„Wir sollten uns bewegen“

„Die Leute hören lieber einen Song als eine Rede“: Ein Gespräch mit der Gospel-Legende Mavis Staples über Protestsongs, die Frohe Botschaft und das, was man als Kind Gottes nicht singen sollte

INTERVIEW MICHAEL TSCHERNEK

taz: Mrs Staples, für Ihr neues Album „We’ll Never Turn Back“ haben Sie überwiegend traditionelle Songs aufgenommen, die die US-amerikanische Bürgerrechtsbewegung in den 50er- und 60er-Jahren begleitet haben. Warum gerade heute?

Mavis Staples: Weil ich glaube, dass es jetzt wieder nötig ist. Ich denke, dass wir unsere Arbeit in den 60er-Jahren nicht beendet haben. Außerdem beobachte ich heute Dinge, die nach diesen Songs verlangen. Möglicherweise werden sie zurzeit mehr denn je benötigt. Wir befinden uns im 21. Jahrhundert und wir sollten uns vorwärtsbewegen, mehr denn je sollten wir als eine Nation zusammenwachsen. Aber auf unseren Reisen spüren wir immer noch den Rassismus. In Hotels, in Restaurants, in denen Weiße bevorzugt bedient werden. Das geschieht ganz unverhohlen. Überall, an Flughäfen. Oder denken Sie nur mal an „Katrina“!

Auf welche Weise helfen Protest- oder Freedomsongs dem Anliegen der Bürgerrechtsbewegung?

Die Leute hören sich lieber einen Song als eine Rede an. Mir geht es nicht anders. Wenn du also den Inhalt einer Rede in einen Song packst, dann wird die Botschaft auch bei den Leuten ankommen. Und wir brauchten Songs während der Bewegung. Wir haben die Lieder gesungen, während wir marschierten. Viele dieser Stücke waren Kirchenlieder. Wir sind Menschen der Kirche. Darum haben wir solche Texte gesungen: „This little light of mine / I’m gonna let it shine.“ Oder: „Jesus is on the main line / Tell him what you want.“ Die Musik spielte eine wichtige Rolle in der Bewegung. Wir haben gesungen und Spenden gesammelt.

Mavis Staples war das jüngste Mitglied, aber trotzdem die Lead-Stimme der Staple Singers. Die Gospel-Familiengruppe unter Leitung ihres Vaters von Roebuck „Pops“ Staples (1914 – 2000) begann ihre Karriere mit ausschließlich religiösem Gospel, bevor sie in den Sechzigerjahren auch mit Folk- und Protestsongs reüssierte. Schließlich gelangen in den Siebzigern sogar Hits für die Soul-Schmiede Stax – am bekanntesten wohl das wunderbare Stück „Respect Yourself“. Als Solokünstlerin konnte Mavis Staples trotz Unterstützung von Curtis Mayfield oder Prince nie wieder an die großen Erfolge mit ihren Geschwistern anknüpfen. Gemeinsam mit Ry Cooder lässt die inzwischen 66-Jährige auf ihrem neuen Album „We’ll Never Turn Back“ (Anti/SPV) die Freedom-Songs der US-Bürgerrechtsbewegung wiederaufleben. TOW

Sie kommen vom Gospel. Wie stehen Sie zu den Versuchen jüngerer Künstler wie Kirk Franklin, den Gospel mit modernen Musikstilen wie Hiphop zu verbinden?

Ich begrüße ihre Versuche, sich selbst zu finden, und die Tatsache, dass sie zur Kirche gehen und die Frohe Botschaft verkünden wollen. Denn nichts anderes ist der Gospel, die Musik der Frohen Botschaft. Ich habe meinen Vater vor seinem Tod vor sieben Jahren zu jungen Leuten wie Kirk Franklin und deren Umgang mit Gospel befragt. Franklin hatte damals ein Video mit den Rapperinnen Salt-N-Pepa aufgenommen, die darin kaum bekleidet waren und ihre Beine in die Luft schleuderten. Ich fragte Pops also: „Daddy, was hältst du von diesen Kids, die sich selbst als Gospelsänger bezeichnen? Ich konnte darin keinen Gospel entdecken. Meinst du nicht, dass sie damit unseren Herrn verhöhnen?“ Und er antwortete: „Mavis, alles ändert sich. Du hast andere Erfahrungen gemacht. Du darfst nicht über sie urteilen. Lass sie machen, was sie für richtig halten.“ Ich sagte: „Okay Pops.“ Und dennoch war ich über einige Dinge irritiert.

