. Denn zur Verbesserung der Lage trägt er außer selbstverliebter Standortbestimmung nichts bei. Und die Lage in den Niederungen der Republik ist ernst.

Moscheegemeinden sind potenzielle Verbündete, wenn es um den Kampf gegen Antisemitismus geht

MICHAEL KIEFER

EBERHARD SEIDEL