Aber sind Sie mit den Staple Singers nicht selbst an die Grenzen des Gospel gegangen, indem Sie sich in Richtung Soul und Funk und damit in Richtung weltlicher Musik bewegten?

Moment mal, was verstehen Sie unter weltlicher Musik? Love Songs sind für mich säkulare Musik. Die Staple Singers haben nur einen einzigen säkularen Song in ihrer gesamten Karriere gesungen. Und das war der Song „Let’s Do It Again“, den wir für einen Film-Score aufgenommen haben. Curtis Mayfield, der das Stück produziert hat, musste richtig kämpfen, damit Pops seinen Part singt: „I like you lady. So fine.“ Pops sagte: „Curtis, das kann ich nicht singen. Ich bin ein Mann der Kirche.“ Schließlich haben wir Pops dazu überredet, weil wir unbedingt bei diesem Film mitmachen wollten: „C’mon Daddy!“ Und Curtis sagte: „Pops, ich werde für dich beten.“

Aber mit unseren übrigen Songs war das etwas anderes. Da muss man nur hinhören. Zu Beginn unserer Karriere haben wir uns ganz streng an Gospel gehalten. Und nachdem wir Dr. Martin Luther King trafen, machten wir in den Sechzigerjahren eine Veränderung zu Protestsongs durch. Als wir das Gefühl hatten, dass Dr. King Erfolge erzielte, meinte Pops: „Okay, wir bewegen uns weiter und konzentrieren uns wieder auf unsere Karriere.“ Und wir begannen, Songs zu singen, die wir Message-Songs nannten, Songs wie „I’ll Take You There“ und „Respect Yourself“. Damals wollten uns tatsächlich einige Kirchenleute wegen „I’ll Take You There“ aus der Kirche werfen. Die haben behauptet, dass die Staple Singers die Musik des Teufels singen, weil wir überall, auch auf R-’n’-B-Radiosendern, gespielt wurden. Dabei hätten diese Leute nur auf den Text hören müssen. „Ain’t nobody cryin’ / Ain’t nobody worried / Ain’t no smilin’ faces lyin’ to the races / I’ll take you there.“

Alle Stücke, die wir sangen, hatten eine positive, informative Botschaft. Darauf kam es bei uns schon immer an. Pops erklärte sogar unseren Songschreibern: „Wenn ihr für die Staple Singers arbeiten wollt, dann lest die Schlagzeilen. Denn wir wollen über die Dinge singen, die sich heute in der Welt zutragen. Und wenn es da etwas geben sollte, was verbesserungswürdig ist, dann wollen wir einen Song singen, der möglicherweise dazu beiträgt, die Situation zu verbessern.“

Zum Beispiel „Why (Am I Treated So Bad?)“

Ja, in dem Stück geht es um die neun afroamerikanischen Kinder, die als die Little Rock Nine Geschichte gemacht haben. Sie sollten in die Central High School von Little Rock, Arkansas, integriert werden, da sie alle sehr gute Noten hatten. Jeden Morgen haben sich diese Kinder aufrecht und ordentlich mit ihren Büchern auf den Schulweg gemacht. Und täglich versammelten sich zahlreiche Gegner der Integration am Rande ihres Weges, um sie zu beschimpfen, zu bespucken und mit Gegenständen zu bewerfen. Das wurde sogar im Fernsehen übertragen.

Wir beobachteten sie auf dem Weg zum Bus, und in dem Moment, als sie einsteigen wollten, versperrte ein Polizist mit seinem Knüppel die Tür. Und Pops fragte: „Warum macht er das? Why is he treating them so bad?“ Diesen Song, der sich schließlich sogar zu Dr. Kings Lieblingssong entwickelte, hat er noch am selben Abend geschrieben. Immer wenn wir zu einer Versammlung gingen, kam Dr. King auf Pops zu und sagte: „Stape, ihr werdet doch heute Abend meinen Song singen?“

Erreichten die Staple Singers in den Sechzigern bereits ein Mainstream-Publikum?

In den Fünfzigerjahren hatten wir ein überwiegend schwarzes Publikum, da wir damals ausschließlich von schwarzen Radiosendern gespielt wurden. Aber im Laufe der Sechzigerjahre hatten wir ein gemischtes Publikum. Damals haben wir bereits auf Folkfestivals mit Joan Baez, Bob Dylan, Richie Havens und anderen gespielt. Wir wurden als Soul-Folk-Singers bezeichnet. Und in den späten Sechzigern und frühen Siebzigern, unseren Jahren bei Stax, erreichten wir schließlich auch ein Mainstream-Publikum.

Stax stand für funky Southern Soul und war weniger als Motown auf ein Mainstream-Publikum ausgerichtet. Dennoch wurden gerade bei Stax mehrere weiße Musiker beschäftigt.

Ja, das fanden wir sehr interessant. Als wir 1968 bei Stax anfingen, waren Booker T. & The MGs bereits eine gemischte Band. Das war unglaublich cool: „Die haben ja zwei weiße Typen in ihrer Gruppe. Wie ist es denn dazu gekommen?“

Und weiße Stax-Musiker haben auch bei den Aufnahmen der Staple Singers als Backing Band gearbeitet?

Ja, die Rhythm Section auf „I’ll Take You There“ bestand zum Beispiel aus vier weißen Musikern. Das Stück haben wir in Muscle Shoals, Alabama, aufgenommen. Paul Simon soll dort angeblich einmal ausdrücklich nach den „schwarzen“ Musikern gefragt haben, die auf unserem Song gespielt haben (lacht). Dabei hatten die einfach nur Soul.

Bei „Let’s Do It Again“ sagte Pops: „Das kann ich nicht singen. Ich bin ein Kirchenmann“ Martin Luther King fragte uns jeden Abend: „Werdet ihr mein Lied singen?“

Sie haben mit elf Jahren begonnen zu singen?

Sogar schon mit acht Jahren. Als ich elf Jahre alt war, haben wir begonnen, in den Kirchen von Chicago und der Umgebung zu singen. In den Jahren davor haben wir zu Hause in unserem Wohnzimmer gesungen. Meine Mutter arbeitete damals in der Nacht, und mein Vater tagsüber. Pops war also abends mit uns Kindern zu Hause. Und nachdem wir unsere Hausaufgaben beendet hatten, holte er seine Gitarre raus und wir setzten uns in einem Kreis um ihn herum auf den Boden. Wir haben nur zu unserem persönlichen Vergnügen gesungen. Damals hätte ich nie gedacht, dass wir es so weit bringen.

Eines Tages lud uns unsere Tante Katie ein, in ihrer Kirche zu singen. Vivian Carter von VeeJay-Records befand sich unter den Kirchgängern. Und sie sagte zu Pops, dass sie uns unter Vertrag nehmen wolle. Und so kam eins zum anderen. Bei den Aufnahmen unserer ersten Platte, „Uncloudy Day“, war ich dreizehn. Vivian Carter staunte: „Die Platte verkauft sich wie eine R-’n’-B-Scheibe!“ Das war die erste Gospelplatte, von der eine Million Exemplare verkauft wurden. Vielleicht haben sie uns deshalb „God’s Hitmakers“ genannt. Plötzlich bekamen wir von überall Briefe. Und wir gingen auf Konzertreisen. Mein Vater kündigte seinen Job, und er brachte auch meine Mutter dazu, ihre Arbeit aufzugeben. Auch meine Schwestern und mein Bruder, die alle gearbeitet hatten, kündigten ihre Jobs. Wir machten uns auf den Weg, und seit dieser Zeit sind wir ständig auf der Straße.

Genießen Sie es immer noch?

Ich liebe das Singen und auch die Konzertreisen. Ich treffe viele großartige Menschen. Ich würde um keinen Preis etwas an meinem Leben ändern wollen. Ich hasse es lediglich, meinen Koffer zu packen. Das ist das Schlimmste. Inzwischen habe ich mich damit arrangiert. Ich zähle die Tage, die ich unterwegs sein werde, und rechne mir dann vor: Gut, ich brauche ein paar Pullover, ich brauche Jeans. Aber auf den Wetterbericht kann man sich nicht immer verlassen.